Harvey Weinstein ist am Ende

Die hässliche Seite Hollywoods: Wieso niemand die jahrelangen Übergriffe des Starproduzenten stoppte.

Auf Distanz: Georgina Chapman, hier in Cannes 2015, hat sich inzwischen von ihrem Gatten Harvey Weinstein getrennt. Foto: Getty

Auf Distanz: Georgina Chapman, hier in Cannes 2015, hat sich inzwischen von ihrem Gatten Harvey Weinstein getrennt. Foto: Getty

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Das Du Cap-Eden-Roc an der französischen Riviera ist eines jener Luxushotels, in dem die Zimmer unbezahlbar sind und die Angestellten diskret. Vom Château führt eine Promenade zum Pavillon, der direkt auf die Klippen gebaut wurde. Unten zerschellen die Wellen, oben bläst milder Wind durch die Kiefern. Pablo Picasso und F. Scott Fitzgerald waren hier Gäste. Auch Filmstars und Produzenten übernachten gern dort, das Cannes-Festival ist nicht weit entfernt. 1997 kam Harvey Weinstein zu Besuch, nicht zum ersten Mal.

Asia Argento war damals 21. Ein Mitarbeiter von Miramax, einer Produktionsfirma, die Harvey Weinstein mit seinem Bruder Bob gegründet hatte, lud sie zu einer Firmenparty im Du Cap-Eden-Roc. Die Italienerin spielte zu jener Zeit in einem Thriller mit, den Miramax in den USA vertrieb. Als sie der Mitarbeiter ins Hotelzimmer brachte, war dieses leer. «Wir sind wohl zu früh», sagte er, bevor er ging. Harvey Weinstein lobte als Erstes Argentos Talent. Dann verschwand er und kehrte kurz darauf zurück; jetzt trug er einen Bademantel und in der Hand ein Flasche Lotion. Argento solle ihn massieren.

Weitere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Hollywood-Filmboss Harvey Weinstein. Video: Tamedia/AFP

Gemäss dem Magazin «New Yorker», dem sie ihre Erlebnisse erzählte, reagierte sie entgeistert, tat es dann aber widerwillig. Während sie ihn massierte, schob Weinstein ihren Rock hoch und begann damit, sie oral zu befriedigen. Argento sagte, er solle aufhören. «Aber er machte mir Angst, er war so gross.» Irgendwann fing sie an, Lust vorzutäuschen. Vielleicht würde es so aufhören.

Zum Riesenbiest aufgestiegen

Für Harvey Weinstein müssen die 90er-Jahre die wildeste Zeit seines Lebens gewesen sein. 1994 gewann Quentin Tarantinos «Pulp Fiction», eine Miramax-Produktion, die Goldene Palme von Cannes, überreicht von Jurypräsident Clint Eastwood. Zu jener Zeit hatten Harvey Weinstein und sein Bruder Bob die 1979 gegründete Firma an Walt Disney verkauft, konnten aber noch immer machen, was sie wollten. In Cannes orchestrierte Weinstein, ein zentraler Treiber hinter «Pulp Fiction», die Publicity für den Film. Er veranlasste, dass die Filmkritikerin der «New York Times» einen Draht zu Tarantino hatte, und liess Kopien ihrer Hymne unter den Hotelzimmertüren der Jurymitglieder durchschieben.

«Pulp Fiction» wurde zum Phänomen, Harvey Weinstein stieg auf vom Mogul des Independentfilms zum Riesenbiest in Hollywood. Miramax hatte schon vorher Erfolge gehabt, mit «Sex, Lies, and Videotape» (1989) von Steven Soderbergh oder «The Crying Game» (1992). Aber jetzt war Weinstein entfesselt. Er fädelte als jovialer Marketingprofi Oscar-Kampagnen ein, er wurde berüchtigt als vulkanischer Rüpel und Produzent mit den Scherenhänden, der den Regisseuren in den Schnitt pfuschte. Das Weinstein-Jahrzehnt endete mit sieben Oscars für «Shakespeare in Love». An den Oscars dankte nun fast jeder Harvey, gleich nach den Eltern und Gott.

Nachdem «The New York Times» und «New Yorker» in den vergangenen Tagen aufwendige Recherchen vorlegten, in denen sie Weinstein wiederholte sexuelle Übergriffe und mutmassliche Vergewaltigung nachwiesen und acht Frauen ausfindig machten, die aus Angst vor Weinsteins Rache Abfindungen inklusive Schweigeklauseln akzeptiert haben, wenden sich die Schauspielerinnen wieder an die Welt und nennen seinen Namen. Aber jetzt verdammen sie ihn.

Ashley Judd und Rose McGowan gehörten zu den Ersten, es folgten Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie, Rosanna Arquette, Mira Sorvino, Katherine Kendall oder Judith Godrèche. Falls einem gewisse Namen nichts sagen, liegt es womöglich daran, dass sie Weinsteins Angeboten standgehalten haben – und danach ihre Karriere vergessen konnten. Aus den Anschuldigungen kann man nicht nur das Verhaltensmuster eines Triebtäters herauslesen, der oft weibliche Untergebene beauftragte, junge Schauspielerinnen unter dem Vorwand, es handle sich um ein Arbeitstreffen oder eine Karrieremöglichkeit, zu ihm ins Zimmer zu bringen, wo er sie allein empfing, im Bademantel oder nackt, kein Nein gelten liess, sie bedrängte oder gar durch den Raum scheuchte.

Es steckt darin auch die Erkenntnis, dass es in Hollywood eine Kultur des Missbrauchs gibt. Verlogenheiten existieren genug in einer Branche, die sich aufs Glänzen versteht. Aber wenn all die Darstellerinnen, die sich nun äussern, über Jahrzehnte davon ausgingen, dass sie ihr Geheimnis für sich behalten sollen, dass es eklige Realitäten im Unterleib des Showbusiness gibt, die man als Frau in diesem Geschäft in Kauf nehmen muss, kann man davon ausgehen, dass sich so schnell nichts ändern wird – trotz den Bemühungen um Frauenförderung bei Studios und Blockbusterhelden. Es scheint eher so zu sein, dass die Männer Hollywoods, von denen viele zur Zeit der sexuellen Revolution aufgewachsen sind, sich Machtmissbräuche erlauben können und sich auch dann gegenseitig decken, wenn sie sich in ihrer kreativen Arbeit fortschrittlich und liberal geben.

Die Männer schweigen

Als der «Guardian» kürzlich 20 männliche Hollywoodstars um eine Stellungnahme bat, antwortete kein einziger. Inzwischen haben sich ein paar gemeldet, in angemessen entsetzten Worten. Aber die meisten haben die stille Komplizenschaft unter Männern zu lange eingeübt, als dass man ihnen die Entrüstung noch abnehmen würde. Von Weinsteins Verhalten wussten genug Leute, genug Schauspielagenten und Koproduzenten, die sich wegdrehten. Brad Pitt hat Weinstein zur Rede gestellt, als er noch der Freund von Gwyneth Paltrow war. Ben Affleck hat angeblich gegenüber einer Schauspielerin gesagt, er habe Harvey gebeten, endlich «damit» aufzuhören. Andere hielten seine Übergriffe wohl für eine Schrulle; viele wurden von ihm gewarnt. Weinstein reiht sich ein ins Hollywoodklischee von der Besetzungscouch, auf die sich Jungschauspielerinnen setzen, nur um von einem schmierigen Produzenten missbraucht zu werden (damit beschäftigt sich auch ein ganzes Porno-Subgenre).

Dass sich die Frauen gerade jetzt äussern, mag damit zu tun haben, dass die Journalisten nach Donald Trumps Grapschervideo von 2016 ihre Arbeit intensiviert haben; frühere Recherchen zu Weinstein waren nämlich abgestürzt. Es mag auch geholfen haben, dass Fälle von sexueller Belästigung in Silicon-Valley-Firmen bekannt wurden, einer Branche, in der es ähnlich enthemmt zugeht wie bei Miramax in den 90er-Jahren. Sicher hat sich der Blick für Übergriffe geschärft, seit ein Bulldozer US-Präsident geworden ist. Dass die Republikanische Partei nun die Taten von Harvey Weinstein, eines Unterstützers der Demokraten und besonders Hillary Clintons, als Sündenfall ihres politischen Feindes darstellt, zeugt von seltener Heuchelei.

Es gibt noch tausend andere, aber Harvey Weinstein ist jetzt weg. Das Filmstudio The Weinstein Company, das er 2005 mit seinem Bruder gründete, hat ihn gefeuert und sucht einen neuen Namen. Projekte, mit denen Weinstein zu tun hatte, wurden gestoppt. Filme, die er mitproduzierte, werden so bald keine Oscars gewinnen. Seine Frau hat ihn verlassen, und Harvey Weinstein tut jetzt angeblich, was viele vermögende Amerikaner tun: Er geht in Therapie in Europa, wegen seiner «Sexsucht».

Die amerikanische Filmbranche übt sich derweil in Selbstbezichtigung. George Clooney äusserte sich empört, wies aber auch darauf hin, dass er den Gerüchten um Weinstein wenig Glauben schenkte, weil sie so geklungen hätten, als wollten alle Schauspielerinnen mit einem Studiochef ins Bett. Und es sind sehr wohl Frauen auf Weinsteins Avancen eingegangen. Asia Argento gestand, sie habe nach dem Trauma an der Riviera mehrmals einvernehmlichen Sex mit ihm gehabt. Sie tat das aber auch, weil sie sich auf irgendeine verdrehte Art dazu verpflichtet fühlte. «Allein sein Körper, sein Gesicht, es erinnert mich alles an das kleine Mädchen, das ich mit 21 war. Wenn ich ihn sehe, fühle ich mich dumm und schwach.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 18:59 Uhr

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