Helden der Kindheit

Die Netflix-Serie «Stranger Things» ist eine Hommage an die Horrorfilmemacher der Achtzigerjahre. Überzeugend ist vor allem Winona Ryder.

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In Hawkins ist eigentlich nie besonders viel los. Dass eine Eule eine Anwohnerin angegriffen hat, weil sie dachte, ihre Frisur sei ein Nest, ist bislang das Schlimmste, was in dem verschlafenen Kaff passiert ist. Am 6. November 1983 ändert sich das. Nachdem Dustin, Lucas, Mike und Will in der Netflix-Serie «Stranger Things» schon seit über zehn Stunden in Mikes Keller das Brettspiel «Dungeons & Dragon Quest» gespielt haben, radeln sie auf ihren Fahrrädern mit Bananensattel nach Hause. Schliesslich haben die zwölfjährigen Jungen morgen Schule. Will ist der Einzige, der allein durch den «Düsterwald» fahren muss. Plötzlich zieht ein unangenehmes, flatterndes Rauschen durch den Nebel. Etwas Bluthungriges kommt auf ihn zu, der Schatten hinter ihm wird immer grösser; Will steht einer furchterregenden Gestalt gegenüber. Eine unheimliche Hetzjagd mit dem Monster beginnt – am Ende ist Will Byers spurlos verschwunden.

Erst am nächsten Tag bemerkt die alleinerziehende Mutter Joyce Byers (Winona Ryder) das Verschwinden ihres jüngsten Sohnes. Als sie den Whiskey trinkenden Chief Jim Hooper damit beauftragt, nach ihrem Jungen zu suchen, nimmt dieser den Fall zunächst nicht allzu ernst. Schliesslich seien sie ja hier in Hawkins. In Hawkins passiere nie etwas. In 99 von 100 Fällen gebe es banale Gründe für das Verschwinden eines Kindes. Will sei doch einfach weggelaufen. Er komme bald wieder zurück. Auch die anderen Bewohner Hawkins' nehmen den Vorfall vorerst nicht allzu ernst.

Hommage an Stephen King, Steven Spielberg und John Carpenter

Als dann aber ein mysteriöses, kahl geschorenes Mädchen im Wald auftaucht, wird langsam klar, dass sich in der «Stranger Things»-Stadt Hawkins etwas Grauenvolles zuträgt. Dustin, Lucas und Mike merken zuallererst, dass etwas nicht stimmt. Die Clique macht sich gemeinsam auf die Suche nach Will und wird dabei mit übernatürlichen Ereignissen und abscheulichen Regierungsexperimenten konfrontiert.

«Stranger Things» ist eine Hommage an Stephen King, Steven Spielberg und John Carpenter. Die Brüder Matt und Ross Duffer haben sich an den Helden ihrer Kindheit orientiert und eine Geschichte im Sinne ihrer Vorbilder kreiert. Immer wieder flackern beim Betrachten der Serie Erinnerungen an Filme wie «E.T.», «Stand By Me» oder «The Goonies» auf. Sie hätten Filme, Videospiele und Bücher aus den Achtzigern in einen Mixer geworfen und ordentlich miteinander vermischt, meint Ross Duffer. Das Ergebnis ist eine äusserst gelungene Verbindung aus Fantasy, Horror und Nostalgie. Weil die Duffers grosse Achtziger-Fans sind, erinnert auch in «Stranger Things» ziemlich alles an damals: Riesige Walkie-Talkies, Schlitzbierdosen, weisse Tennissocken und der Elektropop-Sound aus den Kassettenrekordern machen «Stranger Things» zum ultimativen Eighties-Trip.

Wer vorab vielleicht denkt, «Stranger Things» sei nur ein Abklatsch der grossen Horrorgeschichten, der wird schnell eines Besseren belehrt. Für Nostalgieschwärmer und Genrefans ist «Stranger Things» beinahe ein Muss. Für die anderen bleibt zwar nur die Story, die über weite Teile der acht Folgen relativ voraussehbar ist, die schauspielerischen Fähigkeiten der Protagonisten machen das aber schnell wieder wett. Besonders überzeugend ist das Wiedersehen mit Winona Ryder. Die Schauspielerin hat in letzter Zeit in der Klatschpresse mehrheitlich mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht. Sie zeigt nun in «Stranger Things», weshalb sie auch durchaus positive Kritik verdient. Ryder sei total furchtlos, meint Matt Duffer. Sie tauche 100 Prozent in ihre Rolle ein und nehme sie völlig in sich auf. Faszinierend authentisch spielt sie die Figur von Wills Mutter, deren Gemütszustand sich irgendwo zwischen Trauer und Wahnsinn befindet. In Sachen Schauspiel stehen ihr aber auch ihre jungen Kollegen in nichts nach. Finn Wolfhard (Mike), Caleb McLaughlin (Lucas) und Gaten Matarazzo (Dustin) sind in ihren Rollen als zwölfjährige Wissenschaftsfreaks mehr als überzeugend. Das explosive Staffelfinale schreit nach einer Fortsetzung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.07.2016, 10:54 Uhr

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