Hilfe, ein Schweizer Film!

Wenn nächste Woche die Branche wieder geschlossen ans Locarno-Festival reist, stellt sich eine alte Frage: Gehts unserem Kino eigentlich gut?

Petra Volpes Film «Die göttliche Ordnung» (2017) zeigt den Kampf um das Stimmrecht für Frauen – und ist ein Publikumserfolg. Foto: Pascal Mora (Zodiac Pictures)

Petra Volpes Film «Die göttliche Ordnung» (2017) zeigt den Kampf um das Stimmrecht für Frauen – und ist ein Publikumserfolg. Foto: Pascal Mora (Zodiac Pictures)

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«I nimm chli Brot» / Da isch en Schwizer Film
Stahlberger, «Schwizer Film».

Nach einem Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Gespräch mit fünf Schweizer Regisseurinnen meldete sich kürzlich ein Leser, der den Grund für die Misere des heimischen Spielfilms ein für alle Mal erkannt hatte. Es lag an «Skizzen von Lou». Nicht daran, was im Film von Lisa Blatter passiert, den hatte er gar nicht gesehen. Nein, es lag am Titel. Wieso immer diese «Skizzen»? Da fange es doch an mit dem Misserfolg: mit diesem Ungefähren. Anstatt dass ein Titel Entertainment verspreche, nehme er sich zurück. Wer will im Kino schon Skizzen sehen?

Sicher wollten wenig Leute «Skizzen von Lou» im Kino sehen. Und weil der Marktanteil des Schweizer Films seit rund zehn Jahren um die 5-Prozent-Marke herum schwankt, wird wieder einmal über das Problemkind Schweizer Film geredet. Ein Kind, das so generös gefördert wird, und dann macht es kaum etwas daraus!

«Dem Kino läuft der Film davon – auf die Bildschirme.»

Ein Artikel im Magazin «Frame» forderte, den Schweizer Film «wieder gross» zu machen. Dazu wurde vorgerechnet, dass kaum je einer unserer Spielfilme in den Wettbewerben von Venedig, Cannes und Berlin vertreten sei. «Goliath» von Dominik Locher hat es immerhin in den Wettbewerb des 70. Festivals in Locarno geschafft, das am Mittwoch beginnt. Locarno hat zusammen mit den Festivals in Zürich und Genf jüngst auch den Thinktank Connect to Reality gegründet. Er soll helfen, die Filmförderung den «Marktanforderungen» anzupassen und die «Präsenz» unserer Filme in in- und ausländischen Kinos «deutlich» zu steigern.

Einmal abgesehen von der Verluderung des Erfolgsbegriffs zur statistischen Kennziffer und der Frage, mit welcher Realität sich die Festivals genau verbinden wollen: Wieso fordert eigentlich nie jemand von der, sagen wir, Schweizer Möbelindustrie, dass sie ihre Präsenz in in- und ausländischen Wohnzimmern steigern soll? Schon klar, die einheimische Filmbranche erhält sehr viel mehr staatliches Fördergeld. Und das Medium Film hat eine symbolische Kraft im Gegensatz zu den meisten Beistelltischen. Kino, das ist eine kommunikative Geste gegenüber einem Publikum. Selbst Avantgarderegisseure finden die Vorstellung deprimierend, ihr Werk vor leeren Rängen zeigen zu müssen. Schaut man in die letzten paar Jahre zurück, findet man herausragende Filme – «Cherry Pie», «Chrieg», «Ma vie de Courgette». Es könnten aber ein paar mehr sein. Denn aus landläufiger Sicht existiert weiterhin nur etwas, das peinlicher ist als ein Schweizer Film: ein Schweizer Film, der auf internationalen Erfolg hofft.

Konzilianz killt nicht alles

Wichtig ist: Wann immer es ums hiesige Kino geht, muss man von der Filmförderung reden. Beim Bundesamt für Kultur (BAK), der strahlkräftigsten Förderstelle im Land, entscheiden Kommissionen über die eingereichten Dossiers. Die Mitglieder rotieren regelmässig, wobei das BAK immer wieder Mühe hat, genug Experten zu finden, die den Milizdienst wahrnehmen – eigentlich Stoff für eine Dialektkomödie.

Seit Jahren wird diskutiert, ob dieses Sääli-­System nicht jede Vision zerrede und durch eine Intendanz ersetzt werden müsste. Das wiederum löst umgehend die guthelvetische Skepsis gegenüber dem Alleinherrscher aus. «Goliath», der aktuelle Locarno-Wettbewerbsbeitrag, hat es ja auch durch die BAK-Gremien geschafft. Nicht alles wird gekillt durch Konzilianz. Und wer weiss, wie viel fertig produzierter Schrott Festivals angeboten wird, kann sich ausmalen, welche Mengen an Unausgegorenem bei Förderstellen ausgekippt werden.

Kurz und grob: Das Fördersystem hat seine Programmierfehler, aber Filme drehen immer noch Regisseure im Verbund mit Produzenten. Heisst das nun, dass sie keine Drehbücher schreiben können? Sie gelten als bleiern und didaktisch, Stahlberger besingt es in «Schwizer Film». Allerdings beweisen Autoren wie Micha Lewinsky oder Petra Volpe das Gegenteil. Weil sie Dialoge zuschleifen oder helvetische Projektionen unterlaufen. Und zwei der besten Schweizer Autorenfilmer, Lionel Baier und der im Berliner Exil lebende Mathieu Seiler, schreiben und verfilmen seit Jahren eigenwillige Geschichten.

Der Grund, weshalb man wenige nennenswerte Schweizer Spielfilme aus den letzten Jahren aufzählen kann (und dass so wenig Leute die nennenswerten gesehen haben), liegt vielleicht in allgemeineren Entwicklungen. Einerseits läuft dem Kino der Film davon, er verteilt sich als Stream auf den Bildschirmen. Schon heute steht auf der Schweizer Netflix-Oberfläche «Der Bestatter» in unmittelbarer Klick-Konkurrenz zu «Narcos». Da wachen viele Filmhochschulabsolventen in einem entfesselten globalen Wettbewerb der Bewegtbilder auf.

Anderseits und nicht weniger fatal: weil die heissen Stoffe, von denen auch das relevante Unterhaltungskino lebt, immer schneller verbraucht sind. Journalisten, Gameentwickler, Podcast-Macher, Storyteller jeder Art – alle wollen die beste Geschichte auf ihre Art erzählen und bedienen sich bei realen Figuren und Entwicklungen. Der Spielfilm aber braucht mehr Produktionszeit und kommt immer öfter zu spät.

Die Regisseure reagieren auf zwei Arten: Entweder tritt bei ihnen gleich die kreative Lähmung ein. Oder sie treten mit solider Anspruchshaltung auf: «Mein Traum ist so einzigartig, der Staat wird ihn ja wohl finanzieren.» Beides aber, die Paralyse und die Selbstüberschätzung, bewirken, dass Halbgares realisiert wird, wenn überhaupt.

Wenn Regisseure mit 35 dann finden, es sei wohl doch langsam an der Zeit, ihren Erstling zu drehen, möchte man sagen: Worauf wartet ihr, auf die Absage vom BAK? An die Arbeit! Denn wer seine Visionen den Mitteln anpasst, die er hat, profitiert womöglich davon, dass Grenzen produktiv sein können. Und wenn dann die Schweizer Filmer etwas weniger nach Hilfe rufen würden, müsste man bei Schweizer Filmen vielleicht auch etwas weniger um Hilfe rufen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2017, 11:43 Uhr

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