Existenzielle Leere, bodenlose Trauer

Wenn der Lido Trauer trägt: Sofia Coppolas neuer Film und andere Hoteltragödien an den Filmfestspielen in Venedig.

Erster Höhepunkt neben unbedarftem Werk: Stephen Dorff und Elle Fanning als Vater und Tochter in Sofia Coppolas «Somewhere».

PD

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Die Kulisse ist gespenstisch. Der Palast liegt da wie ausgestorben, nur manchmal, gegen Mitternacht, meint man wie von fern Salonmusik zu hören, ein leises Echo des mondänen Lebens von einst. Aber das ist nur eine Sinnestäuschung, wie sie einem gelegentlich unterläuft in der feuchten Luft der Lagune. Das Hotel von 1902, das wie kein anderes den Mythos der Belle Epoque auf dem Lido verkörpert, hat geschlossen, und der einzige Gast, der uns spätnachts über den Weg läuft, ist eine Ratte.

Warten auf die Auferstehung

Der alte Aschenbach dürfte sich im Grab umdrehen, und Luchino Visconti gleich mit ihm. Das Hotel Des Bains, Schauplatz von Thomas Manns Novelle «Tod in Venedig» und Drehort des gleichnamigen Films von Visconti, steht leer dieses Jahr. Da sind auch keine Stars, die man hier sonst beim Frühstück auf der Terrasse sah. Eingerüstet und abgeriegelt hinter unansehnlichem Wellblech, liegt der Palast wie im Dornröschenschlaf und wartet auf seine Auferstehung. Doch die fürs kommende Jahr geplante Neueröffnung wird die goldenen Zeiten auch nicht zurückbringen. Ein paar Räume sollen weiterhin öffentlich bleiben, der grosse Rest wird in Appartements für die Superreichen umgewandelt. Selbst der Hotelgarten soll überbaut werden.

Die Wehmut auf dem Lido, die immer wie eine Krankheit über dem gammligen Prunk aus alten Tagen liegt, brennt so schärfer als sonst. Aber sie ist immerhin unheimlicher als die existenzielle Leere, die Sofia Coppola in ihrem neuen Film «Somewhere» im Luxushotel findet. Ihr zweiter Hotelfilm nach «Lost in Translation» spielt zu einem guten Teil im Château Marmont in Los Angeles, einem ebenso sagenhaften Ort, über den man eine Mythologie der amerikanischen Celebrity-Kultur schreiben könnte.

Hier sprang James Dean einst durchs Fenster und stürzte Jim Morrison vom Dach, hier starb der Fotograf Helmut Newton. Die neueren Anekdoten klingen profaner. Britney Spears soll sich hier ein Hausverbot eingehandelt haben, weil sie sich im Restaurant das Essen ins Gesicht schmierte.

Filmstar im Ferrari

Heute ist das Château Marmont nicht zuletzt eine Anlaufstelle für Paparazzi. Da mieten sich die Celebritys eine Privatsphäre, bei der das Versteckspiel schon inbegriffen ist, weil es zur Selbstvergewisserung als Star dazu gehört. Und hier in diesem «Irgendwo» zeigt uns Sofia Coppola nun die stumpfe Kehrseite der glamourösen Welt des Showbusiness. Es ist eine hermetische Welt, die von der Fabrikation von Fantasien lebt, und die Regisseurin ist von Geburt auf ein Teil davon. Wie weit kann Sofia Coppola diese Welt entmystifizieren, ohne dass sie sich dabei eigenhändig den Boden unter den Füssen wegzieht?

Da ist also dieser erfundene Filmstar, gespielt von Stephen Dorff, der im Hotel Marmont wie abwesend durch den Tag gammelt. Zu Beginn sehen wir, wie er in seinem Ferrari irgendwo auf einer Asphaltpiste im Kreis fährt, am Ende lässt er den Wagen irgendwo am Strassenrand stehen. Dazwischen kommt er dank seiner elfjährigen Tochter zur Erkenntnis, dass sein Dasein im teuer gepolsterten Provisorium vollkommen hohl ist.

Nur ohne mörderische Fantasien

Der zufällige Sex und die latente Paranoia, die Einsamkeit an den Partys und die anonymen Drohungen per SMS: Gelegentlich kommts einem vor, als habe Sofia Coppola hier unwissentlich schon mal «Imperial Bedrooms» verfilmt, den neuen Roman von Bret Easton Ellis – aber ohne die mörderischen Fantasien. Nur manchmal, wenn der Star in einer italienischen TV-Gala landet oder vor die Journalisten gezerrt wird, gönnt sie sich ein paar satirische Volten.

Und einmal gelingt ihr ein Bild von bodenloser Trauer. Da muss der Schauspieler in die Maske, und für einen Abguss wird sein ganzer Kopf zugepflastert. So sitzt er nun und wartet, bis der Gips trocknet, ein hilfloses Monster der Einsamkeit. In Venedig wurde Coppola gestern gefeiert, als wäre sie eine italienische Prinzessin, die aus dem Exil zurückkehrt. Den ersten Tiefpunkt im Wettbewerb hatte man da schon überstanden, und zwar bei Julian Schnabel.

Folteropfer auf Kacheln

Vor drei Jahren hatte er sich mit «Le scaphandre et le papillon» noch in den engsten Kreis der Kandidaten für die Goldene Palme gespielt, jetzt ist Schnabel über dem Nahen Osten abgestürzt. Mit «Miral» hat er den autobiografisch gefärbten Roman von Rula Jebreal verfilmt, einer in Haifa geborenen Palästinenserin, die es in Italien zur prominenten TV-Journalistin brachte. Heute sind die beiden ein Paar, und der Film legt den Schluss nahe, dass Schnabel zwar eine Liebe gewonnen, aber sein Auge als Regisseur verloren hat.

Miral, so heisst eine junge Palästinenserin, die nach dem Selbstmord der Mutter in einem Waisenhaus aufwächst. Gespielt wird sie von der schönen Freida Pinto, bekannt aus «Slumdog Millionaire». Moment, ist die nicht Inderin? Schon, aber das ist ein Detail, über das man hier grosszügig hinwegsehen muss. Warum die Palästinenser im Film meist nur Englisch miteinander reden, bleibt ebenso das Geheimnis des Regisseurs. Da will Julian Schnabel, der amerikanische Jude, in zweifellos gut gemeinter Treuherzigkeit auf das politische Schicksal eines Volkes ohne Identität aufmerksam machen, und dann lässt er den Palästinensern nicht mal ihre Sprache?

Intellektuell überfordert

Von der politischen Situation ist Schnabel intellektuell überfordert, aber damit ist er ja längst nicht allein. Dass sein Film in ein ebenso naives wie hilfloses Plädoyer für den Frieden mündet, mag man ihm also nachsehen. Bestürzender ist, dass er als Regisseur so unbedarft zu Werke geht, dass man gar nicht weiss, was er eigentlich erzählen will. Also erzählt er alles ein bisschen, von sexuellem Missbrauch bis zur Intifada. Da treten Personen auf und wieder ab wie in einem Boulevardstück ohne Pointen, sporadisch untermauert mit Bildern aus dem Nachrichtenarchiv, weil man dem Film sonst erst recht kein Wort glauben würde. Und Miral wird selbst dann noch sehr dekorativ auf gekachelten Böden drapiert, wenn sie als geschundenes Folteropfer darniederliegt.

Aber ist es nicht authentisch, weil doch alles irgendwie auf der erlebten Biografie der Rula Jebreal beruht? Da kann eine Geschichte noch so wahr empfunden sein: Wenn ein Film so orientierungslos durch sein Gelände stolpert, stimmt bald gar nichts mehr daran. Dieser Film könnte auch «Irgendwo» heissen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2010, 07:19 Uhr

Bekannt aus «Slumdog Millionaire»: Freida Pinto in Julian Schnabels «Miral». (PD)

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