«Gewalt gegen Frauen hat zugenommen»

Der in Istanbul geborenen Filmregisseurin Esen Isik zufolge sind in der Türkei Morde an Frauen eine grässliche Normalität. Sie sieht einen Grund darin, dass die politische Kultur kaum Kritik zulässt.

Esen Isik hat «Köpek» Pippa Bacca gewidmet. Die italienische Aktionskünstlerin wird im Film als Nebenfigur dargestellt. Foto: PD

Esen Isik hat «Köpek» Pippa Bacca gewidmet. Die italienische Aktionskünstlerin wird im Film als Nebenfigur dargestellt. Foto: PD

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Die Türkei hat ein politisch aufwühlendes Jahr hinter sich. Ist die Stimmung im Land anders?
Ich empfinde die Situation in der Türkei heute nicht unruhiger als etwa vor 30 Jahren. Es gibt kaum einen Zeitraum in der türkischen Geschichte, der nicht von politischen Unruhen geprägt ist. Eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit, autoritäre Staatsführung und blutige Konflikte zwischen Türken und Minderheiten sind keine neuen Phänomene. Früher stand das international vielleicht nicht so im Fokus, weil vor Präsident Erdogan in der türkischen Politik niemand so offenkundig zum autoritären Führungsstil stand. Natürlich hat sich die Repression in vielen Belangen verschärft, seit Erdogans islamisch-konservative AKP regiert. Aber im Grunde führt sie eine Politik fort, deren Grundzüge bereits angelegt waren.

Wie hat sich die AKP dermassen etablieren können?
Sie hat vor allem die Menschen in der Provinz erreicht, indem sie in den Regionen mit materieller Unterstützung bessere Lebensbedingungen geschaffen hat. Das klingt banal, aber bei rund 60 Prozent, die unter dem Existenzminimum leben, bewährt sich das. Zudem hat die Partei in ohnehin konservativen Regionen die Religion als Mittel zum Zweck eingesetzt. Durch das säkulare Staatsmodell wurde die Religion jahrzehntelang strikt von der Politik ferngehalten. Der AKP ist es gelungen, dem Volk einen realen Bezug zur Politik zu geben und sein Vertrauen zu gewinnen. So hat sich ihre Mentalität nach und nach in der Gesellschaft etabliert. Auf der Ebene des Staatsapparats hat das dann gleichermassen funktioniert. Behörden und Justiz handeln mittlerweile nur noch im Sinne der AKP-Regierung.

Haben sich die Frauenrechte unter der AKP verschlechtert?
Ja. Die Türkei hat schon vieles gesehen, aber noch nie einen Staatspräsidenten, der allen Ernstes die Sichtweise vertritt, dass die Gleichstellung von Mann und Frau der Natur widerspricht. Oder dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht lachen sollen, weil es dem Spiel mit den Reizen gleichkommt. Mehrere Langzeitstudien belegen, dass während der Regierungszeit der AKP die Gewalt gegen Frauen zugenommen hat. Einer aktuellen Studie zufolge werden in der Türkei täglich bis zu zwei Frauen durch von Männern ausgeübte Gewalt getötet.

«Köpek», Ihr erster Spielfilm, handelt auch von Gewalt gegenüber Frauen. Sie haben ihn der italienischen Aktionskünstlerin Pippa Bacca gewidmet. Warum?
Ihre Geschichte hat mich dazu bewegt, dieses Drehbuch überhaupt zu schreiben. Sie trat 2008 ihre Reise für den Frieden im selbst genähten Brautkleid an. Sie wollte per Anhalter von Mailand nach Jerusalem reisen, in Istanbul wurde sie vergewaltigt und ermordet. Für mich hat das viele Fragen aufgeworfen. Es zeigte die Gewalt gegen Frauen in ihrer hässlichsten Gestalt. Viele Frauen in der Türkei teilen das gleiche Schicksal wie Pippa. Die Debatte über diesen Vorfall war ein Sinnbild dafür, wie tief das eigentliche Problem in der türkischen Gesellschaft verankert ist.

Inwiefern?
Dass wir tatsächlich in einem Land leben, in dem Frauenmörder und Gewalt gegen Frauen nicht entsprechend bestraft werden, Justiz und Gesellschaft wegschauen. Damals zeigte man sich schockiert über die Gräueltat, keine Frage. Doch dem folgte ein: «Aber es ist eben schon leichtsinnig, als Frau per Anhalter alleine . . .» Dass sie es herausgefor­dert habe, schwang immer mit. Das zeigt doch, dass die Gesellschaft diese Mentalität nährt und sie nicht hinterfragt.

Der Grossteil der türkischen Gesellschaft ist also nicht kritisch?
In der Türkei gehört es nicht zur politischen Kultur, zu reflektieren und Sachverhalte zu hinterfragen. Das liegt unter anderem an der Art, wie Geschichte und Politik im Bildungssystem vermittelt werden. Da spielt der Bildungsstand ­natürlich eine Rolle, entscheidend ist er aber nicht. Es wird so getan, als sei seit der Republiksgründung nichts mehr passiert. Als ob es keine Militärputsche gegeben hätte, keinen blutigen Krieg mit den Kurden, keine Morde an Intellektuellen. Hinzu kommt ein ausgeprägter Nationalismus. Das lässt keine objektive, kritische Betrachtung der eigenen ­Kultur zu. Der Grossteil der türkischen Gesellschaft verharrt in der Rolle des ­Zuschauers.

Sehen Sie einen dritten Weg für die Türkei?
Mir scheint, dieser Zug ist abgefahren. Ein Anfang in diese Richtung wäre zumindest die Erkenntnis – von Umsetzen spreche ich da noch gar nicht –, dass etwa eine funktionierende Demokratie oder das Respektieren von Menschenrechten das Fundament einer pluralis­tischen Zivilgesellschaft bilden. Dafür müsste sich die Türkei aber erst mal ihrer eigenen Identität bewusst werden. Die Säkularisierung war nicht nur gut. Es war auch ein systematisches Verdrängen der orientalischen Kultur. Die Türkei ist auch deswegen in sich gespalten. Einerseits bewundert sie den Westen und macht die eigene Kultur klein. ­Andererseits fühlt sie sich vom Westen unverstanden. Ich glaube, die türkische Seele versteht sich nicht einmal selbst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2015, 17:51 Uhr

Esen Isik, geboren 1969 in Istanbul, lebt seit 1990 in der Schweiz. In Zürich studierte sie an der damaligen Hochschule für Gestaltung im Fachbereich Film und Video, ihr Diplomfilm «Ölmeye Yatmak» von 1997 wurde ausgezeichnet. Isiks Spielfilm­debüt «Köpek» erzählt drei voneinander unabhängige Geschichten: Der zehnjährige Cemo aus armen Verhältnissen, die zwangsverheiratete Hayat und die transsexuelle Ebru stehen alle für ihre Sehnsucht nach Liebe ein. Dabei werden sie zu Opfern einer Gewalt, deren Ursprung in den Zwängen der Gesellschaft liegt. Isik wirft damit einen ungeschönten Blick auf die heutige türkische Gesellschaft. «Köpek» läuft im Rahmen des Human Rights Film Festival am 10. Dezember um 18.30 Uhr im Zürcher Kino Riffraff. (yaz)

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