Fabulieren auf dem nächsten Level

Mit «Polder» kommt der erste Schweizer Film ins Kino, zu dem auch eine App und ein Theater-Game gehören. Was können solche «transmedialen» Produktionen?

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Der erste Buchstabe ist uns geradezu entgegengepurzelt – vielleicht, weil wir uns für die Wahlmöglichkeit «Hell» statt «Dunkel» entschieden haben? Im App-Rätselspiel «Der Polder» soll der User die Menschheit von einer digitalen Hexe befreien – und die Buchstaben für das Lösungswort finden. Die Stimme aus dem Smartphone lotst uns dazu an verschiedene Orte in jenen Schweizer Städten, wo diese Woche der Kinofilm «Polder» anläuft.

Die schaurig-schöne Digitalhexe ist eine Figur aus der Geschichtenwelt, die sich die Schweizer Theaterleute Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal von der Theatergruppe 400asa ausgedacht haben: In diesem Erzähluniversum geht es um die Machenschaften des fiktiven Game-Konzerns Neuroo-X, der nun auch das dunkle Zentrum des Films «Polder» ist (siehe Box). Schon seit 2009 spukt die Geschichte über Neuroo-X und die Sehnsucht der Gamer, in Fantasiewelten zu tauchen, in den Köpfen der Macher herum. 2013 inszenierten sie «Der Polder» als Mitmachtheater in Bern, Sils Maria und Zürich, wobei das Publikum per Audioguide oder App durch die Strassen gelotst wurde und Rätsel lösen musste.

Ein altes Erzählprinzip

Bei jeder Austragung habe sich die Handlung weiterentwickelt, erklärt Regisseur Julian M. Grünthal – und Neu­roo-X wurde immer zwiespältiger: «Nach der Zürcher Inszenierung 2013 wurde klar, dass die Firma dieses anscheinend unschuldige Urban Game nur dazu benutzt, Userdaten zu sammeln.» Die Theater-Spiele dienten als Testläufe für den Kinofilm, dabei schälten sich Plot und Figuren heraus – auch mithilfe von Inputs der Mitspieler. Und aus der Theaterproduktion «Der Polder» wurde ein transmediales Projekt.

Der Begriff «Transmedia Storytelling» ist in den letzten Jahren auch in der Schweizer Filmbranche geläufig geworden. Was neu klingt, benennt im Grunde ein altes Erzählprinzip. Es besagt, dass eine Geschichte auf verschiedenen Kanälen erzählt wird, die einander ergänzen. Hier liegt der Unterschied zum Multi­medialen: Es gibt nicht den einen Ur-Text, der via unterschiedliche Medien wiedergegeben wird, sondern ein wucherndes Bündel an Geschichten, die zum selben Erzähluniversum gehören, aber je nach Medium anders geformt sind und dem Publikum variable Einstiegsmöglichkeiten bieten. Wie etwa bei «The Matrix»: Die Geschichte wird in drei Kinofilmen, mehreren animierten Kurzfilmen, Computerspielen und als Comic erzählt, wobei eine komplexe fiktionale Welt entstanden ist – «enzyklopädisch» nennt der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins, der den Begriff des Transmedialen prägte, solche Erzählungen.

Mit der Digitalisierung vervielfachten sich Kanäle und Distributionsmöglichkeiten von transmedialen Erzählungen – und das Publikum konnte etwa via Blogs selber an einer Geschichte mitschreiben. «Transmedia Storytelling ist die ideale ästhetische Form für ein Zeitalter kollektiver Intelligenz», schreibt Jenkins. Damit verändere sich nicht nur die Auffassung von Autorschaft, es veränderten sich auch Abläufe und Produktionsstrukturen. «Der Gott der Produktion bei Transmedia ist eher eine Schwarmintelligenz und nicht der Autorenfilmer in seinem Stübchen» – so sagt es Samuel Schwarz. Vieles geschieht kollektiv und gleichzeitig, die Prozesse ähneln eher dem Gamedesign als einer gängigen Filmproduktion. Wenig kompatibel damit sind derzeit noch die Gesetzmässigkeiten der Schweizer Filmförderung; das bekamen die Macher von «Polder» bei der Finanzierung zu spüren – man habe den Geldgebern die Mechanismen einer transmedialen Produktion immer wieder erklären müssen, so Schwarz.

Die transmedialen Schneuwlys

Ähnliche Erfahrungen machte der Berner Produzent Louis Mataré: «Die Medienlandschaft hat sich verändert, aber die Förderung ist immer noch primär eine Kinoförderung.» Matarés Produktionsfirma Lomotion hat im vergangenen Jahr mit «Experiment Schneuwly» eine Web- und TV-Serie mit transmedialen Elementen produziert. Dabei traten die Protagonisten, das biedere Ehepaar Schneuwly (Matto Kämpf und Anne Hodler), nicht nur in Filmbeiträgen auf, sondern auch in Radiosendungen oder auf Youtube, und sie kamen auf Facebook direkt in Kontakt mit dem Publikum. «Experiment Schneuwly» war das erste transmediale Projekt, das von der Berner Filmförderung unterstützt wurde; ein spezielles Fördergefäss gebe es aber derzeit nicht, teilt das Amt für Kultur auf Anfrage mit. Entsprechende Eingaben könnten im Rahmen der bestehenden Förderinstrumente eingereicht werden. Allerdings seien bisher erst wenige Gesuche eingegangen. Dennoch suche man den Austausch mit anderen regionalen Förderern in dieser Frage.

Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft etwa unterstützen seit Anfang Jahr explizit auch Transmedia-Projekte. Die Schwierigkeit für die Produzenten besteht aber nach wie vor darin, dass die Praxis uneinheitlich ist. «Gewisse Förderstellen sprachen Gelder, weil wir transmedial produzierten, andere gaben uns gerade deswegen kein Geld», sagt Schwarz. Letztlich habe «Polder» aber bei manchen Förderstellen ein Bewusstsein für Transmedia schaffen können.

Schon länger fördern das Bundesamt für Kultur und die SRG multimediale Produktionen, letztere seit 2013 mit 300'000, ab 2017 mit 500'000 Franken jährlich. Das ist – angesichts horrender Budgets von Produktionen wie «The Matrix» – natürlich wenig Geld. Dennoch hält es Michael Brönnimann, Transmedia-Experte bei SRF, für wichtig, dass die Schweizer Kultur lerne, diese Sprache zu sprechen: «Schliesslich verändert sich die Art, wie wir uns Geschichten erzählen, auch im Privaten: Von der letzten Bergwanderung schwärme ich heute mit einem Foto vom Gipfel, mit einem Video der lustigen Gämse und mit der dreidimensionalen Karte der Swisstopo-App.»

«Feige Sofakartoffeln»

Auch die Macher von «Polder» richten sich an ein Publikum, das an komplexe multimediale Erzählungen gewöhnt ist. «Eine vom einsamen Schweizer Autorenschreiber verfasste 3-Akt-Geschichte mit absehbarem Ende wird unserer Gegenwart mit superintelligenten Menschen und Maschinen nicht mehr gerecht», findet Samuel Schwarz. Allerdings fordere «Polder» selbst ein Tech-­affines junges Publikum heraus, weil der Film ambivalent sei und gewisse User – «feige Sofakartoffeln und Sandkastenkrieger» – auch zu kritisieren wage.

Damit unterscheidet sich «Polder» grundlegend von den Vorbildern grosser amerikanischer Medienunternehmen, die das transmediale Prinzip primär dazu nutzen, neue Märkte und Publikumssegmente zu erschliessen – so sollte einst ein «Desperate Housewives»-Computerspiel eine ältere weibliche Kundschaft an die Konsolen locken. Der Unterschied zu «Pokémon Go»

Zwar klingt auch die Ankündigung der «Polder»-App wie aus dem Game-Prospekt: «Erlebe den Polder-Retro-Cyber-Trip und gewinne coole Gadgets und sinnliche Erfahrungen.» Der ironische Unterton und die grundsätzlich ambivalente Haltung der Macher dürften aber auch jenen einleuchten, welche mit dem kritischen Denken der Theatergruppe 400asa nicht vertraut sind. Und der Unterschied etwa zu «Pokémon Go» ist, dass die Macher solche Phänomene nicht reproduzieren, sondern verstehen wollen. Nicht Affirmation also, sondern Irritation: Der User soll weniger in Geschichten eintauchen, als vielmehr erkennen, was dahinter steckt – in durchaus Brecht’scher Manier, wie Schauspielerin Wanda Wylowa anmerkt: «Wir machen Theater für ein technologisches Zeitalter im Sinne von Brecht.» Ein Theater also, das auch auf kleinen und grossen Bildschirmen stattfindet und künstlerische Reflexion mit den Strategien mächtiger Medienunternehmen verbindet.

Ob man das nun Theater, Film, Game oder Transmedia nennt: Es ist eine Kunstform, welche die neuen Erzählprinzipien nicht nur nutzt, sondern auch hinterfragt. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2016, 08:31 Uhr

Retro-Tech-Trash: Der Film «Polder»

Ryuko (Nina Fog), die Geliebte des Game-Entwicklers Marcus, muss Kreuzworträtsel lösen und Audiokassetten abspielen, um ihrem verschwundenen Mann auf die Spur zu kommen – und den nächsten Level zu erreichen. Denn ihre Suche ist einem Computerspiel nachempfunden, wenn auch einem mit Retro-Touch. Und so tauchen in diesem Film aus der Feder der Schweizer Theaterleute Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal Avatare auf, die aussehen wie aus einem Freilichttheater, schnauzbärtige Gamer, die Nietzsche zitieren, eine japanische Hexe sowie eine zwielichtige Computerspielfirma.

Zum Kinofilm gehört auch eine App (siehe Haupttext), die das Publikum per Audiowalk ins Kino lotst, wo es bei gewissen Vorführungen theatrale Interventionen gibt. Aber auch für sich genommen besticht der Film «Polder» mit geschickt verschlauften Erzähl­ebenen, unzähligen Anspielungen an Hoch- und Trivialkultur sowie einer Ästhetik, die apart zwischen Trash, Asia- und Alpenkitsch pendelt.

Ab 9. September in Bern im Kino Rex.
Premiere am Freitag, 20 Uhr, in Anwesenheit der Crew. Vor der Kino-Vorstellung findet ein knapp 30-minütiger Audio-Walk statt, für den ein Smartphone mit Kopfhörern benötigt wird. Zugang zur App und zum Rätselspiel:
www.derpolder.com

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