«Es ist eine Art Trotz»

Er hätte Grund dazu, zornig zu sein: Doch Mano Khalil, selber ein Vertriebener, begegnet in seinem neuen Film «Der Imker» der Ungerechtigkeit, ohne bitter zu werden. Aus Hass, sagt er, entstehe keine gute Kunst.

Seinen ersten Kurzfilm in der Schweiz drehte Mano Khalil seinerzeit mit einem Budget von 66 Franken.

Seinen ersten Kurzfilm in der Schweiz drehte Mano Khalil seinerzeit mit einem Budget von 66 Franken. Bild: Adrian Moser

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Wir haben Ihren neuen Dokumentarfilm zusammen angeschaut, und ich hatte den Eindruck, dass Sie berührt waren, obwohl Sie die Bilder schon tausendmal gesehen haben. Ist das so?
Sie haben recht. Auch während der Dreharbeiten musste ich die Kamera manchmal weglegen, weil ich feuchte Augen bekam. Die Geschichte dieses Menschen hat mich sehr betroffen gemacht. Seit ich Vater bin, fühle ich noch viel stärker mit Menschen, die ein Kind verlieren.

Der kurdische Imker Ibrahim Gezer hat zwei Kinder, seine Frau, seine Heimat und 500 Bienenvölker wegen der türkisch-kurdischen Konflikte verloren. Warum ist «Der Imker» trotzdem frei von Bitterkeit?
Das liegt an Gezer. Ich mache aus ihm keinen Konfuzius oder Buddha, er ist ein einfacher Mensch, der die Natur und die Menschen liebt und in die Räder eines politischen Systems geraten ist. Aber trotz allem Leid: Er hasst nicht. Er hat nie etwas Schlechtes über die Türken als Volk gesagt. Er weist nur auf die politische Ungerechtigkeit hin, dass die 20 Millionen Kurden keine Rechte haben.

Aber Sie hätten ja aus diesem Stoff auch einen ganz anderen, zornigen Film machen können.
Dass ich das nicht gemacht habe, hat mit meiner eigenen Geschichte als Kurde in Syrien zu tun. Man verbot mir meine Kultur und meine Sprache und nahm mir damit meine Würde als Mensch. Aber statt zur Waffe zu greifen, beschloss ich, mich mit der Kamera zu wehren. Seit 16 Jahren darf ich nicht nach Syrien zurück, ich konnte nicht ans Grab meiner Mutter gehen, ich war nicht dabei, als mein Vater starb. Trotzdem versuche ich, meine Filme mit Liebe zu machen. Aus Hass entsteht keine gute Kunst.

Aber hat Ihr Film trotz allem Optimismus, trotz aller Menschlichkeit nicht auch eine politische Absicht?
Klar ist das auch eine politische Sache. Aber ich erzähle Gezers Geschichte so, wie sie ist – ohne explizite Botschaft. Eigentlich bin ich kein politischer Mensch. Aber nur schon zu sagen, ich sei Kurde, ist ein politischer Akt. Und Kurdisch zu sprechen, ist problematisch, je nachdem, wo man ist. Ibrahim Gezer sagt im Film: «Ein Hund darf bellen, eine Katze darf miauen, aber ein Kurde darf nicht Kurdisch sprechen.» Wer weiss, wenn ich nicht Kurde wäre, hätte ich vielleicht nur lustige Filme gemacht.

«Der Imker» dreht sich um einen Kurden, in «Unser Garten Eden» sah man Kurden und Türken friedlich beieinander im Schrebergarten sitzen, Ihr nächster Film spielt im kurdischen Teil Iraks. Sind Ihre Filme unterschiedliche Kapitel desselben Buches?
Ja, aber es hat nichts mit Nationalstolz zu tun, dass ich Filme über Kurden mache. Meine Filme erzählen immer auch ein Stück meiner eigenen Geschichte. Es war nie mein Traum, in die Schweiz zu kommen und hier als Filmemacher zu leben. Als ich in der Tschechoslowakei Filmregie studierte, plante ich, nach Syrien zurückzukehren und dort meine Ideen zu realisieren, auch in kurdischer Sprache. Aber das ist mir verwehrt – und doch mache ich weiter: Es ist eine Art Trotz. Ausserdem fühle mich verpflichtet, kurdische Geschichten zu erzählen, denn die wenigsten kurdischen Filmemacher können so frei arbeiten wie ich.

Wie sind Sie auf Ibrahim Gezer gestossen?
Als Filmemacher gehe ich mit einem offenen Ohr durchs Leben. Ein Freund von mir hat von einem Kurden erzählt, der hier imkert. Normalerweise züchten Kurden in der Schweiz keine Bienen, sondern machen einen Kebap-Imbiss auf. Das interessierte mich.

Warum liess Gezer Sie seine Geschichte erzählen? Spielte es eine Rolle, dass auch Sie aus Ihrem Heimatland fliehen mussten?
Sicher. Wir beide waren gezwungen zu fliehen, weil wir uns bewusst entschieden hatten, uns nicht in die gegebene Ordnung einzufügen. Ich hätte auch da bleiben und Propagandafilme für das syrische Regime drehen können. Gezer und ich, wir sind beide ziemlich hartnäckig. Er kam in die Schweiz, sprach kein Wort Deutsch und fand doch Dutzende Schweizer, die ihm halfen. Mir ging es ähnlich: Schon im ersten Monat im Flüchtlingslager ging ich zum Tessiner Fernsehen und sagte, ich mache einen Film. Natürlich wartete niemand auf mich. Aber ich lieh mir eine Kamera aus und drehte den Kurzfilm. Er kostete mich damals 66 Franken und lief dann an den Solothurner Filmtagen. Und er wurde für den Schweizer Filmpreis nominiert

In «Der Imker» zeigen Sie Ihren Protagonisten schlafend, weinend, versunken in seine Arbeit. Wie kriegt man eine solche Intimität hin?
Es braucht Respekt, Freundschaft und Vertrauen. Ich wurde ein Teil von Ibrahims Geschichte, war nicht mehr Mano, der Filmemacher, sondern Mano, der Freund. Es gab diesen Moment, als ich bei ihm war und er einen Anruf bekam. Man teilte ihm mit, sein Sohn sei gestorben. So etwas kann man nicht inszenieren, da kann man einfach nur dabei sein.

Dieser Moment war also echt.
Ja, ich hätte mir nie angemasst, ihm zu sagen, «mach das jetzt nochmals, das Licht war schlecht». So arbeite ich nicht. Im «Imker» wollte ich ein Minimum an inszenierten Szenen.

«Der Imker» erzählt auch die Geschichte einer erfolgreichen Integration – obwohl Gezer kaum Deutsch spricht. Was ist sein Geheimnis?
Er geht spontan auf die Leute zu, klingelt bei ihnen, spricht mit Händen und Füssen und macht kleine Zeichnungen, wenn er sich nicht ausdrücken kann. Und alle haben Freude an ihm. Manchmal geschieht Integration eben auf eine Art, wie sie die Behörden nicht vorsehen: durch Liebe.

Die Schweiz erscheint im Film, abgesehen von den etwas steifen Behörden, in einem fast schmeichelhaft positiven Licht. Erleben Sie das selber auch so?
Ich bin dankbar, dass ich hier bin und meinen Beruf frei ausüben kann. Die Schweiz ist nicht das Paradies, es gibt Egoismus, Vereinsamung, soziale Probleme. Aber andererseits sind viele Menschen offen und ohne Vorurteile. Im Film gibt es einen Innerschweizer Bauern, der Gezer den Schlüssel seiner Scheune gibt und ihn da seine Sachen deponieren lässt. Da ist offensichtlich viel Vertrauen vorhanden! Und das interessiert mich mehr als die Angst vor den Ausländern.

Was sagte Ibrahim Gezer zum Film?
Zuerst wollte er ihn gar nicht anschauen. Aber dann war er überglücklich. Wenn er einmal sterbe, sagte er, gehe seine Geschichte nicht mit ihm ins Grab.

Wie Ihrem Protagonisten ist auch Ihnen der Weg in die Heimat versperrt. Stehen Sie in Kontakt mit Ihren syrischen Verwandten?
Ich verfolge die Nachrichten aus Syrien täglich. Leider habe ich nicht so oft Kontakt mit meiner Familie, Telefon und Internet funktionieren kaum. Ich bin besorgt über die Situation, es ist ungewiss, was kommt. Was das Regime in 43 Jahren in Syrien aufgebaut hat, kann man nicht in kurzer Zeit zerstören. Assad klammert sich an die Macht und hat von Anfang an versucht, einen Bürgerkrieg zu provozieren, was ihm leider gelungen ist. Zurzeit ist die politische Situation in Syrien sehr unübersichtlich, und extreme Gruppierungen machen sich immer stärker bemerkbar. Interveniert die Weltgemeinschaft nicht, fürchte ich, dass die politische Diktatur von einer fundamentalistischen religiösen Diktatur abgelöst und aus Syrien ein neues Somalia wird.

Angeblich haben Sie ein Drehbuch für einen Film, der in Syrien spielt. Wie gross ist Ihre Hoffnung, den je realisieren zu können?

(Steht auf, geht zum Schrank und zieht es hervor.) Es ist ein Spielfilm, das Drehbuch habe ich 1995 geschrieben. Wenn das Regime fällt, dann bin ich innert einem Monat in Syrien und versuche den Film auch ohne Geld zu drehen. So, wie ich das schon einige Male gemacht habe. Aber ich weiss, dass das nicht morgen sein wird. Dennoch, ich habe Hoffnung. Deshalb lebe ich auch: Wenn ich die Hoffnung verliere, mache ich keine Filme mehr. (Der Bund)

Erstellt: 04.06.2013, 10:42 Uhr

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