Gladiatoren des Leichtsinns

Peter Luisi hat eine kommerzielle Komödie mit Beat Schlatter gedreht. «Flitzer» ist ziemlich lustig.

Bendrit Bajra und Beat Schlatter sollen dem Film zum Erfolg verhelfen. Foto: PD

Bendrit Bajra und Beat Schlatter sollen dem Film zum Erfolg verhelfen. Foto: PD

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Es gibt Momente, da lüpft es einem einfach den Deckel. Zum Beispiel, wenn man Balz Näf heisst und als Deutschlehrer in Baden über längere Zeit beim eigenen Budget spart, damit man sich endlich einen Traum erfüllen kann: Näf will in Gottfried Kellers Geburtshaus in Zürich ein schmuckes Museum eröffnen, inklusive den Finken des Schriftstellers. Irgendwann hat er die Viertelmillion tatsächlich zusammen. Die Schulleitung findet dann aber doch, so viel Geld könne man auch gescheiter ausgeben, für einen Fifa-zertifizierten Kunstrasen etwa. Alle sind dafür, ausser Näf.

Den Lehrer spielt Beat Schlatter, ein Komiker, der immer ernsthaft bei der Sache ist. Man hält diesen Näf deshalb fast für einen tragischen Helden, so unendlich bitter wirkt seine Enttäuschung. Es wird nicht besser, als er das Geld bei seinem Coiffeur deponiert, der Sportwetten auf abgekartete 1.-Liga-Fussballspiele annimmt und gleich alles auf einmal verliert. Den Coiffeur spielt der albanische Schweizer Bendrit Bajra, ein Mann, der sicher lustig ist, aber nicht der allergrösste Schauspieler. Näf fehlt jetzt sogar das Geld für den Kunstrasen. Ausserdem findet ihn seine Teenager-Tochter ausgesprochen peinlich (Luna Wedler, die ist auch als Schauspielerin sehr komisch).

Peter Luisi dreht das dann aber zur helvetischen Feelgood-Komödie mit professionell schamlosem Hollywood-Showdown. Näf ist fasziniert von einem Flitzer (Philippe Graber), der ein Spiel des FC Baden gestört hat. Ihm kommt eine Idee: Was, wenn man darauf wetten könnte, wie lange ein Nackter ein Spiel stören kann, bevor er eingefangen wird? Im Heuschober installiert Näf sein Flitzer-Bootcamp, die Exhibitionisten und Untherapierten fliegen ihm nur so zu. Flitzen wird zum Trendsport, und Luisi komponiert daraus herrlich verdichtete Trainingsmontagen. Gladiatoren des Leichtsinns sind das, mit athletischem Eifer.

Ein richtiges Budget

«Das Ziel war es, einen kommerziellen Film zu drehen», sagt der 1975 in Zürich geborene Luisi im Gespräch. «Das heisst: einen Mainstream-Film, den auch ich selber gern sehen möchte. Dazu muss man die Leute halt etwas mehr an die Hand nehmen. Da sind Stars wie Beat Schlatter oder Bendrit Bajra kommerziell wirksam.» Gemessen an diesen Ansprüchen ist «Flitzer» gelungen, auch wenn man natürlich die wundersam verdrehten Realitäten aus «Der Sandmann» oder «Verflixt Verliebt» vermisst. Aber die Gags sind schon sehr gut. «Was das Erzähltempo anbelangt, gab es Vorbilder, zum Beispiel ‹Bend It Like Beckham› oder ‹Fack ju Göhte›.» Das ungeduldige junge Publikum verlange heute, dass es schnell gehe. In Deutschland, wo die Komödie bald herauskommt, habe es geheissen: «Endlich mal ein Schweizer Film, der nicht so langsam erzählt ist.»

In gewisser Weise hat Peter Luisi selbst schon mehrere kleine Gottfried-Keller-Museen gebaut, nun rollt er den zertifizierten Kunstrasen aus: Mit 2,8 Millionen Franken stand ihm erstmals ein richtiges Budget zur Verfügung, unter anderem dank dem Bundesamt für Kultur, der Zürcher Filmstiftung und der SRG. Es ist mehr Geld, als alle seine vorherigen Filme zusammen gekostet haben. Trotzdem ist Luisi wie immer Regisseur und Produzent. Es ist sein Film, und es ist Beat Schlatters Film, der Luisi die Flitzer-Idee erzählte. Zusammen haben sie zwei Wochen lang jeden Morgen an der Geschichte herumgedacht; Luisi hat dann das Drehbuch geschrieben.

«Wenn man so viel Fördergeld kriegt, will man einen Mehrwert hereinholen», sagt Luisi. «Das heisst nicht unbedingt viele Zuschauer. Es kann auch einfach heissen, dass im Kino viel gelacht wird.»

In Zürich in den Kinos Arena, Arthouse Piccadilly, Corso und Kosmos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 10:38 Uhr

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