Nachruf

Hollywoods Handwerker

Tony Scott, der gestern Selbstmord beging, war in der Traumfabrik für solide Thriller zuständig.

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«Solche Filme sind schwer zu beurteilen», sagte der berühmte US-Filmkritiker Roger Ebert einst über «Top Gun»: «Seine guten Szenen sind sehr gut und seine schlechten Szenen unbarmherzig schlecht.»

«‹Top Gun› war der coolste Film zu seiner Zeit. Und alle wollten so sein wie Tom Cruise. Und keiner wie Iceman. Heute sieht das anders aus», sagt der Schweizer Filmemacher Michael Steiner.

«Scotts Filme versüssten meine Teenager-Jahre.» (Justin Timerlake)

Auftaktflop

Die Einschätzungen erklären nicht, wieso Regisseur Tony Scott mit 68 Selbstmord beging. Aber sie zeigen, was ihn als Filmemacher antrieb - und wohl auch zweifeln liess.

Tony Scott war im Jahr 1944 im britischen Stockton-on-Tees zur Welt gekommen. Nach dem Besuch einer Kunstschule, wo er in Malerei abschloss, drehte er Werbeclips und versuchte dann sein Glück in Hollywood. Seine Karriere startete er prompt mit einem Flop. «The Hunger» mit Catherine Deneuve und David Bowie, eine düster-bizarre Vampirdreieckgeschichte, fiel bei Publikum und Kritikern durch.

Vielleicht beschloss Scott damals, seine feinsinnigen Ambitionen zu begraben. Jedenfalls brachte er drei Jahre später «Top Gun» in die Kinos. Ein Kassenerfolg für Tony Scott wurde auch die zweite Folge der Krimikomödie «Beverly Hills Cop II» (1987) mit Eddie Murphy. «True Romance» nach einem Drehbuch des späteren Erfolgsregisseurs Quentin Tarantino mit Christian Slater und Patricia Arquette trug weiter zu seinem Ruhm bei. Er habe eine kurze Konzentrationsspanne sagte Scott über seine eigene Arbeit: «Ich versuche, meine Filme unter zwei Stunden zu halten.»

Gleichzeitig sorgte sein älterer Bruder Ridley mit Filmen wie «Alien», «Blade Runner» oder «Thelma and Louise» für Aufsehen. Doch während der dreifach Oscar-nominierte Ridley den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch fertigbrachte, lief Tony bald unter dem Label «Solide Thriller-Kost». «Pur», aber auch «populistisch» nannten die Kritiker seine Filme, will heissen: viel Action und Tempo, hochglänzende Bilder, eher wenig Story. Unter diesen ragte «Spy Game» mit Robert Redford und Brad Pitt heraus: ein Thriller im Stil eines Werbeclips.

«Top Gun»-Remake

Bis zu Beginn der Nullerjahre ging diese Taktik einer der Videoclip-Ästhetik der 80er- und 90er-Jahre angenäherten Filmsprache auf. Doch in den letzten zehn Jahren verblasste Tony Scotts Ruhm, er wurde zunehmend zu einem zuverlässigen Handwerker. Zwar drehte er noch viermal mit Denzel Washington («Mann unter Feuer», «Die Entführung der U-Bahn Pelham 123», «Déjà Vu», «Unstoppable»). Spannende Thriller allesamt – aber wer könnte diese Filme heute noch auseinanderhalten?

Offenbar arbeitete Scott aktuell an Plänen für ein «Top Gun»-Remake. Statt heldenhafter Piloten wollte er als Hauptfiguren Computercracks zeigen, die Drohnen steuern. Der Film sollte so auch das Ende der Kampfpiloten-Ära thematisieren. Es wäre auch ein schöner Schlussakkord auf seine eigene Karriere gewesen.

Erstellt: 20.08.2012, 12:44 Uhr

Der Regisseur von Top Gun und Der Staatsfeind Nr.1 hat sich von einer Brücke in Los Angeles gestürzt. (Video: Reuters )

Trailer – Top Gun

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