Fünf Frauen und der LSD-Wald

Der Science-Fiction-Film «Annihilation» war dem Filmstudio zu kompliziert. Ab 12. März läuft er halt auf Netflix.

Die fünf Forscherinnen unterwegs zur Membran, die sie in die Area X führt.

Die fünf Forscherinnen unterwegs zur Membran, die sie in die Area X führt. Bild: Netflix

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Man wäre ja gern einmal dabei, wenn ein amerikanisches Studio zu Testvorführungen gerade abgedrehter Filme lädt. Die Zuschauer füllen dann meistens Bogen aus und geben Kommentare ab. Bei «Annihilation» lauteten sie: «Zu kompliziert» und «zu intellektuell». Ausgerechnet, denn für den Science-Fiction-Film hatte das Studio Paramount nicht nur den Briten Alex Garland verpflichtet, den Visionär von «Ex Machina», einer Roboterfantasie für Gadget-Kerle. Es hat als Star auch Natalie Portman geholt. Und jetzt das: Zwei Produzenten gerieten sich nach dem Screening in die Haare. Paramount entschied darauf, den Film nur in den USA, Kanada und China herauszubringen. Für den Rest der Welt fand man einen anderen Vertriebspartner: Netflix.

Wird der Streaming-Dienst nun zur Deponie für Filme, die fürs Kino zu klug sind? «Annihilation» handelt von einem Team von fünf Forscherinnen – unter ihnen Natalie Portman als Biologin Lena –, die als Expeditionstrupp die Sperrzone Area X an der Küste von Florida betreten. Von einer früheren Mission ist Lenas Mann (Oscar Isaacs) deutlich verändert zurückgekommen, was daran liegt, dass wir es mit einem sehr besonderen Landstrich zu tun haben.

Biotop des Schreckens

Hinter einem Schleier aus waberndem Zellophan hat die Natur hier die Gesetze umgeschrieben: Die Flora mutiert exotisch, Korallenartiges überwuchert die Gerüste militärischer Einrichtungen, phos­pho­res­zie­rende Pilze ersticken Baumstämme und gefährliche Sumpfviecher tauchen aus dem Brackwasser. Durchs Geäst fallen Spektralfarben, und es hätte einen nicht gewundert, wäre im albtraumhaften Psychedelik-Wald auch noch ein wild gewordenes Einhorn aufgetreten. Stattdessen bekommen es die fünf Frauen mit einem Urzeitbären zu tun, der, wenn er das Maul aufreisst, die Todesschreie seines letzten Opfers von sich gibt. «Verdammt seltsam», das stand vermutlich auch auf einem der Fragebogen nach der Testvorführung.

Eigentlich hatte Paramount bei «Annihilation» die perfekte Paarung im Auge: Alex Garland, ein cooler Designer technologischer Abgründe, verfilmt den Roman von Jeff VanderMeer, ein Vertreter der New-Weird-Fiction, der in seiner rund tausendseitigen Southern-Reach-Trilogie den Sperrbezirk Area X als ein unheimliches Paradies beschrieben hat: wunderschön und grauenvoll zugleich, eine extrem fremd gewordene Natur, die dem Bewusstsein allerlei Streiche spielt.

Der Trailer. Quelle: Youtube.

In der Verfilmung wirkt die Öko-Fantastik ein bisschen simpler, da sieht es immer wieder so aus, als wolle die entfesselte Natur das Anthropozän nun endgültig auslöschen und die Erde zurückerobern. VanderMeer lag da mehr an der Horrorvision, dass der Mensch einer Umwelt gegenübersteht, die sich uns letztlich nicht mehr zu erkennen gibt. Alex Garland, der auch das Drehbuch schrieb, fragt da lieber, welches Grauen die Forscherinnen an sich selber entdecken, sobald sie das Biotop des Schreckens betreten. Es kommt zu Verdächtigungen und Drohungen, bald einmal tickt eine der Wissenschafterinnen aus, worauf die üblichen gruppendynamischen Verschiebungen folgen. Auf die Gefühlspollen, die auch noch durch Lenas Bewusstsein schweben, weil sie sich an ihren Mann erinnert, wie er sie vor der Katastrophe im Bett gekitzelt hat, hätte man dann aber gern verzichtet.

Nur, wir erleben genug Merkwürdiges in «Annihilation», nicht zuletzt ein ekstatischer Todestrieb angesichts der Versuchung der Selbstvernichtung. Möglicherweise kam der Film dem Paramount-Testpublikum auch gar nicht zu intellektuell vor, sondern zu unnahbar: Mit wem soll man sich hier identifizieren, mit der depressiven Biologin? Oder mit den pilzartigen Gewächsen?

Oder einfach: mit niemandem, weil diese Wildnis allen unbegreiflich bleibt. Für ein 55-Millionen-Dollar-Projekt schon gewagt, aber dem Filmstudio wurde es doch zu unheimlich. Kommt dazu, dass im Kino mit härterer Science-Fiction sowieso nicht viel Geld zu machen ist. Netflix muss sich jetzt auch an den Produktionskosten beteiligen. Die Content-Station schluckt aber eh gerade alles, was sie kriegen kann. Ähnlich wie die Natur in Area X kann sie sich Neues einverleiben, und lässt es dann wuchern im eigenen Angebots-Gestrüpp.

Ab 12. März auf Netflix. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 14:36 Uhr

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