«Er wird mit der Oboe beschrieben und sie vom Vibrafon»

Ein Film ohne Musik ist wie ein Film ohne Darsteller. Dies würdigt erstmals auch das Zurich Film Festival und rief zum Filmmusik-Wettbewerb auf. Nur ein Schweizer, Michael Künstle, hat es ins Finale geschafft.

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Herr Künstle, die Vorgabe des ZFF war es ja, die Filmmusik zu Philip Hofmänners Animationsfilm «Evermore» zu schreiben, und zwar für ein grosses Orchester. Wie gingen Sie an die Aufgabe heran?
Ich habe mir den Film ziemlich oft angesehen und ihn auswendig gelernt. So konnte ich mich ans Klavier setzen und mit den Bildern im Kopf ein Hauptmotiv suchen. Als ich mir sicher war, dass ich es gefunden hatte, begann ich völlig unabhängig vom Film eine Suite zu schreiben, um die musikalischen Ideen zu entwickeln und ein Stück Musik zu schreiben, das in sich funktioniert. Erst danach begann die wirkliche Arbeit auf den Film, sprich die musikalischen Eckpunkte Timecode-genau zu setzen, ohne dass der Fluss gestört wird.

Was war die grösste Schwierigkeit?
Die grösste Schwierigkeit für mich generell ist, auf der einen Seite zu versuchen, völlig eins zu werden mit meiner Musik, da nur so die tollen Ideen entstehen, und auf der anderen Seite trotzdem meine objektive Beurteilungsfähigkeit nicht zu verlieren.

Was ist der Reiz, Filmmusik zu schreiben?
Der Film verbindet so viele verschiedene Kunstformen und so viele verschiedene Menschen, die daran arbeiten. Es erfordert demnach nebst handwerklichem Wissen vor allem auch die Fähigkeit, seine Arbeitskollegen verstehen zu wollen und auf ihre Ideen einzugehen. Nebst dem Visuellen ist natürlich die Musik die prominenteste Trägerin der Emotionen und das beeinflussen zu dürfen, ist eine tolle Aufgabe.

Philip Hofmänners Animationsfilm «Evermore» ist melancholisch angehaucht. Plakativ gesagt: Reichen da ein paar Streicher, ein paar Moll-Töne und fertig?
Natürlich gibt es bestimmte Grundemotionen, die den Film tragen, jedoch ist es gar nicht so einfach, diese so treffend zu bestimmen, wenn man auf der Suche nach der Musik ist. Je öfter man sich den Film anschaut, desto mehr emotionale Facetten werden erkennbar und am Schluss steht man vor vielen Entscheidungen. Ausserdem ist die Stimmung des Films bei weitem nicht alles, was man musikalisch beschreiben kann. Dass Parameter wie etwa Farbe, Puls, Nähe oder Weite genauso wichtig sind, wird erst bei eingehender Analyse bestehender Filmmusik ersichtlich.

Können Sie beschreiben, wie Ihr Wettbewerbsbeitrag fürs ZFF klingt, also die Musik zu «Evermore»?
Mein Beitrag versucht, die Verlorenheit des männlichen Protagonisten in seiner leeren Welt auszudrücken. Er wird von einer leisen Oboe durch die Hauptmelodie beschrieben und sie vom weichen und zarten Klang des Vibrafons, das trotzdem eine etwas metallische Kälte ausstrahlt. Die motivische Linie der Frau vermischt sich schliesslich mit der Hauptmelodie des Mannes. Als drittes musikalisch grosses Element gibt es die Stadt, die als ganzes Orchester ziemlich laut und bedrohlich gegen die beiden antritt.

Gibt es bestimmte Instrumente, die sich immer für bestimmte Stimmungen wie Verliebtheit, Trauer oder Wut eignen? Oder ist es genau die Idee, mit dem Bewährten zu brechen?
Meine Idee von Musik ist eher, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, natürlich auch immer unter Respekt vom Bewährten. Dass einzelne Instrumente aber sogleich auch eine einzelne Stimmung auslösen, stimmt für mich nicht. Da wäre eher auf harmonische Formen zurückzugreifen.

Bei Soundtracks konkurrenzieren sich ja die klassische Orchester-Originalmusik mit Soundtracks bestehend aus bekannten Songs. Was eignet sich wann besser?
Jeder Musikstil, sei es innerhalb des Klanges eines klassischen Orchesters oder der Facetten der Pop-Musik, löst im Menschen gewisse Assoziationen aus. Die Aufgabe der Entscheidungsträger einer Filmproduktion ist demnach, aufzupassen, dass die Musik keine falschen Bilder auslöst, die sich zum Originalbild beissen würden. Als offensichtliches Beispiel würde aktuelle Popmusik natürlich niemals in einen Film über das Mittelalter passen.

Im Gegensatz zu Soundtracks bestehend aus bekannten Songs funktioniert ja komponierte Filmmusik oft nicht ohne den Film. Das dürfte eher gegen Kompositionen sprechen, besonders im Hinblick auf die CD-Verkäufe...
Komponisten wie Hans Zimmer legen grossen Wert darauf, dass ihre Musik eben gerade auch ohne Film funktioniert. Seine jüngsten CDs gestaltet er sogar so, dass die Tracks zum Teil nahtlos ineinander überfliessen und sich von der effektiven Musik im Film formal unterscheiden. Sprich er setzt einen Unterschied zwischen der Musik an sich und der Musik bezogen auf den Film. Ausserdem ist ein guter Soundtrack immer auch ein tolles Stück Musik, das in der heimischen CD-Sammlung über Jahre besteht und man sich immer wieder gerne anhört.

Was macht eine gute Filmmusik aus? Beziehungsweise: Was machen Leute wie John Williams oder Hans Zimmer anders als weniger erfolgreiche Filmmusikkomponisten?
Hans Zimmer hat die Ästhetik der Filmmusik völlig verändert. John Williams besitzt einen ziemlich starken Personalstil und hat viele unvergessliche Melodien geschrieben. Diese beiden Persönlichkeiten haben, was eine Übergrösse allgemein in der Musik ausmacht: Sie denken weiter als andere. Die Aufgabe der Filmmusik an sich ist aber vor allem, am richtigen Ort das Richtige zu beschreiben.

Warum konnte sich Ihre Komposition gegen die 140 andere Beiträge am Wettbewerb durchsetzen?
Ehrlich gesagt kann ich es immer noch kaum fassen, dass ich nominiert wurde. Aber dieser Erfolg bestätigt mich in all den Überlegungen, die ich mir beim Komponieren gemacht habe. Ich weiss genau, wieso ich jede einzelne Note geschrieben habe und kann nun mit der Gewissheit weiterarbeiten, dass ich auf einem guten Weg bin.

Bei der Preisverleihung wird Ihre Komposition von einem grossen Orchester gespielt. Gibt es eine Zusammenarbeit?
Ich arbeite in dem Sinn mit dem Orchester zusammen, dass ich alle Stimmenauszüge und einen mit dem Film synchronisierten Clicktrack erstelle. Natürlich bin ich da vorsichtig, da alles perfekt sein muss.

Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Komposition live vom Tonhalle-Orchester Zürich gespielt wird?
Für mich ist das schon der Hauptgewinn. Dass ich meine Komposition nun live hören werde, hätte ich mir niemals erträumt. Ich weiss nicht, wie ich in dem Moment reagieren werde, aber er wird sicherlich einer der schönsten, den ich haben werde.

Gibt es in der Schweiz überhaupt einen genug grossen Markt für Filmmusik?
Natürlich ist der Schweizer Filmmusikmarkt ziemlich klein. Deshalb ist eines meiner grossen Ziele, im Ausland Erfahrungen zu sammeln und wenn möglich zu studieren. Die Grösse ausländischer Filmmusikmärkte bietet sicherlich umfangreichere Entfaltungsmöglichkeiten. Trotzdem bleibe ich flexibel und nutze jede Chance, ob national oder international, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und mich den harten Herausforderungen der Musikbranche zu stellen.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt, da Michael Künstle derzeit im Ausland unterwegs ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2012, 16:14 Uhr

Der 21-jährige Michael Künstle stammt aus Basel. Im Alter von sechs Jahren begann er mit Schlagzeugunterricht, mit zwölf Jahren fing er an, sich selber Klavier und Gitarre beizubringen. Während der Schulzeit spielte er in verschiedenen Rockbands und begann mit Songwriting. Seit 2010 studiert Michael Künstle an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in den Hauptfächern Jazz-Schlagzeug und Komposition für Film, Theater und Medien.

Das Zurich Film Festival führt erstmals einen Filmkomponisten-Wettbewerb durch. Internationale Komponistinnen und Komponisten unter 35 Jahren waren aufgerufen, die Musik für den sechsminütigen Schweizer Animationsfilm «Evermore» von Philip Hofmänner zu komponieren. 145 Beiträge aus 27 Ländern wurden eingereicht. Nun wurden fünf Finalisten nominiert: Michael Künstle (Schweiz), Adrian Diery (Australien), Jan Glembotzki (Japan), Anže Rozman (Slowenien) und Adam Zurada (Polen). Am 27. September werden die fünf nominierten Kompositionen vom Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von David Zinman uraufgeführt. Der Sieger erhält ein Goldenes Auge des ZFF und einen Preis dotiert mit 10'000 Schweizer Franken.

www.filmmusikwettbewerb.ch (Bild: Tobias Madörin)

«Evermore» von Philip Hofmänner ist ein sechsminütiger Animationsfilm aus dem Jahr 2011. Er lief an verschiedenen nationalen und internationalen Filmfestivals und wurde am Neuchâtel International Fantastic Film Festival zweifach ausgezeichnet.

Der Film handelt von einem Mann und einer Frau, die sich als einzige Bewohner einer offenbar völlig unbewohnten Stadt vergeblich suchen. Die Stadt scheint ständig in Bewegung zu sein, alles dreht sich. Mit der Zeit wird klar, dass das Herz des Mannes ein Uhrwerk ist, das zu Ende läuft und mit ihm die Stadt. Die Frau sucht ihn und zieht ihn wieder auf, da sie den passenden Schlüssel zu seinem Herz besitzt. Sogleich setzt sich alles wieder in Bewegung und die beiden werden auseinandergerissen. Dieses Spiel wiederholt sich ständig, bis es schliesslich scheint, als würden sie endlich beisammen bleiben.

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