Hipstermädchen, ausgewildert

Mit «Tempo Girl» legt der 31-jährige Walliser Dominik Locher sein Spielfilmdebüt vor. Es erinnert an die Erfolgsserie «Girls».

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Der Schwangerschaftstest, den Dominique aus dem Selecta-Automaten zieht, heisst «Maybe baby pocket», und «Maybe» taufte man auch die Generation, deren Geschichte Regisseur Dominik Locher in seinem Film «Tempo Girl» erzählen will. «Wir sind die Generation Krise», tippt Dominique (Florentine Kraft) denn auch gleich zu Beginn des Films in ihr MacBook, «alles kann, nichts muss.»

Die Berlinerin wartet in der deutschen Haupstadt auf ihren Durchbruch als Autorin, während sie Ingwertee trinkt und vegane Pizza isst und im Club gerne auch mal ein bisschen MDMA, um so richtig was zu fühlen. «One day baby – we'll be old, oh baby we'll be old – think of all the stories that we could have told», singen Wankelmut während der kurzen Ekstase auf der Tanzfläche, und wer den Song auch schon nach drei Uhr nachts und mehr als einem Gin Tonic gehört hat, weiss um dessen Wirkung – und gehört wohl zu Lochers Zielpublikum.

Trip aus der Komfortzone

Das High und das Lied jedenfalls sind schnell vorbei; ernüchtert streckt die Hauptfigur auf der Clubcouch alle viere von sich und landet auf dem Berliner Boden der Tatsachen: Ihr Buch habe «kein Leben, keine Liebe und keine Seele», ranzt ihr kreativ-geschleckter Verleger (Anatole Taubman): «Nimm deinen Finger aus deinem Arschloch, riech dran und werd erwachsen.» Zu wenig stinken aber tuts auch Lochers Protagonistin. Sie sehnt sich nach einem Trip aus der wohltemperierten Komfortzone und klagt ihrer Freundin im Fitnessstudio ihr Verleiden von den immer gleichen Partys und den immer gleichen Leuten, während diese auf einem Fitnessgerät Runden im Nichts dreht. «Fick dich», sagt die Freundin. Und Lochers Hauptfigur sagt :«Fick dich doch selber, du Praktikumsfotze.» Und die Kampfzone der Eventualitäten im luftleeren Raum ist einmal mehr abgesteckt.

So wähnt man sich in «Tempo Girl» gleichzeitig in Lena Dunhams «Girls» und Charlotte Roches «Feuchtgebieten»; in Letzterem allerdings vor allem wegen Berlin und der Nähe zu Körperöffnungen. Die Parallelen zu Dunhams New Yorker Erfolgsserie aber gehen weit über die Gürtellinie hinaus: Auch da kämpft eine junge Autorin im hippen Prekariat mit ihrer Selbstfindung und verliert sich dabei irgendwo in den Untiefen einer jungen Frau nach Mitte zwanzig und vor dreissig – die Geschichte schöpfte Dunham grösstenteils aus sich selbst. Locher, so erklärte der 31-Jährige kürzlich in einem Interview, habe vor einigen Jahren unbedingt erfolgreich werden wollen und aus diesem Gefühl heraus die Hauptfigur für sein Abschlussprojekt im Master Film an der Zürcher Hochschule der Künste entwickelt. Dominik, Dominique – kein Zufall.

Wie die Verfilmung einer «Neon»-Ausgabe

Alles schon gesehen und gehört, kann man so weit sagen, doch dann wildert Locher sein Tempo Girl auf der Suche nach mehr Dreck und weniger Bionade-Cafés im Wallis aus, wo er selber herkommt. Dort im «Texas Europas», zwischen einer alten Tankstelle, an der nie jemand zu tanken scheint, und einem Provinzstripclub, der sich mit ein paar müden Bauern aus dem Dorf bei der Stange hält, findet «Tempo Girl» seinen Rhythmus: Dort suchen Dominique und Kebabverkäufer Deniz (José Barros) – eine Zufallsbekanntschaft, die vielleicht doch Liebe ist – nach den richtigen Worten für das Gestrandetsein im «irgendwie voll der Hippietraum». Der dann doch noch nicht alles gewesen sein kann: Sie strippt, um schreiben zu können, er boxt, um zu rappen.

Dass das alles stellenweise wirkt wie die Verfilmung einer «Neon»-Ausgabe, dieser Zeitschriftenbibel der Alleskönner und Nichtsmüsser, kann man dem Film verzeihen – weil sich die Macher dessen bewusst sind: «Du wirst es niemals auf die ‹Neon› oder sonst irgendwohin schaffen», heisst es einmal, und im Prolog wurde auf dem Cover just dieser Zeitschrift das Koks angerichtet.

Schade, dass «Tempo Girl» am Schluss ein bisschen gar zu viel Gas geben will: Knarren, brennende Autos und melodramatische Geständnisse hätte der Film gar nicht nötig gehabt. Eine mögliche Begründung indes liefert die Hauptfigur gleich selbst: «Hier geht es um Grenzen. Ich geh drüber, immer wieder. Weil ich etwas spüren muss. Deshalb halt.»

Erstellt: 08.05.2014, 16:53 Uhr

Im Kino

«Tempo Girl» läuft in Zürich im Kino Riffraff.

Trailer

Suchen, aber was? Der Trailer zu «Tempo Girl».

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