«Für Westeuropa sind wir Ungarn Clowns. Oder sogar Vampire»

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó über sein Heimatland und seinen neuen Film «Jupiter’s Moon».

«Ungarn ist noch immer eine Demokratie», sagt Kornél Mundruczó. Foto: Doris Fanconi

«Ungarn ist noch immer eine Demokratie», sagt Kornél Mundruczó. Foto: Doris Fanconi

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Hetze gegen Flüchtlinge, Angriffe auf Medien, Antisemitismus: Wie kann man noch in Ungarn leben?
Wenn ich reise, stellt man mir diese Frage sehr oft. Ich mag sie nicht. Das Land existiert, es ist okay. Ungarn ist noch immer eine Demokratie. Trotzdem gibt es die erwähnten Angriffe, die Medienfreiheit ist gefährdet, und im Kulturbereich gibt es Kürzungen. Aber zugleich ist Ungarn noch ein stabiles Land mit einer stabilen Wirtschaft.

Viktor Orbáns Wiederwahl Anfang April wurde von Rechtspopulisten bejubelt, etwa von Marine Le Pen.
Der Wahlkampf wurde in Ungarn sehr primitiv und gefährlich geführt. Entmenschlicht auf beiden Seiten. Links wie rechts. Es war reiner Populismus, eine neue Form von Paranoia-Politik, die sehr viel gefährlicher ist als der Nationalismus, weil man nicht gegen sie ankämpfen kann. Sie gibt täglich andere Versprechen und Antworten auf die grossen Fragen. Alte Ideologien wie der Marxismus oder der Liberalismus haben keine Chance gegen sie. Aber das ist gar nicht schlecht für die EU.

Wie bitte?
Ja, nach dem Motto: «Oh, schaut mal auf die Ungarn, was die gerade machen.» Für Westeuropa sind wir Clowns. Oder sogar Vampire. Und alle sagen: «Die wollen Blut saugen!» Dabei ist alles, was hier geschieht, vom Westen legalisiert. Ich will nicht paranoid wirken, aber ich habe das Gefühl, der Kapitalismus braucht zurzeit diesen neuen Populismus, um überleben zu können, da die Demokratie nicht mehr die beste Plattform für ihn ist. Ungarn wird von den anderen europäischen Ländern auch nicht wirklich in die Mangel genommen. Ich erkläre mir dies mit den sehr starken Wirtschaftsbeziehungen, etwa zwischen Deutschland und Ungarn.

Trailer zum Film «Jupiter's Moon». Video: Youtube/The Match Factory

Würden Sie den Populismus in Ungarn mit demjenigen in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder der Schweiz vergleichen?
Absolut. Möglicherweise hat der Populismus nicht das gleiche Ausmass und dieselbe Ausprägung, aber die Parteien in den erwähnten Ländern haben tatsächlich vieles gemeinsam. Vielleicht liege ich falsch mit dem, was ich sage, aber Ungarn könnte ein Vorbote der Zukunft sein.

Macht Ihnen das keine Angst?
Doch, es ist wie ein sehr grausames Theaterstück. Es ist keinesfalls gut, im Populismus zu leben, nicht gut, darin aufzuwachsen. Ich habe drei Kinder, und wenn ich mir überlege, was das Schlimmste an Ungarn ist, dann das doppelte Sprechen. Mir ist es leider schon aus der Sowjetzeit bekannt, und ich habe Angst, dass meine Kinder es auch lernen werden.

Ein doppeltes Sprechen?
Es gibt eine Ebene der populistischen Paranoia-Politik und eine Ebene der Realität. Wenn man die Realität verliert, dann ist das sehr gefährlich. Die Kommunikation von Orbáns Partei ist aber noch immer etwas anderes als die Realität, das ist zumindest mein Gefühl.

Also gibt es keine Gefahr für Minderheiten in Ungarn?
Meiner Meinung nach nicht. Ich habe jüdische Kinder und glaube nicht, dass sie in Gefahr sind. Es gibt eigentlich kaum noch Minderheiten in Ungarn ausser den Roma. Deren Situation in Nord-Ungarn ist heikel, aber ich sehe keinen grossen Unterschied zum europäischen Durchschnitt. Klar, wir leben in flüchtigen Zeiten, und ich lebe in einer Gesellschaft, in der es eine sehr grosse Frustration gibt, die gefährlich werden kann. Was aus solchen Situationen entstehen könnte, ist oft Motiv meiner Filme, etwa von «Delta», in dem ein Geschwisterpaar von einem Dorfmob ermordet wird. Wobei alle meine Filme und Theaterstücke eine Botschaft haben: Entmenschlicht euch nicht.

In Ihrem Film «Jupiter’s Moon» gibt es einen Flüchtling, der fliegen kann.
Ich war schon als Kind ein Science-Fiction-Fan. Mit zwölf las ich «Der fliegende Mann», eine russische Sci-Fi-Novel von Alexander Bejalew. Dieses Bild blieb mir. Und ich wollte immer einen Film machen, in dem jemand fliegen kann.

Im Film sagt eine Figur, wir hätten uns zu lange in der Horizontalen orientiert, vielleicht wäre es wichtiger, nach oben zu schauen. Ein religiöses Bekenntnis?
Für mich ist das die Schlüsselszene des Films. Alle wissen, dass Erfolg und das Geldmachen nicht die einzigen Überzeugungen sein können. Wir werden geboren, wir werden sterben. Das ist das, was uns Menschen am stärksten verbindet und auf einer vertikalen Achse zu liegen käme, wenn wir im Bild bleiben wollen. Die Orientierung in der Vertikalen meint nicht, dass wir in einer konkreten Form religiös werden sollten. Aber ich glaube, wir sind stärker und grösser, wenn wir es wollen. Dann können wir auch die Probleme lösen. Selbst die Flüchtlingskrise, die uns ja nicht unvorbereitet trifft und in der ich eine Art Weckruf sehe.

Sie waren selbst länger in einem Flüchtlingslager, für Recherchen.
Das stimmt, und es war eine wichtige Erfahrung. Ich war total gecrasht, weil diese Erfahrung so grosse Fragen aufwarf: Was bedeutet Europa für mich? Was ist Humanität und Moral? Vielleicht ist das sehr persönlich und pathetisch, ich rede auch nicht gerne darüber, aber ich fühlte eine sehr starke Verantwortung für jene, die nicht so viel haben, die nicht in Sicherheit leben wie wir. Die Angst vor dem Anderen existiert, viele fürchten sich vor Unbekanntem wie den Flüchtlingen. Aber wenn wir uns dem aussetzen, verliert es den Schrecken, und wir finden eine Lösung.

In Ihrem Theaterstück «Hard to Be a God» schien Mord die einzige Lösung, um eine Gewaltspirale durchbrechen zu können.
«Hard to Be a God» entstand vor acht Jahren als Produktion meiner eigenen Gruppe, dem Proton-Theater, und war der unartikulierte Eindruck, dass wir in eine Sackgasse geraten sind. Inzwischen bin ich etwas positiver, etwas hoffnungsvoller, obwohl es heute aussichtsloser ist. Aber wir leben ja in Gegensätzen.

«Alle meine Filme und Theaterstücke haben eine Botschaft: Entmenschlicht euch nicht.»

Oder in Paradoxien?
Genau. Selbstverständlich sehen wir noch nicht das Ende des Tunnels. Aber ich denke, wir haben mit der Suche begonnen. Das Ende von «Jupiter’s Moon» zeigt genau das: Der Polizist, der zu Beginn an der ungarisch-serbischen Grenze auf den Flüchtling schiesst, drückt am Schluss des Films nicht ab, obwohl er die Waffe in der Hand hat. Der Film hegt also die Hoffnung, dass es einen anderen Weg gibt. Ich hoffe, dass er gefunden und eingeschlagen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 18:58 Uhr

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Kornél Mundruczó

Ungarischer Regisseur

Der 43-jährige Kornél Mundruczó zählt zu den wichtigsten Theater- und Arthouse-Regisseuren der Gegenwart. In seinem jüngsten Film «Jupiter’s Moon» zwingt ein junger Flüchtling aus Syrien alle vor Ehrfurcht in die Knie, weil er fliegen kann. Wobei Mundruczó schon immer ein Faible fürs Übersinnliche hatte: In «Johanna» (2005) besitzt die Titelfigur die Fähigkeit, durch Sex Kranke zu heilen. In «Jupiter’s Moon» gibt es nun den fliegenden Syrer und einen rotierenden Raum: Irritationskino, das die Frage aufwirft, ob es ein Mangel an Religiosität ist, der die Menschen zwieträchtig macht. Der Film läuft in Zürich im Kino Riffraff. (atob)

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