Elser – ein deutscher Held

Der böse Mann ist noch gar nicht tot: 1939 versuchte der Schreiner Georg Elser erfolglos, Adolf Hitler in die Luft zu sprengen. Davon erzählt Oliver Hirschbiegel im Spielfilm «Elser» – und kann damit Busse tun für seinen «Untergang».

Nicht immer dient die Menge der historischen Details einer konzentrierten Stimmigkeit: Trailer zu «Elser: Er hätte die Welt verändert».

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Die Geschichte arbeitet mit grausamen Zufällen. Es heisst, Adolf Hitler habe ­zügig geredet am 8.  November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, jedenfalls hielt er sich ungewöhnlich knapp bei seiner jährlichen Pflichtansprache vor den «alten Kämpfern» des Münchner Naziputsches von 1923. Das Flugwetter war schlecht, ein Sonderzug nach Berlin wartete, der Polenfeldzug hatte Priorität. Das rettete dem «Führer» das Leben (und mit ihm fast der gesamten NS-Führungsspitze). Die Geschichte nahm ihren Gang zum Untergang, und dies war die Tragödie des Georg Elser, eines Schreiners aus Königsbronn in Schwaben, der ihn ganz allein hat aufhalten wollen. Die raffiniert ertüftelte Zeitbombe, die er in einem Mauerpfeiler des Bräukellers platziert hatte, um Hitler zu töten, explodierte präzise und effizient, aber dreizehn Minuten zu spät. Sodass im Grunde das Attentat die Welt eben nicht veränderte (soweit ein Attentat das überhaupt könnte), weil der Attentäter bei der Einstellung der Zünderuhr Hitlers Geschwätzigkeit überschätzt hatte.

Er wollte tun, was richtig war

Um diesen Kern von Tragik spielt das historische Drama «Elser: Er hätte die Welt verändert» von Oliver Hirschbiegel, ein überaus sorgfältiger, korrekter Film und, wenn man will, sogar: ein Gegenstück zu Hirschbiegels «Der Untergang» von 2004. Oder gewissermassen die Sühne dafür, seinerzeit einmal, im Huis Clos des Führerbunkers, der Faszination und den Sentimentalitäten eines perversen idealistischen Wahnsinns erlegen zu sein. Hitler als biedermeierlicher Zittergreis, der Nudeln mit Tomatensauce ass und es auch nicht leicht hatte: Das hatte uns damals, 65 Jahre nach Elser, 60 Jahre nach Stauffenberg, gerade noch gefehlt. «Elser» jetzt ist keine Geschichte vom Menscheln des Monströsen, sondern eine vom Unmenscheln des Menschlichen, das einen Hitler erst recht möglich machte. Und mittendrin steht, als Held ohne Glorienschein, aber mit gereiztem Anstands­gefühl, ein kleiner, nobler Mann, der tun wollte, was richtig war.


Georg Elser (Christian Friedel, rechts) war ein Handwerker, der erkannte, was viele hätten erkennen können – und seine Konsequenzen zog. Foto: Bernd Schuller

Weit ausgreifend erzählt Hirschbiegel vom Scheitern des guten Willens. Wie es kam, dass ein Handwerker von der Schwäbischen Alp, ein lebensfrohes, musikalisches, erotisch leicht entzündbares Gemüt, ein Bombenbauer wurde; wie er den Mut hatte, ganz für sich allein aus einer Realität Schlüsse zu ziehen und moralische Konsequenzen; und was folgte, Verhaftung, Verhör, Folter und – Jahre später, 1945 im Konzentrationslager Dachau – der Tod des Elser. Eine deutsche Realität geht einem da auf, in der ein Mann erkannte, was viele hätten erkennen können – nicht erst nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 (daran natürlich auch); auch nicht an den blutigen Händen seiner nazifizierten Mitbürger («Elser» zeigt tatsächlich eher ein moderates schwäbisches Nazitum, eine Art Gemütlichkeit beim Zähne­einschlagen), sondern schon, als die ­Königsbronner Bäcker begannen, Brote in Hakenkreuzform zu backen.

Minutenlang zu Tode zappeln

Ungemein bedachtsam, fast umständlich geht Hirschbiegel seinen dramatischen Weg, der das Ziel ist, skrupulös im Grossen der historischen und im Kleinen der individualpsychologischen Entwicklung: vom Ende der Weimarer Republik bis zum Attentat, das sehr diskret einen Moment lang den Himmel über München erleuchtet; vom Anschlag zu den verbürgten Verhörszenen, in denen der Berliner Kripo-Chef Arthur Nebe (Burghart Klaussner) und der Gestapo-Chef Heinrich Müller (Johann von Bülow) Georg Elser (Christian Friedel) die Knochen brechen lassen, aber den Geist nicht brechen können; und darüber hinaus, bis zum Tag, an dem dann der Müller den Nebe als Verschwörer des 20. Juli 1944 an Klaviersaiten aufhängen lässt, woran der minutenlang zu Tode zappelt. Auch das ist durch Quellen gedeckt und ein Nebendrama der Geschichte. Ja, man lernt viel in «Elser».

Womit wir beim dramentechnischen Problem eines so tadellosen Films wären. So tadellos verschlungen ist er, dass man nun das Gefühl hat, er sei etwas überlastet durch den sichtbaren Willen zur biografischen Präzision, zur glaubwürdigen Motivik und realistischen Drastik. Nicht immer dient die Menge der historischen Details einer konzentrierten Stimmigkeit.

Schweigen über Brandauer

Dazu kommt ein unkünstlerischer Einwand. Es ist nicht recht, dass Oliver Hirschbiegel während seines Marketings so getan hat, als habe er dem fiktionalen Kino den ersten «wirklichen» Elser gegeben. Der erste nämlich war von Klaus Maria Brandauer im Spielfilm «Georg ­Elser: Einer aus Deutschland» von 1989. Er war nicht unwirklicher. Es mag sein, dass damals an der äusseren Wahrheit etwas herummanipuliert wurde, dramaturgisch gesehen; die innere, das Bild ­eines eigenbrötlerischen, erfindungsreichen Anstands, wurde nicht beschädigt. Brandauer spielte damals den Elser selbst, und vielleicht wars gerade, weil der charismatische Darsteller und seine leise Figur nicht so recht zusammenpassten, ein bemerkenswertes Stück Schauspielerei. Man möchte sagen: Hirschbiegels hörbar lautes Schweigen über Brandauers Film, mal abgesehen von ein paar abschätzigen Bemerkungen, ist eine unkollegiale filmhistorische Bösartigkeit.

Elser: Er hätte die Welt verändert (D, 2015). 114 Minuten. Regie: Oliver Hirschbiegel. Mit Christian Friedel u. a. In Zürich ab Donnerstag im Arthouse Piccadilly. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2015, 17:22 Uhr

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