Interview

«Für diese Rolle musste ich in einige Abgründe tauchen»

Diesen Namen sollte man sich merken: Carol Schuler. Mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht die Schauspielerin über den Film «Nachtlärm», der in Locarno Premiere feierte.

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«Nachtlärm» feiert Premiere am Filmfestival Locarno Premiere. Ihre Rolle?
Claire ist eine junge Frau, die das Risiko und das Abenteuer liebt. Sie fühlt sich von Gefahr angezogen und überschreitet gerne Grenzen. Im Film ist sie gerade auf der Flucht vor irgendetwas und das letzte was sie in diesem Moment sucht ist Verantwortung, aber es kommt natürlich alles anders.

Sagt Ihnen diese Rolle zu?
Mich hat die Rolle schon beim Lesen des Drehbuchs fasziniert. Claire ist stark und verletzlich zugleich. Zudem macht sie eine interessante Entwicklung während des Films durch.

«Nachtlärm» ist Ihre erste grosse Produktion in Deutschland. Sie sagten, Sie hätten sich besonders auf die Rolle der «kaputten» Claire vorbereitet. Erzählen Sie.
In der Vorbereitung gehe ich immer ganz in der Rolle auf. Ich versuche die Person, die ich spielen werde, bis ins kleinste Detail zu durchblicken und zu verstehen. In dieser Phase kann ich schon einmal etwas schräg drauf sein, wie ich von meinem Umfeld vernehme. Ich merke das aber gar nicht so, es passiert einfach, je intensiver ich mich mit einer Rolle beschäftige. Für die Rolle der Claire musste ich auch in einige Abgründe tauchen.

Die Dreharbeiten waren bei Nacht. Keine erschwerenden Umstände?
Wir haben über einen Zeitraum von etwa vier Wochen in Deutschland und in der Schweiz gedreht. Da ich eher ein Nachtmensch – und schon gar kein Frühaufsteher – bin, kam mir das ziemlich entgegen. Ich konnte auch gut den ganzen Tag über schlafen. Daran gewöhnt man sich schnell.

Die eigentliche Hauptrolle spielt ein Säugling. Wie muss man sich Dreharbeiten mit einem willkürlich agierenden Baby vorstellen?
Das lief erstaunlich gut. Das Baby sollte ja ein Schreibaby spielen. Das einzige Problem war eigentlich, dass es manchmal zu gut gelaunt war und nicht geschrien hat, wenn es sollte. Dem kleinen Tiziano haben die Dreharbeiten sehr gefallen: Es waren ja stets ganz viele Leute um ihn, die sich rührend um ihn kümmerten und ihn verwöhnten. Da gibts natürlich keinen Grund zu schreien.

Und Ihre Kleinkinderfahrung beschränkt sich vermutlich auf Babysitting?
(lacht) Ja, ich habe, als ich jünger war, auch mal eine Weile Babysitting gemacht. Wobei dies meist schon ältere Kinder, keine Babys mehr, waren.

Nach diesen Dreharbeiten ist Ihr Babywunsch vermutlich in weite Ferne gerückt...
Naja, ich möchte schon einmal eine Familie. Aber damit lasse ich mir noch Zeit.

Sie haben bereits als 5-jähriges Mädchen in Winterthur das Publikum begeistert. Gab es je eine andere Option als die Bühne für Sie?
Nein, für mich war schon immer klar, dass ich auf die Bühne möchte. Schon als Kind hat sich bei mir alles um Musik und Schauspiel gedreht. Ich wusste bereits früh, was ich wollte.

Keine anderen Berufswünsche also?
Nein, nie.

Wieso dieser absolute Drang, Schauspielerin zu sein?
Es geht darum, in den Menschen etwas auszulösen: ein Gefühl, sei es lachen oder weinen. Ich möchte die Leute berühren, bewegen – heutzutage unterdrücken wir unsere Gefühle viel zu oft. Als Schauspieler kann ich das ganze Spektrum an menschlichen Emotionen durchleben und ausleben, die jedem inhärent sind.

Nach dem äusserst erfolgreichen Singspiel «Geri» – wo Sie der heimliche Star des Abends waren – arbeiten Sie bereits zum zweiten Mal mit Martin Suter zusammen: Er schrieb das Drehbuch für «Nachtlärm». Wie beurteilen Sie ihn als Person?
Ich schätze Martin Suter sehr. Er hat einen tollen Humor und ich mag es, wie er über die Schweiz schreibt. Liebevoll und kritisch zugleich. Er hat ein ausgesprochen gutes Gefühl für Menschen: wie er es versteht, seine Charaktere detailliert und dennoch lebensnah zu beschreiben.

Lesen Sie seine Bücher privat?
Ich habe gerade erst kürzlich «Die dunkle Seite des Mondes» gelesen. Ich konnte es fast nicht mehr aus der Hand legen! Sehr spannend, sehr empfehlenswert.

Mit Ihrem Freund und Musikpartner Andy Fall steuern Sie den Soundtrack «Kleiner Mensch» zum Film bei. Wie kam es dazu?
Der Regisseur Christoph Schaub wusste von meinem Engagement als Sängerin und fragte mich, ob ich einen Song beisteuern möchte. Natürlich packte ich die Gelegenheit beim Schopf.

Sie stehen als Sängerin auf der Bühne, als Schauspielerin vor der Kamera... Wann entscheiden Sie sich für das eine oder andere?
Gar nie. Beides ist meine Leidenschaft. Ich muss mich nicht entscheiden. Ich kann es sogar verbinden! Bis anhin zumindest liessen sich beide Dinge ganz gut unter einen Hut bringen…

…wie auch das Pendeln zwischen Berlin und Zürich…
Ja, das klappt auch ganz gut. Wobei Berlin, wo ich seit sechs Jahren wohne, mittlerweile schon eher mein Zuhause ist.

Was schätzen Sie denn an der Schweiz?
Also, den Käse zum Beispiel... (lacht). Nein im Ernst: Hier lebt meine Familie, ein paar sehr gute Freunde, und ich arbeite gerne in der Schweiz. Es gibt ein paar wirklich gute kreative Köpfe.

Zum Beispiel?
Grad eben habe ich mit dem Regisseur Dani Levy für den neuen «Tatort» zusammengearbeitet. Ein sehr sympathischer Typ mit einer unkonventionellen Arbeitsweise. Was ich zu schätzen weiss.

Muss man eigentlich als Schauspieler etwas unkonventionell – um nicht zu sagen exzessiv – leben?
Natürlich ist eine gewisse Lebenserfahrung von Vorteil. Aber alles erlebt haben kann man ja sowieso nie. Zudem kenne ich eine Menge Berufskollegen, die privat mega langweilig sind, aber grossartige Schauspieler!

Ihnen bot man bisher nie die Rolle des «Mädchen von nebenan» an. Woran liegts?
Meine äussere Erscheinung ist nun einmal nicht sehr «von nebenan»? (lacht)

Welche Rolle würden Sie gerne mal spielen?
Ich mag schon gerne Trash! In einem Film von Quentin Tarantino dabei sein, das würde mich reizen! Oder vielleicht ein Horrorstreifen? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2012, 07:26 Uhr

Erfolgreiche Jungschauspielerin

Carol Schuler, 1987 in Winterthur geboren, entdeckte ihre Leidenschaft fürs Theater an der Ballettschule von Claudia Corti. Als 11-Jährige debütierte sie 1998 im Kinofilm «Vollmond», 2001 spielte sie die Hauptrolle in «Lieber Brad», wofür sie mit dem Schweizer Filmpreis als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Mit 19 Jahren zog sie nach Berlin, um am Europäischen Theaterinstitut eine Schauspielausbildung zu absolvieren. Sie wirkte in diversen Schweizer Film- und Fernsehproduktionen mit. Zuletzt begeisterte sie das Zürcher Publikum als Susi Schläfli im Singspiel «Geri» am Schauspielhaus. Demnächst wird sie in der «Tatort»-Folge «Schmutziger Donnerstag» von Dani Levy und im Roadmovie «Nachtlärm» (ab 30. August im Kino) zu sehen sein. Regie führte Christoph Schaub, das Drehbuch schrieb Erfolgsautor Martin Suter.

Video

Trailer: «Nachtlärm», ab 30. August in den Schweizer Kinos.

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Stimmgewaltig: Mr. Wu and Special Guest Carol Schuler, Tabakfabrik Open Air, Linz.

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