Geschmachtet wird auch gleichgeschlechtlich

Bis anhin waren sie die Witzfiguren des indischen Kinos: Schwule Männer. Das ändert sich, aber nur ganz zaghaft. Das Filmfestival Queersicht widmet Gay Bollywood ein Programmfenster.

Welpen als Gefühlsverstärker: Der Film «Dunno Y» zeigte 2010 den ersten schwulen Kuss im indischen Kino.

Welpen als Gefühlsverstärker: Der Film «Dunno Y» zeigte 2010 den ersten schwulen Kuss im indischen Kino. Bild: zvg

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«Shocking Confession: Bollywood Actor Is Gay», hiess es in einem indischen Online-Magazin vor einem Jahr. Der betreffende Schauspieler, stand da weiter, habe vor, ins Ausland zu ziehen, da er kein Vertrauen in die indische Gesellschaft und ihren Umgang mit Homosexuellen habe. Zwar hat Indien 2009 die Homosexualität entkriminalisiert - dennoch sind schwule, lesbische oder bisexuelle Beziehungen ausser in den liberaleren Grossstädten tabu. Das lesbisch-schwule Filmfestival Queersicht zielt im Länderschwerpunkt seiner 16. Ausgabe auf den Subkontinent, wo das Coming-out eines Filmstars offensichtlich zu schockieren vermag.

Homosexualität ist auch dort eine grosse Leerstelle, wo Millionen Inder täglich Zerstreuung suchen: auf den Leinwänden Bollywoods, des indischen Mainstreamkinos. 1200 Filme spuckt die riesige Maschinerie der Alltagsfluchten jährlich aus, und nur einer davon dreht sich um homosexuelle Beziehungen, wie es im Dokumentarfilm «Looking for Gay Bollywood» des Schweizers Nasha Gagnebin heisst. Erstaunlich eigentlich, denn Bollywood hat sich in den letzten Jahren aufgemacht, auch unbequemere Themen wie den Kashmir-Konflikt oder das Kastenwesen vorsichtig abzutasten - meist zwar nur als dezente Trübung der schillernden, eskapistischen Liebesgeschichten und Actionvehikel. Aber immerhin.

Nur, um eine Frau zu angeln

Schwule Männer treten in Bollywood seit den Siebzigerjahren hie und da in Erscheinung - allerdings ausschliesslich als schrille Karikaturen, die zwar für so manchen Schenkelklopfer taugen, als Identifikationsfiguren jedoch kaum. 2003 kam die Komödie «Dostana» in die Kinos, in der zwei Bollywood-Superstars Schwule spielen - mit Betonung auf «spielen», denn im Film geben sie sich bloss als Gays aus, um sich eine begehrte - weibliche - Schönheit zu angeln.

Ein realistischeres Bild von Homosexuellen zu zeichnen, war bis anhin dem indischen Autoren- und Avantgardefilm vorbehalten. Denn, so sagt es der Regisseur Onir in «Looking for Gay Bollywood», solange Homosexualität in der indischen Gesellschaft nicht akzeptiert sei, gebe es auch keine Filmindustrie, die das unterstütze: «Sie zielt nur auf das, was sich verkaufen lässt.»Dennoch - in der grössten Demokratie der Welt mit der wohl grössten Gay-Community gäbe es vermutlich durchaus ein kommerzielles Interesse an homosexuellen Themen. Doch leider unterlässt es Gagnebin in seinem Film, Vertreter des Mainstreamkinos dazu zu befragen. Dafür macht er deutlich, wie stigmatisiert nach wie vor jene sind, die sich schon nur mit Homosexualität in Verbindung bringen.

Der Schauspieler Yuvraaj Parashar nämlich spielte eine der Hauptrollen in «Dunno Y . . . Na Jaane Kyon» aus dem Jahr 2010, dem ersten indischen Mainstream-Film, der eine Liebesgeschichte zwischen zwei schwulen Männern erzählt - und den ersten schwulen Filmkuss Indiens zeigt. Überwindung habe es ihn gekostet, gesteht Parashar, die Liebesszenen zu drehen. Doch als er den fertigen Film sah, freute er sich. Ganz im Gegensatz zu seiner Familie, die den Medien mitteilte, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben und enterbe ihn. Parashar erfuhr das aus der Zeitung.

Das Blauste vom Himmel

«Dunno Y» ist neben «Looking for Gay Bollywood» einer der Filme, die im Bollywood-Schwerpunkt von Queersicht laufen. Der Streifen ist allerdings mehr als Dokument eines zaghaften Wandels sehenswert als in künstlerischer Hinsicht. Denn Regisseur Sanjay Sharma verpackt seine schwule Liebesgeschichte in einen Soap-artigen Wust von Familienzwisten, melodramatischen Gefühlsaufwallungen und ungelenken Dialogen. Geschmachtet wird im Grossformat, Tränen rinnen wie Flüsse, und die Liebenden versprechen einander das Blauste vom Himmel: «Ich werde nie aufhören, dich zu lieben.» Erklärbar ist das Schmachten in XXL mit den Konventionen des Bollywood-Kinos, und der ausgefranste Plot rührt womöglich daher, dass man auf diese Weise einige renommierte Bollywood-Filmstars verpflichten konnte, um sich so einen Weg zum Mainstream-Publikum zu bahnen.

Regeln aus kolonialer ZeitGeschmachtet wird auch gleichgeschlechtlich

Eine ähnliche Strategie verfolgt das erste lesbisch-schwule Filmfestival Indiens in Mumbai, das bewusst ein viel frequentiertes Multiplexkino als Standort wählte, um seine Themen auch für ein heterosexuelles Publikum sichtbar zu machen. Erstaunlicherweise hat das Festival, das 2010 zum ersten Mal stattfand, die Genehmigung des Informationsministeriums erhalten - während die Zensurbehörden, die sämtliche Kinofilme inspizieren, mit einem Regelwerk operieren, das noch aus britischer Kolonialzeit stammt.

Bollywood ist also noch weit entfernt davon, sich für homosexuelle Anliegen starkzumachen. Gegenwärtig brodelt die Gerüchteküche über Stars, die homosexuell sein sollen - ähnlich, wie man einst in Hollywood darüber munkelte, ob Cary Grant, James Dean oder Rock Hudson schwul seien. Das war in den Fünfzigerjahren. Und bis ein Film wie «Brokeback Mountain» die Kinokassen füllte, sollte es auch in Hollywood noch Jahrzehnte dauern. (Der Bund)

Erstellt: 08.11.2012, 13:59 Uhr

Queersicht

Alt, wild und sexy (8. bis 14. November)

Im Bollywood-Schwerpunkt des Berner lesbisch-schwulen Filmfestivals Queersicht sind neben «Looking for Gay Bollywood» und «Dunno Y» auch Onirs «My Brother . . . Nikhil» zu sehen, der erste indische Film, der Aids zum Thema machte, sowie Deepa Mehtas «Fire», in dem sich zwei Frauen von ihren rücksichtslosen Ehemännern emanzipieren und sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen ihnen anbahnt. Als der Film 1997 in Indien lanciert wurde, gab es Proteste, und Filmplakate wurden verbrannt.

Weiter richtet Queersicht dieses Jahr seinen Fokus auf das Thema Alter: Was geschieht, wenn homosexuelle Menschen alt und pflegebedürftig werden, fragt der Dokfilm «Gen Silent». Und wie es mit der queeren Libido im Alter steht, zeigt der Kurzfilm «Zucht & Ordnung» über ein SM praktizierendes Rentnerpärchen.

Aus aller Welt kommen die übrigen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme des Queersicht-Programms, darunter die Vorpremiere von «Yossi» des Israeli Eytan Fox («Yossi & Jagger») oder der Eröffnungsfilm «Facing Mirrors» aus dem Iran. Ein Fund aus der Mottenkiste der Filmgeschichte ist der deutsche Stummfilm «Anders als die Anderen» aus dem Jahr 1919, der zerstört wurde und nun in einer rekonstruierten Fassung gezeigt wird.

Kinos ABC, Reitschule, Kunstmuseum, Kellerkino, Cinématte. www.queersicht.ch

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