«Für die Polizisten waren es 100 schwarze Prostituierte weniger»

Der Brite Nick Broomfield bewertet am Zurich Film Festival die Dokumentarfilme. In seinen eigenen Porträts nähert er sich dem Bösen und den Mördern.

Nick Broomfield erkundet das Unfassbare.

Nick Broomfield erkundet das Unfassbare. Bild: ZFF

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Sie hat die Augen weit aufgerissen, auf einmal hat sie den Ausdruck einer Wahnsinnigen: Aileen Wuornos, Prostituierte, Lesbe, Freiermörderin und Inspiration für den Film «Monster» mit Charlize Theron. Bevor sie hingerichtet wurde, hat der britische Dokumentarfilmer Nick Broomfield zwei Filme über sie gedreht, in denen er immer wieder selbst ins Bild wackelte mit Tonangel und Aufnahmegerät. Aus dem Off hörte man seinen trocken anklagenden Kommentar: Broomfields Filme sind Investigationen ins Unerhörte, sie schälen Unstimmigkeiten heraus und erwecken Mitgefühl für das Böse. Am Zurich Film Festival, wo Broomfield als Jurymitglied den internationalen Dokumentarfilmwettbewerb beurteilt, wird sein neuestes Porträt «Tales of the Grim Sleeper» gezeigt.

In «Aileen: Life and Death of a Serial Killer» haben Sie es geschafft, Verständnis für eine Massenmörderin aufzubringen. Wie kam es dazu?
Aileen Wuornos war eine arme, alkoholsüchtige Prostituierte, drei Merkmale, die Polizisten schon einmal gar nicht interessieren. Niemand wollte herausfinden, was ihr zugestossen war. Dabei lebte sie im Wald und wurde von ihrem Grossvater und ihrem Bruder vergewaltigt. Das hat aber keinen gekümmert. Für mich war das fast das Schockierendste an dem Ganzen.

Auch in «Biggie & Tupac», ihrem Film über die Morde an zwei Rapgrössen und die Inkompetenz der Justiz, kommt die Polizei nicht gut weg.
Das waren für die Polizisten zwei schwarze Gangster, die sich gegenseitig umgebracht hatten. Sie sagten: «Gut, so müssen wir uns um zwei weniger kümmern.» Die Polizisten kümmert das alles einen Dreck, sie haben zu viel Arbeit und keinerlei Interesse an Armen oder Schwarzen.

Mit «Tales of the Grim Sleeper» haben Sie erneut einen Dokumentarfilm über einen Mörder gedreht, diesmal ein Mann, der Prostituierte ermordet hat.
Der Film handelt von den mausarmen Quartieren von South Central in Los Angeles, da ging ein Mörder um während 25 Jahren und hat wohl über 100 Frauen umgebracht. Er wurde dank einer DNA-Analyse erwischt. Die Polizisten hats wieder nicht gekümmert, für sie waren es 100 schwarze Prostituierte weniger, mit denen sie sich beschäftigen mussten. Man muss wissen: Wenn ein Cop in Los Angeles den Mord an schwarzen Prostituierten, Gang-Mitgliedern oder Junkies meldet, gibt er den Slangbegriff «NHI» durch, kurz für «No Humans Involved». Das heisst, dass man das Verbrechen hastig abhakt, ohne ordentliche Spurensicherung oder Obduktion. Mittlerweile ist darum ein grosser Skandal entstanden.

Kämpfen Sie mit Ihren Filmen für Gerechtigkeit?
Ja. Die USA sind ein segregiertes Land, es herrscht dort eine echte Apartheid. So schlimm wie im Township Soweto ist es nicht, aber in Los Angeles fahren Weisse nicht nach South Central, ausser sie nehmen die falsche Autobahnausfahrt. Die meisten Leute in Los Angeles wissen nichts von den schwarzen Quartieren, sie haben eine Art Voodoo-Vorstellung davon, es lebt für sie dort der Butzemann.

Wie wurden Sie empfangen?
Nützlich ist, wenn man mit jemandem geht, der die Gegend kennt. Wenn eine weisse, männliche Filmcrew aus dem Auto steigt, wird das als aggressiv wahrgenommen. Solche Leute kreuzen dort nur auf, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Wir haben eine Komikerin getroffen, eine Art Lokalheldin, die aus einem unglaublich armen Elternhaus kam. Ihr Vater hatte versucht, den Rest der Familie umzubringen. Sie war frech und attraktiv und uns eine Hilfe, Leute zu treffen. Mein Kameramann allerdings ist ausgeflippt vor Angst, nach vier Tagen wollte er zurück nach England.

Oft spekulieren Sie in Ihren Filmen. Warum?
Spekulation ist hilfreich, weil man so viele Fragen stellt. Sie hilft bei der Suche, bei der Schnitzeljagd. Es braucht ja ein Rätsel, das dazu führt, dass man sitzenbleibt und nicht zur Toilette geht, weil man wissen will, wies weitergeht. Hat er es getan, hat er es nicht getan? Ein Film muss ein Abenteuer sein, muss eine Ungewissheit enthalten.

Können das Dokumentarfilme besonders gut?
Sie schaffen es, Empathie herzustellen. Viele Leute hätten sich nie vorgestellt, dass ihnen Aileen Wuornos sympathisch werden könnte. Aber es passiert, sie berührt uns, sie ist faszinierend. Viele Leute, die ich porträtiere, haben diese Ehrlichkeit und Würde an sich. Dennoch wird von ihnen geredet, als würden sie nichts zählen. Das dokumentarische Kino kann da einen Beitrag zum Verständnis leisten.

Die Fiktion nicht?
In vieler Hinsicht sind Dokumentarfilme fortgeschrittener als Spielfilme, das Storytelling hat sich da viel schneller entwickelt. Warum sind Fernsehserien wie «Breaking Bad» oder «House of Cards» so viel besser als das Kino derzeit? Weil sie herumspielen, mit der Form, der Struktur, mit den finsteren und verrückten Charakteren. Dagegen sind Spielfilme eingesperrt in dieser uralten Erzählform, die noch immer eine Auflösung im dritten Akt braucht.

Aber die Filmgeschichte ist ja voll von finsteren Figuren und offenen Enden.
Uns fallen vielleicht zehn Filme ein, die widersprüchlich enden. Der Rest des Kinos ist geprägt von hoffnungslosen Versuchen, einen glücklichen Schluss zu finden, wo es offenkundig keinen gibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 17:16 Uhr

Info

«Tales of the Grim Sleeper» läuft am Zurich Film Festival am Samstag, 4. Oktober um 18 Uhr im Corso 4. Die Filme von Nick Broomfield gibts auf DVD.
www.zff.com

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Der Trailer zu «Tales of the Grim Sleeper»


Der Trailer zu «Aileen: Life and Death of a Serial Killer»

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