Für ihn durfte Kino auch Zumutung sein

Im Alter von 91 Jahren ist der französische Fimregisseur Alain Resnais gestorben. Nachruf auf einen vornehmen Avantgardisten.

Mit diesem Film feierte Resnais im Jahr 1959 einen Grosserfolg: «Hiroshima, mon amour».


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Jeder Film war für ihn die Erfindung einer neuen Form; er sollte sich so weit als möglich vom vorangegangenen unterscheiden. Unermüdlich und mit grosser Gelassenheit begab er sich auf die Suche nach unverbrauchten Alternativen des filmischen Erzählens. Er wollte sich regelmässig neue, ungekannte Beschränkungen auferlegen, eine Wette mit dem Unerprobten eingehen. Das Kino darf für ihn durchaus eine Zumutung sein, hat Alain Resnais einmal gestanden: Der Zuschauer soll zuerst das Bedürfnis haben, den Saal nach zehn Minuten zu verlassen – und dann doch gebannt sitzen bleiben.

Jeder Film ein Labyrinth

Immer leichtfüssiger gelang es diesem altgedienten Avantgardisten dabei mit den Jahren, die Konventionen neu zu arrangieren. Seit «Hiroshima, Mon Amour» und «L’année dernière à Marienbad» ist jeder seiner Film ein Labyrinth, geboren aus der Lust, das Inkongruente sich szenisch begegnen zu lassen. Das Imaginäre schmuggelte er in eine grösstmöglich alltägliche Atmosphäre hinein. So entstand ein trotz allen ästhethischen Experimenten sehr zugängliches Kino, dem alles Trocken-Akademische fremd war. Seine Filme waren auch Belege seines Humors und des Vergnügens, das ihm die anderen Künste bescherten.

Kundig hat er auf der Tonspur seiner Filme beinahe das gesamte Spektrum der musikalischen Moderne abgemessen, von Hans Werner Henze bis Stephen Sondheim. Die Hochkultur ging dabei regelmässig eine vergnügliche Allianz mit der populären ein; die Neugier dieses vornehmen Geistes schien keiner Hierarchie der Künste verpflichtet. Wenn er in «Mon oncle d’Amerique» die Illusionsmaschinerie des französischen Starsystems mit den Theorien eines Verhaltensforschers verknüpfte, oder in «I want to go home» seinen Figuren Sprechblasen in den Mund legte, wirken diese Bezüge nur anfangs als Fremdkörper, gehen bald im preziosen Erzählgeflecht auf. In «Melo» nahm er ein Stück des fast vergessenen Boulevardautors Henri Bernstein als Spielvorlage ernst. Zuletzt verriet «On connait la chanson», ein Liebesreigen der Missverständnisse, sein wohlwollendes Staunen über die Erzählkraft selbst der eingängisten, simpelsten Schlager.

Die Idee, Regisseur zu werden, kam dem am 3. Juni 1922 in Vannes/Bretagne geborenen Resnais angeblich, als er zum ersten Mal Ginger Rogers und Fred Astaire auf der Leinwand sah: die Essenz des Kinos, das spürte er augenlicklich, ist Bewegung. Er gehört zur ersten Cinéasten-Generation, die im Gewahrsam der Cinémathèque française aufwuchs. Sein erster Film war ein dreiminütiges Remake von Louis Feuillades «Fantômas». Ursprünglich wollte er Schauspieler werden, studierte dann jedoch an der Pariser Filmhochschule IDHEC Schnitt und machte sich einen Namen mit Kurzfilmen über Van Gogh und Paul Gaugain. In «Guernica» spürte er 1950 erstmals den Spuren von Krieg und Genozid nach, die auch Gegenstand der Filme sein sollten, durch die er in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre berühmt wurde: «Nuit et brouillard» und «Hiroshima, mon amour».

Temperamentvoll

Resnais war eher Zeitgenosse als Komplize der Nouvelle Vague, mit dem Klüngel der «Cahiers du cinéma» hatte er wenig zu schaffen. Er eignete sich nicht als Musterbeispiel für deren Autorentheorie, obgleich jeder seiner Filme unverwechselbar Resnais’ Temperament verrät. Die Drehbücher entstanden aus der Verabredung mit einem Autor, der bereits eigenständigen Ruhm errungen hat. Anfangs war er eng verbunden mit der Generation des nouveau roman, mit Raymond Queneau, Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet, später schrieben Jorge Semprun, David Mercer oder auch Jean Gruault seine Szenarien. Das Filmemachen war für ihn eine Werk-stattkunst, Gemeinschaftsarbeit. Jahrzehnte lang entwarf Jacques Saulnier für ihn elegante Szenenbilder, Sacha Vierny war bis in die 80er sein bevorzugter Kameramann, seit «La vie est un roman» kreisten seine Filme um das Darstellerensemble Sabine Azéma, Pierre Arditi und André Dussollier.

So war es keine Koketterie, wenn er sagte: «Angesichts der Qualität der Mitarbeiter fragt man sich, weshalb man da ist.» Seine Methode war die respektvolle, gewissenhafte Vereinnahmung. Am Schönsten beschreibt dies vielleicht eine Anekdote, die André Dussollier mir anvertraute. Bei den Dreharbeit zu «La vie est un roman» fiel ihm auf, wie Resnais jedem einzelnen Statisten einige Blätter in die Hand gab. Die Szene sollte im Jahr 1917 spielen, und Resnais hatte für den Fall, dass der Toningenieur aus dem Gemurmel der Komparsen ein paar Worte aufschnappen könnte, auf zwei Seiten die wichtigsten Ereignisse des Jahres zusammengefasst. Solch verblüffte und stolze Statisten habe Dussollier noch nie gesehen. Denn so etwas machte ein Regisseur eigentlich nicht.

Erstellt: 02.03.2014, 12:57 Uhr

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