Er ist wieder da

Heute Abend beginnt das Filmfestival von Cannes. Bereits jetzt zu reden geben der Ausschluss von Netflix oder eine Düpierung der Journalisten. Und die Aufhebung des Hausverbots von Lars von Trier.

Regisseur Lars von Trier war in Cannes in den letzten Jahren nicht mehr geduldet.

Regisseur Lars von Trier war in Cannes in den letzten Jahren nicht mehr geduldet. Bild: PD

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Was war schon wieder die beste Verteidigung, der Angriff? Oder die vorauseilende Beschwichtigung? Das Cannes-Festival entschied sich für Zweiteres und verschickte vor ein paar Tagen ein Mail an alle akkreditierten Kritiker. Darin standen für Franzosen einigermassen freundliche Sätze, etwa «Zuallererst: Wir wissen, dass die meisten von Ihnen während zwei Wochen durcharbeiten.» Oder: «Uns ist natürlich bewusst, dass diese Umstellung bedeutet, dass alle ihre Gewohnheiten ändern müssen, in erster Linie Ihr Journalisten.»

Die Umstellung betrifft eine Änderung bei den Pressevorführungen, die für viele Kritiker einer Palastrevolution gleichkommt: Statt wie üblich am Vormittag sehen die Filmjournalisten die Wettbewerbsfilme neu zeitgleich mit dem Premierenpublikum am Abend (oder sogar erst am folgenden Morgen). Der Grund dafür ist, dass die Instant-Urteile der Kritiker nach den Pressevorführungen in den letzten Jahren auf Social Media «wie Konfetti» niedergeregnet seien – und den Filmteams auch schon mal gehörig den Abend verdorben hätten.

Das Ziel des künstlerischen Leiters Thierry Frémaux: Ein Fest fürs Kino zu veranstalten, möglichst ohne Spielverderber. Die Folgen: Ein Gerangel vor den Vorstellungen am Abend, die man jetzt auf keinen Fall verpassen darf. Das Schlimmste: freie Vormittage, die nicht wenige mit Nebenreihen-Vorführungen füllen werden, was diese noch voller macht.

Was ist dieses Jahr sonst noch anders?

1. Keine Beteiligung von Netflix
Nach langwierigen Verhandlungen hat der US-Streamingdienst Netflix entschieden, keine Eigenproduktionen in Cannes zu zeigen. Im Angebot gewesen wäre etwa «Roma», der neue Film von «Gravity»-Regisseur Alfonso Cuarón. Cannes und die eher kulturkonservative französische Filmbranche beharren auf einer Kinovorführung nach dem Festival in Frankreich; Netflix will die Filme seinen Nutzern zum Streamen geben. Es ist ein Stellvertreterkrieg um die Zukunft des Filmschauens, und Cannes wird irgendwann verlieren. Aber nicht dieses Jahr!

2. Nicht so viele Stars
Zum Eröffnungsfilm des Iraners Asghar Farhadi reist das Ehepaar und Darstellerduo Javier Bardem und Penelope Cruz an. Sonst sind wenige Weltstars angekündigt, wohl deshalb, weil die meisten von ihnen in der Jury arbeiten: Léa Seydoux und Kristen Stewart urteilen heuer über die Filme, neben den Regisseuren Denis Villeneuve und Andrei Swjaginzew. Den Vorsitz hat Cate Blanchett.

Der Trailer von «The House That Jack Built». Quelle: Youtube.

3. Lars von Trier darf wieder anreisen
Der Däne Lars von Trier («I Understand Hitler») darf nach seiner unglücklich verlaufenen Pressekonferenz von 2011 wieder ans Festival fahren, wurde mit seinem Serienmörder-Thriller «The House That Jack Built» aber vorsorglich ausser Konkurrenz programmiert. Es ist offenbar ein Film um die Schlechtigkeit der Welt, und falls von Trier Interviews gibt, wirds bestimmt nicht allzu fröhlich.

4. «Gelüftetes Programm»
Bei der Vorstellung sagte Thierry Frémaux, man habe die Wettbewerbsauswahl dieses Jahr «gelüftet». Das heisst, dass man die neuen Filme von Arthouse-Zulieferanten wie Stéphane Brizé, Christophe Honoré, Hirokazu Koreeda oder Pawel Pawlikowksi natürlich trotzdem zeigt, schliesslich haben sie die extra gemacht, und sie sind fertig. Andererseits sollen Namen wie David Robert Mitchell («It Follows») oder A. B. Shawky (u. a. Arabisch-Berater bei der Serie «The Looming Tower») für frischen Wind sorgen. Was die experimentelle Form betrifft, so setzen wir alle Hoffnung auf Jean-Luc Godards «Le livre d'image». Wahrscheinlich brüllt wieder ein Kritiker «Godard!» vor dem Vorspann, und wenns aus ist, twittert er was.

5. Wo finden sich 2018 die Entdeckungen?
Recht gespannt sind wir auf «Etemo sametomo» des Japaners Ryusuke Hamaguchi, er zeigte 2015 im Locarno-Wettbewerb das fünfstündige Drama «Happy Hour». In der Quinzaine des Réalisateurs erkundet der Dokumentarist Sergei Loznitsa «Donbass» und zeigt der Deutsche Ulrich Köhler («Schlafkrankheit») endlich etwas Neues. Wang Bing stellt ausser Konkurrenz «Dead Souls» über die Kulturrevolution Chinas vor, allerdings dauert diese Chronik acht Stunden – «scheduling nightmare», wie man in Frankreich sagt. Genauso wie die Vorführzeit des neusten Deliriums von Gaspar Noë: Sonntagmorgen um 8.30 Uhr.

6. Gewinnt jemand Interessantes?
Schwer zu sagen. Der Filmkenner und Buchmacher Neil Young, der dieses Jahr die ganze Berlinale-Preisliste voraussagte, tippt wegen der frauenlastigen Jury auf «Lazzaro Felice» der Italienerin Alice Rohrwacher für die Goldene Palme. Das wäre eine Schweizer Koproduktion und ein Riesenerfolg für einen der Geldgeber, das Tessiner Fernsehen RSI. Leider lag Young in den letzten Jahren kaum richtig, denn die Cannes-Jury gilt als besonders unberechenbar (oder verrückt; wahrscheinlich liegts an den Frühlingstemperaturen).

7. Kommt nichts aus Hollywood?
Doch, «Solo: A Star Wars Story», ein Spin-off über den jungen Weltalldieb Han Solo. Start bei uns ist am 24. 5.

71. Festival von Cannes, 8. bis 18. Mai. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2018, 10:11 Uhr

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