Er kritisiert Israel, nicht die Juden

Dem Film­regisseur Ken Loach wird Antisemitismus vorgeworfen. Ausgerechnet.

Ken Loach fordert einen kulturellen Boykott Israels, weil er es unerträglich findet, wie sich das Land den Palästinensern gegenüber verhält. Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Ken Loach fordert einen kulturellen Boykott Israels, weil er es unerträglich findet, wie sich das Land den Palästinensern gegenüber verhält. Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

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Es gibt zwei garantierte Methoden, jemanden fertigzumachen: ihm Pädophilie vorzuwerfen oder Antisemitismus. Es sollte unbedingt einen dritten Weg geben, nämlich Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen, aber wie wir gelernt haben, wird man dabei nicht fertiggemacht, sondern zum US-Präsidenten gewählt.

Die englische Labour-Partei muss sich seit Monaten mit dem Vorwurf beschäftigen, wonach mehrere Parteimitglieder eine antisemitische Gesinnung hätten. In einzelnen Fällen stimmte das, und die Leute wurden aus der Partei ausgeschlossen. Bei anderen wird der Vorwurf herbeikonstruiert. Im Fall von Labour-Chef Jeremy Corbyn stimmt es, dass er eine antisemitisch gefärbte Wandmalerei für gut befand, aber das ist erstens viele Jahre her, und vor allem hat er sich, zweitens, dafür entschuldigt. Wer sich entschuldigt, dem darf man den begangenen Fehler nicht mehr vorhalten, das ist unfair. Ausser der begangene Fehler ist unverzeihlich.

Übergangene, Vergessene, Verstossene

Und jetzt ist Ken Loach wieder dran, einer der engagiertesten Regisseure Englands, der sich in seinen Filmen immer und immer wieder für die Schwachen eingesetzt hat, für die Opfer, für die Übergangenen, Vergessenen, Verstossenen. Dazu zählt er auch die Palästinenser. Deswegen kritisiert er Israel und fordert einen kulturellen Boykott des Landes, weil er es unerträglich findet, wie Israel sich den Palästinensern gegenüber verhält. Ob man deshalb Israel behandeln soll wie Südafrika, kann man sich fragen, und selbstverständlich darf man Ken Loach dafür kritisieren.

Der belgische Premierminister geht weiter. Die Freie Universität Brüssel will Loach zu ihrem Ehrendoktor wählen. Charles Michel, der Premierminister, findet das eine schlechte Idee und rät der Universität, die Ernennung zurückzunehmen. Michel hat selber an der Universität studiert und sagt: «Dem Antisemitismus gegenüber kann keinerlei Kulanz toleriert werden.»

«Wer Auschwitz verleugnet, ist bereit, es wieder aufzubauen.»Primo Levi

Aber Kritik an Israel ist kein Synonym für Antisemitismus. Die Gleichsetzung ist eine bequeme und zugleich fiese Art, einen Kritiker zu diffamieren. Zumal es nicht das erste Mal ist, dass Ken Loach auf diese Weise angegriffen wird. Es ist auch nicht das erste Mal, dass man ihm Dinge unterstellt, die er weder gesagt noch gemeint hat. Schon im September warf der jüdische Journalist Jonathan Freedland, der sich als «liberaler Zionist» bezeichnet, Loach vor, den Holocaust zu relativieren. Dabei bezog er sich auf ein Interview der BBC, zitierte Loach aber falsch.

In einem Leserbrief an den «Guardian» korrigierte der Angegriffene den Vorwurf. «Ich kenne die Geschichte der Holocaust-Leugner und ihre Rolle in der rechtsextremen Politik», schrieb er. Seine Aussagen seien so verdreht worden, als würde er die Realität des Holocausts hinterfragen. Das habe er nicht getan. Stattdessen zitierte Loach den KZ-Überlebenden Primo Levi: «Wer Auschwitz verleugnet, ist bereit, es wieder aufzubauen.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.04.2018, 20:09 Uhr

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