Gewinner zum Gernhaben

«Electroboy» und «Der Goalie bin ig» erhielten gestern die Zürcher Filmpreise 2014.

Der Film wurde als «anrührende Tragikomödie» geehrt: Szene aus «Der Goalie bin ig». Foto: PD

Der Film wurde als «anrührende Tragikomödie» geehrt: Szene aus «Der Goalie bin ig». Foto: PD

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Womöglich war es doch ein versteckter Hinweis, einfach nicht sehr gut versteckt. Auf der Bühne standen fünf junge Leute, sie sahen aus wie Sachbearbeiter und trugen den Namen Invivas. Warum war denn die Rückversicherung hier? Es war tatsächlich eine A-cappella-Gruppe, sie sang ihre Lieder mithilfe von Mikrofonen und benötigte sonst nichts. Vielleicht hofft die Stadt Zürich, dass man so auch Filme drehen kann, wenn man ­gerade kein Fördergeld bekommt oder keinen Zürcher Filmpreis: Man braucht nur eine Gruppe und eine Stimme, und wenns harmoniert, ists gut.

Die fünfköpfige Filmkommission jedenfalls kam nach bestimmt reiflichen Überlegungen überein, dieses Jahr an der sogenannten «Cadrage» nur zwei Filme auszuzeichnen. Das sorgte im Partykubus namens Aura für überraschtes Aufhorchen, hatte aber keine grösseren Meutereien zur Folge. Geehrt wurde erstens «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss (40'000 Franken), und zwar als «anrührende Tragikomödie» über einen «Verlierer, den man einfach gernhaben muss». Zweitens «Electroboy» von Marcel Gisler (60'000 Franken) über den ­erstaunlichen Werdegang des Ex-Models und Tausendsassas Florian Burkhardt. Gelobt wurde der Dokumentarfilm für die «erfrischend eigenwillige Dynamik» der Montage und das «formale wie inhaltliche Erlebnis».

Das bedeute aber nicht, hiess es, dass die 25 anderen eingereichten Filme alle schlecht gewesen wären. Man habe sich einfach für diese zwei entschieden. Es wollte dann auch niemand dem anderen den Erfolg nicht gönnen oder das Brot wegnehmen, es wäre halt nur schön, wenn der Brotkorb insgesamt ein bisschen grösser wäre. Aber mit «Der Goalie bin ig» und «Electroboy» hatte die Kommission ja auch das Spektrum abgedeckt von der gmögigen Retro-Schweiz bis zum urbanen Projektmenschen. Tatsächlich: So klein können Giesskannen sein.

Buch über Peter Liechti

Es hatte dann aber keiner Lust, über Filmpolitik zu reden. Dafür wurde man zu sehr mürbe gemacht von einem Showblock mit schmissigen 360-Grad-Visuals, in denen von allen Seiten her Holzscheite in Zeitlupe auseinandersplitterten. Der Schweizer Film bekam da sein eigenes Planetarium, und auf den Leinwänden ringsum gabs plötzlich ein Wiedersehen mit «Achtung, fertig, WK!».

Warum? Weil die Armeekomödie eine Prämie für ihren Erfolg an den Kino­kassen zugesprochen erhielt, genauso wie «Lovely Louise» von Bettina Oberli, «Verliebte Feinde» von Werner Schweizer oder «Vaters Garten» von Peter Liechti. Ihm, dem verstorbenen Filmemacher, gehörte der grösste Moment an dieser Gala. Weil sich alle erinnerten, was für einen Menschen sie verloren hatten. Und weil Liechtis Mitstreiterin und Partnerin Jolanda Gsponer die Gutschrift abholte und sagte, man werde versuchen, Liechtis letztem, nicht abgeschlossenem Film «Dedications» gerecht zu werden. Aber nicht als Film, denn so wie er konnte es sonst keiner. Sondern als Buch und als Multimediainstallation.

Ferner pries Stadtpräsidentin Corine Mauch Zürich als «cineastischen Nabel der Schweiz», und in ihre Ansprache hatte auch jemand den Ausdruck «Unmöglichkeit der Refinanzierung» geschrieben. Das war aber noch nichts im Vergleich zu einer anderen Laudatio, in der es hiess, ein Film baue sich mit seiner «narrativen Vorgehensweise langsam auf». Das war «Wandelzeit» von Jan-Eric Mack, der den Winterthurer Kurzfilmpreis (12'000 Franken) gewann. Dann baute sich die narrative Vorgehensweise langsam ab, und gut war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2014, 22:33 Uhr

Trailer «Electroboy»

Quelle: Youtube

Trailer «Der Goalie bin ig»

Quelle: Youtube

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