Gérard Depardieu glänzt in Martin Suters neuestem Streich

Eben hatte Martin Suters Musical «Geri» auf der Schauspielhaus-Bühne Premiere, schon kommt die Verfilmung seines Bestsellers «Small World» ins Kino – mit einem grossartigen Gérard Depardieu in der Hauptrolle.

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Der 60-jährige Konrad Lang fackelt versehentlich die Ferienvilla ab, die er verwaltet. Da deren Besitzer, die reiche Industriellenfamilie Senn, seit seiner Kindheit Konrads Ersatzfamilie ist, ist für seinen Unterhalt dennoch weiterhin gesorgt.

Konrad ist als Spielgefährte mit dem Sohn des verstorbenen Patriarchen, Thomas, aufgewachsen. Seine Mutter war angeblich ein Dienstmädchen, das mit einem Liebhaber abhaute und den Jungen zurückliess. Später band man den erwachsenen Konrad mit Hilfsjobs weiter an die Familie und verhinderte so seine Entfaltung.

Der Hausknecht ersäuft seine Bedeutungslosigkeit in Spirituosen. Dass er im Alter geistig abbaut, ist aber nicht dem Alkohol geschuldet, sondern der Alzheimer-Erkrankung. Mit dem Schwund des Frischgedächtnisses schärft sich aber sein Langzeit-Erinnerungsvermögen.

Verlogene Bourgeoisie

Das beunruhigt seine «Ersatzmutter» Elvira, die zweite Frau des verstorbenen Firmengründers. Denn Konrads Erinnerungen stimmen nicht mit der Familienlegende überein. Simone, die frischgebackene und schon betrogene Gattin des Firmenerben, macht das neugierig.

Sie beginnt, aus Konrads immer kindlicher werdenden Reden die von Elvira unter dem Deckel gehaltene Wahrheit zu rekonstruieren. Doch noch bevor sie zum Kern vordringt, verlässt sie angewidert das Anwesen ihrer zutiefst korrumpierten Schwiegerfamilie.

Ewiger Sonnenschein des reinen Gemüts

Gleich die Eröffnungssequenz – vom Zürcher Kameramann Thomas Hardmeier mit wunderschön trauriger Poesie eingefangen – lässt ahnen, dass die Geschichte nicht so glücklich endet wie im Suterschen Original. Dort genas Konrad durch die Kombination eines Medikaments mit einer ihm in Mordabsicht beigebrachten Überdosis Insulin von der Altersdemenz. Obwohl die Wissenschaft die heilende Wirkung von Diabetes- Medikamenten auf Alzheimer bewiesen hat, verzichtet Chiche auf diese Form des Happy-Ends. Bei ihm wird Konrad immer weiter zum Kind - zum Glück, denn so muss er nicht realisieren, welche Monstrosität ihm angetan wurde.

Konrads Ausbeutung durch seine «Ersatzfamilie» ist an sich schon traurig. Aber so treuherzig und sympathisch, wie Depardieu das spielt, geht es noch mehr an die Nieren: Erst ist er nur leicht verwirrt, dann zunehmend hilflos und später lernt er, mit Scherzen Erinnerungslücken zu überspielen - «small world» etwa sagt er, wenn er jemanden Bekanntes nicht erkennt.

Am Schluss des Films ist Konrad so reinen Gemüts, wie das nur kleine Kinder sein können. Chiche zeigt das in einer köstlichen Schlussszene, bei der man nicht weiss, ob man vor Freude oder aus Trauer weinen soll.

Hilflose Regie

Ansonsten ist der Regisseur in seinem dritten Langspielfilm nicht immer auf der Höhe seiner Darsteller. Wenn etwa die Matriarchin Elvira – Altstar Françoise Fabian auch mit 77 noch blendend schön - von Beischlafgeräuschen so angetörnt wird, dass sie gleich ihrem Assistenten an die Wäsche geht, wirkt das gekünstelt.

Weltstar Nasthalie Baye, die Thomas' Ex-Frau und Konrads Geliebte spielt, wird ausserdem von Chiche nicht genug gefordert und wirkt belanglos. Möglicherweise hat sie sich auch einfach nur ihre Mimik mit Botox wegspritzen lassen.

Erstellt: 20.12.2010, 15:52 Uhr

Der Film

«Small World», Regie und Drehbuch: Bruno Chiche. Nach einem Roman von Martin Suter. Deutschschweizer Kinostart 23. Dezember.

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