Kino

Ewig dreht sich das Karma-Karussell

500 Jahre in sechs Geschichten: Tom Tykwer und die Geschwister Wachowski haben den «Wolkenatlas» von David Mitchell verfilmt.

Die Wachowskis wärmen ihre technokratischen Fantasien aus «The Matrix» auf: Doona Bae als Klon Sonmi-451 in einer totalitären Welt des Jahres 2149. (Bild: zVg)

Die Wachowskis wärmen ihre technokratischen Fantasien aus «The Matrix» auf: Doona Bae als Klon Sonmi-451 in einer totalitären Welt des Jahres 2149. (Bild: zVg)

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«Unverfilmbar.» Wie ein Mantra wird das Wort dieser Tage nachgebetet, wenn irgendwo von David Mitchells Roman «Cloud Atlas» («Der Wolkenatlas») die Rede ist. Da wird fast zwanghaft die Unverfilmbarkeit des Buchs behauptet, als könne man nur so den Wagemut der Regisseure ermessen, die sich gerade diesen Roman zur Verfilmung vorgenommen haben. Das klingt beeindruckend, nach Ambitionen, die ins Astronomische zielen: Wer ein eigentlich unverfilmbares Buch verfilmt, wagt den Griff zu den Sternen. Dabei haben diese Regisseure bloss ins Regal mit den Bestsellern gegriffen.

Gut, «Der Wolkenatlas» ist nicht irgendein Bestseller. Aber jeder Roman lässt sich in Kino verwandeln. Mit Reibungsverlusten muss gerechnet werden, das Einzige, was sich schlechterdings nicht verfilmen lässt, ist die Welt, die beim Lesen entsteht und die in jedem Kopf ein bisschen anders aussieht. Darum sind Leser fast immer enttäuscht, wenn sie ins Kino gehen und dort womöglich einen ungeniert subjektiven Zugriff auf «ihr» Buch erleben oder, oft genug, eine notdürftige Bebilderung ihrer Fantasie. Wenn wir uns, nur so zum Beispiel, den Ziegenhirten vorstellen, der in «Wolkenatlas» in seiner futuristischen Rumpfsprache daherfabuliert, dann denken wir dabei nicht unbedingt an Tom Hanks.

500 Jahre in sechs Geschichten

Wie aber setzt man ein so weltumspannendes Epos fürs Kino um? Einen Roman also, der zwischen Vergangenheit und ferner Zukunft einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten umspannt? Der gestaffelt sechs verschiedene Geschichten erzählt, bevölkert mit wechselndem Personal und in wechselnden Genres, vom Tagebuch bis hin zum kriminalistischen Reisser? Der von der Sklaverei im Kolonialismus bis in die dystopische Zukunft einer totalitären Konsumgesellschaft führt und dann noch weiter in eine neue Steinzeit nach der Apokalypse? Der unser Mitgefühl für einen schwulen Komponisten weckt und uns mit einem Verleger mitfiebern lässt, der aus einem sinistren Altersheim ausbrechen will? Der dabei in immer neuen Variationen von Gewalt und Freiheit erzählt, vom Widerstand gegen die herrschende Ordnung, vom ewigen Kreislauf der Dinge und überhaupt vom grossen Ganzen?

Und: Falls ein Regisseur allein sich diesem ausufernden Stoff nicht gewachsen fühlt, werden dann deren drei eher damit fertig? Jedenfalls hat sich Tom Tykwer («Lola rennt») mit den Geschwistern Andy und Lana Wachowski («The Matrix») verbündet, um diesen «Cloud Atlas» im Trio zu stemmen. Vom Drehbuch bis zur Postproduktion, so erzählen sie, hätten sie fast alles gemeinsam gemacht. Einzig die Dreharbeiten in den Potsdamer Babelsberg-Studios, auf den Balearen und in Schottland haben sie unter sich aufgeteilt: Bei drei Episoden hat Tom Tykwer Regie geführt, die übrigen drei wurden parallel von den Wachowskis gedreht.

Drei Regisseure, zwei ganze Filmcrews, die gleichzeitig beschäftigt sind, dazu ein Budget von 100 Millionen Dollar, und zwar ohne Beteiligung eines grossen Hollywoodstudios: Produktionstechnisch ist dieser «Cloud Atlas» beispiellos. Nur, über den Film ist damit noch nichts gesagt. Es muss ja nicht immer gleich ein Meisterwerk sein, so ein richtig grössenwahnsinniger Murks wäre schon interessant genug. Aber dafür ist dieser «Cloud Atlas» formal nicht verrückt genug. Und inhaltlich zu einfältig in seiner Botschaft von einem Geflecht der Zeiten, in dem alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Der Grössenwahn steckt hier nur im Produktionsaufwand.

Von Cliffhanger zu Cliffhanger

Damit wir im Strudel der Zeiten und Motive die Orientierung nicht verlieren, haben sich Tykwer und die Wachowskis einen, nun ja, spektakulären Kunstgriff ausgedacht: Die Schauspieler bleiben quer durch die Zeiten dieselben, tauchen aber immer wieder in neuen Masken auf. Mal zweifelnder Held, dann wieder bloss Schurke in einer Nebenrolle: Tom Hanks spielt also nicht nur den Ziegenhirten in ferner Zukunft, sondern geistert in kleineren Auftritten auch durch die anderen Episoden, als Schiffsarzt im Jahr 1849 oder als rabiater Literat aus der Londoner Halbwelt, der im Jahr 2012 einen Kritiker kurzerhand aus dem Fenster schmeisst.

In der Theorie klingt das nach einem tauglichen Kniff, um Mitchells Idee der wandernden Seelen, die sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder in anderer Gestalt ins Geschehen einschalten, filmisch dingfest zu machen. In der Umsetzung jedoch wird daraus der reinste Mummenschanz. Das Raunen des Weltgeists, das der Film transportieren will, wird da bald überlagert vom profanen Staunen über die Maskenbildner. Und das Publikum, das doch eigentlich ins Sinnieren über die grossen überzeitlichen Zusammenhänge kommen sollte, verkümmert zur Knobelrunde: Ist das nicht Hugh Grant unter der Kriegsbemalung des Kannibalenstamms? Hinter welcher Maske versteckt sich Halle Berry in der koreanischen Metropolis? Und wer entdeckt die vier Gesichter der Susan Sarandon?

Mindestens so verheerend ist das Tempo, in dem sich die Regisseure auf ihrem Karma-Karussell ständig von einer Geschichte zur nächsten zappen. Den spiegelsymmetrisch geordneten Aufbau bei Mitchell haben sie aufgebrochen und in lauter kleine Mikro-Episödchen verwandelt. Sauber gewirkt ist dieser Flickenteppich schon: Die Übergänge sind bruchlos und erstaunlich elegant. Aber der Film hangelt sich so von Cliffhanger zu Cliffhanger, was dramaturgisch ungefähr so viel Spannung entwickelt wie ein Werbeblock, der nicht enden will. Bei knapp drei Stunden Laufzeit fühlt sich «Cloud Atlas» an wie der längste Trailer der Filmgeschichte. Und damit ist noch nichts gesagt über das salbadernde Pathos der Kalendersprüche, die mit fortschreitender Dauer immer penetranter über das Geschehen geschmiert werden.

So nahrhaft wie Fast Food

Dabei gibt es unter den sechs Filmen, die uns dieser abendfüllende Trailer andrehen will, durchaus solche, die einen gewissen Charme entwickeln. Jim Broadbent als Verleger, der aus dem Altersheim ausbricht: eine hübsche Burleske. Doona Bae als weiblicher Klon, der im Jahr 2149 gegen das totalitäre Regime aufbegehrt: immerhin ein futuristisch blinkendes Revolutionsmärchen, in dem die Wachowskis nochmals ihre technokratischen Fantasien aus «The Matrix» aufwärmen. Halle Berry als Reporterin, die 1972 einer atomaren Verschwörung auf die Spur kommt: nur der Rumpf eines halb fertigen Thrillers.

Monumentale Ambition hin oder her: «Cloud Atlas», das ist weniger als die Summe der einzelnen Teile. Man bekommt hier nicht, wie in einem guten Discounter, ein halbes Dutzend Filme für den Preis von einem. Sondern sechsmal Stückwerk, das zu einem raunenden Ungetüm irgendwo zwischen «Star Wars» und «Babel» verleimt wurde. Dabei ist die Opulenz dieses Films so nahrhaft wie Fast Food: Danach hat man zwar ein diffuses Völlegefühl. Aber satt ist man trotzdem nicht geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2012, 10:43 Uhr

Der Trailer

Der Film

Cloud Atlas (D/USA 2012). 172 Minuten. Regie und Drehbuch: Tom Tykwer, Andy und Lana Wachowski. Mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugh Grant, Ben Whishaw u. a.

Ab 29. November im Kino.

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