Filme aus der Zeit, bevor die Traumpolizei kam

Ab 1934 gehorchte Hollywood der Zensur, aber davor drehte es gewagte Filme. Nun bietet das Filmpodium allerhand saftige Entdeckungen.

«Baby Face» (1933): Mit Barbara Stanwyck und George Brent.


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Die unmoralische Zeit in Hollywood dauerte vier Jahre, von 1930 bis 1933. Es war eine Miniaturepoche im Kino, während der Frauen auf ihrer Lust beharrten, Diebe äusserst dreist vorgingen und Gangster kein Pardon kannten. Gesündigt wurde ungestraft, Tugend blieb unbelohnt, Verbrechen zahlten sich aus und Seitensprünge sowieso.

Alles änderte sich 1934, als sich die Hollywoodstudios freiwillig dem Druck von katholischen und politischen Sittenwächtern beugten und den Beschränkungen des «Production Code» folgten. Dann war Schluss mit den Freveln. Der Code, ein rigides Dokument gegen den Sündenpfuhl Hollywood und eine Reaktion auf die angeblich zersetzende Wirkung des Films, verbot es, ausserehliche Affären als «schön und attraktiv» darzustellen. Tänze konnten nur gezeigt werden, wenn sie im Publikum keine Gefühlsreaktionen auslösten. Verbrecher als sympathische Figuren zu porträtieren, war untersagt.

Das unerhörte Hollywood

Die Zensur galt bereits in den Jahren vor 1934, nur hielt sich niemand daran. Damals, in der kurzen Pre-Code-Ära, entstanden Filme wie Ernst Lubitschs «Trouble in Paradise», in dem ein Dieb und eine Diebin einander übertrumpfen. Die Komödie von Unmoral und Erregung gilt heute als einer von Lubitschs schönsten Filmen. Aber die exquisite Programmreihe im Filmpodium, die ursprünglich das Kino Arsenal in Berlin zusammengestellt hat, bietet auch weniger bekannte und selten vorgeführte Werke.

«Jewel Robbery» (1932) zum Beispiel, die Liebeskomödie des deutschen Einwanderers William Dieterle, die, wie viele Filme aus der Zeit, kaum mehr als eine Stunde dauert. Sie ist offenkundig von ihrem Helden angetan, einem eleganten Juwelenräuber, der sein Metier in Paris studiert hat und nebenher eine Dame verführt, die in einer «unerträglich langweiligen» Ehe dahinlebt. Die Überfälle dieses Conférenciers des Kriminellen gehen höchst gesittet über die Bühne. Gern verteilt er zur Entspannung «funny cigarettes», deren Konsum in eine Art Kifferhumor avant la lettre mündet. Der Klamauk ist nicht gut gealtert, aber die Dialoge prasseln, die Angebote sind alle unmoralisch und die Polizisten von seltener Dummheit.

Bald verbot es der Code nämlich auch, sich über Autoritäten lustig zu machen. Mit der Zensur tauchte das, was auf der Leinwand explizit geäussert wurde, ins Verborgene. Kino unter dem Code, das war ein Erzählen unter der Oberfläche: Geflüster statt Geschrei, Anspielungen statt Exzentrik. Das Leben mochte weiter gefährlich sein und die Möglichkeiten verheissungsvoll, aber vieles blieb im Hollywood des Production Code unausgesprochen – im Gegensatz zu den oft unverblümten Filmen der Pre-Code-Zeit.

Das unerhörte Hollywood zeigte einen künstlerischen Pfad auf, der in der Folge unbewandert blieb. Pre-Code-Filme porträtierten die teils zynische Wirklichkeit im Amerika nach der Gros-sen Depression. Die Geschichten waren voll von Schurken, die mit der Prohibition Geschäfte machten. Sie feierten die Frauen, die unter sich sein und lästern konnten und selbstbestimmt ihre (auch sexuellen) Ziele verfolgten. So wie in «Baby Face» (1933), worin Barbara Stanwyck als junge Aufsteigerin die Stadt erobert, quasi als Vorläuferin des Männer mordenden Vamps. Oder so wie Mae West, die mit anzüglichen Auftritten in «I’m No Angel» (1933) zur Ikone und zum Publikumsmagneten wurde. Oft verherrlichten Pre-Code-Filme einen verwegenen Individualismus und veralberten den Staat. Sie zeigten Körperbilder, während die Zensoren später selbst das zu kontrollieren versuchten, was sich in den Köpfen der Zuschauer abspielte. Viele der Filme vor 1934 haben ihre Frische behalten und überraschen mit einer Modernität, die bereits auf materielle Selbstverwirklichung zielt.

Offen und verborgen

Und doch: Die wilden Jahre täuschen nicht darüber hinweg, dass Hollywood die Zensur nicht zuletzt umarmte, um sie zu ersticken. Unter dem Production Code erlebten die Hollywoodstudios ihre Blütezeit, dank ihren Stars und den eingeschliffenen Produktionsverfahren. Abgeschafft wurde die Zensur erst 1967, im Geburtsjahr von New Hollywood. Dann brachen Regisseure wie Francis Ford Coppola mit einer neuen Intensität zur Oberfläche durch. Bis heute hat Hollywood die Dialektik von Offenem und Verborgenem verinnerlicht: Auf die Wucht von New Hollywood folgte das uneindeutige Zeitalter von Pop und Ironie, und heute hat sich mit Komödien wie «Hangover» eine neue Vulgarität durchgesetzt: Womöglich sind wir heute wieder in einer Ära der Schreie.

Die Pre-Code-Reihe im Filmpodium dauert bis Mitte September. «Jewel Robbery», 14. 7., 20.45 Uhr und 24. 7., 18.15 Uhr. www.filmpodium.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2014, 06:43 Uhr

«I'm no Angel»

(1933) mit Mae West und Cary Grant
Quelle: Youtube

«Jewel Robbery»

(1932) mit William Powell und Kay Francis
Quelle: Youtube

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