«Es ging um den Wiedererkennungswert»

Viel Volksmusik, Laienchöre und auch etwas Jazz: Johannes Müske, Forscher der Uni Zürich, spürt dem Sound der Schweiz im Kalten Krieg nach. Im Juni zieht seine Forschungsgruppe erstmals Bilanz.

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Was ist dran an der häufig gehörten Behauptung, den Ländler gäbe es erst seit der Geistigen Landesverteidigung?
Die Ländlermusik wurde bereits davor in Beizen des Zürcher Niederdorfs gespielt. Ihr haftete aber der Ruf des Verruchten an. Als die sogenannte Geistige Landesverteidigung in den 1930er-Jahren aufkam, wurden für diese Musik die institutionellen Rahmenbedingungen geschaffen – wie auch die Volkskultur generell staatlich, aber auch privat subventioniert wurde, damit dieser Stil florieren und ein breites Publikum ansprechen konnte. Die Ländlermusiker verfügten plötzlich über eine breitere Basis für ihr Schaffen, auf der sie ihre Musik ausleben und mit ihr experimentieren konnten. Das Aufkommen des Ländlers hatte aber auch praktische und technische Gründe.

Welche?
Zumal die Kurzwelle verfügt über eine bestimmte akustische Bandbreite, und der Klang des Schwyzerörgelis und des Jodels eignet sich hierfür besonders gut, weit besser als etwa Klänge im Bassbereich, wenn sie über kleine Lautsprecher gehört werden – was bei den damaligen Radiogeräten bis in die 1950er- und 1960er-Jahre hinein meistens der Fall war. Dann ging es um den Wiedererkennungswert, der mit Ländlermusik erreicht werden konnte. Die Hörer manövrierten sich mit einem Schrauben am Gerät durch die einzelnen Sender, die Radios hatten ja häufig keine Beschriftung. Die Sendungsleiter wollten einen möglichst grossen musikalischen Wiedererkennungswert erreichen, damit die Hörer ihren Sender rasch identifizieren konnten.

Inwiefern unterschied sich die staatliche Schweizer Radiomusik während des Weltkriegs von der nachfolgenden, jener des Kalten Kriegs?
Während der 1930er- und 1940er-Jahre war die Richtung gegen innen gerichtet, im Kalten Krieg ging es mehr um die Repräsentation der Schweiz gegenüber dem Ausland. Der Übergang von der Geistigen Landesverteidigung zum Kalten Krieg ist interessant, zum Beispiel im Hinblick auf die Frage, warum in den 1950er-Jahren auch zunehmend Schlager aus dem Ausland populär wurden und gesendet wurden.

Sie erforschen die «Akustik der Swissness». Können Sie das präzisieren?
«Swissness» ist natürlich keine tatsächlich existierende Grösse oder gar ein analytischer Begriff, ebenso wie bei «Volksmusik» handelt es sich um offene begriffliche Vorstellungsbilder, die zu unterschiedlichen Zeiten bestimmte Konjunkturen erleben. Wie sich solche Ideen manifestieren und historisch wandeln, wollen wir in Bezug auf so etwas Flüchtiges wie die Musik erforschen.

Auch reden Sie vom «Kalten Wellenkrieg». Was ist darunter zu verstehen?
Das ist ein eher in der rundfunkhistorischen Forschung verwendeter Begriff, der bedeutet, dass auch die Radiosender in den Blöcken damals bestimmte ideologische Modelle repräsentierten: zum Beispiel die freie und neutrale Schweiz etwa versus den Sowjetkommunismus, was sich dann eben auch im Radioprogramm widerspiegelte.

Welche Rolle spielte die Musik im globalen Kontext des Kalten Kriegs?
Musik steht für kulturelle, gesellschaftliche und letztlich auch politische Selbstverständnisse. Insofern war sie Symbol für beide politischen Systeme, die sich gegenüberstanden. In zahlreichen Songs wird der Kalte Krieg thematisiert und teilweise aufgebrochen, so beispielsweise in Udo Lindenbergs «Russen». Interessanterweise kann man für diese Zeit auch andere kulturpolitische und scheinbar harmlose Felder finden, in denen eine «Politik durch die Blume» gemacht wurde, wie es etwa die Historikerin Kristina Vagt für die Gartenbauausstellungen in der BRD und der DDR jüngst nachgewiesen hat.

Sie untersuchen nun das Archiv des Musikwissenschaftlers Fritz Dür, der im Auftrag des Schweizerischen Kurzwellendiensts zwischen 1957 und 1967 circa 8000 Tonbänder gesammelt hat. Was reizt Sie?
Das Archiv versammelt das gesamte volksmusikalische Schaffen der Schweiz der damaligen Zeit und bietet so eine hervorragende Grundlage für musikforschende wie soziologische Untersuchungen, zum Beispiel im Hinblick auf musikalische Praxen, Rezeption von Radioprogrammen und institutionelle Kulturpolitiken. Speziell dem Kurzwellendienst stellte sich als «Stimme der Schweiz» die Aufgabe, «Schweizer Eigenart», wie das damals hiess, zu verbreiten. Daher wurde die Volksmusiksammlung von Fritz Dür aus allen vier Landesteilen auf Tonbandkopien zusammengetragen.

Welche Musiker sind besonders prominent vertreten?
Die Sammlung wollte ein akustisches Bild der Schweiz zeichnen und ist daher sehr vielfältig, zahlreiche Laienchöre und Blasmusiken finden sich darin. Sehr prominent vertreten ist beispielsweise das Ensemble Echo vom Bruderholz, das Volksmusik-Hausensemble des Radios.

Und die Sammlung besteht ausschliesslich aus Volksmusik?
Nein, der Volksmusikanteil betrug circa 50 Prozent. Es gibt auch Aufnahmen von Unterhaltungsorchestern, Klassik, und auch einzelne Jazzstücke lassen sich finden.

Jazz? Verblüffend.
Ja, wie der reingeraten ist, wollen wir noch genauer untersuchen. Aber persönliche Vorlieben und gewisse Freiheiten von Dür und seinen Mitarbeiter/-innen spielten offensichtlich eine Rolle – einer der Mitarbeiter Dürs, Lance Tschannen, war ein Jazz-Liebhaber, und auch Dür selbst spielte Jazz. Die Verbreiterung des Kanons hin zu Musikstilen wie dem Jazz ist ein Hinweis darauf, dass die Vorstellung der Schweizer Eigenart im Verlauf der Zeit vielfältiger wurde.

Erstellt: 29.05.2013, 10:49 Uhr

Johannes Müske (*1979) hat an der Uni Zürich seine Doktorarbeit «Klänge und Töne als Cultural Property?» verfasst. Er ist Projektmitarbeiter des Forschungsprojekts «Broadcasting Swissness». (Bild: UZH)

Broadcasting Swissness

Im Forschungsprojekt «Broadcasting Swissness» untersuchen das Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich, das Departement Musik der Hochschule Luzern sowie das Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel unter der Leitung von Professor Thomas Hengartner (Zürich) verschiedene Fragestellungen zur akustischen Seite von Swissness. Die Forscher arbeiten mit Memoriav, der Nationalphonothek in Lugano und der SRG zusammen und werden vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Im Juni beurteilt die Forschungsgruppe ihre ersten Zwischenergebnisse, eine öffentliche Präsentation und Diskussion ist dann im September geplant.

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