Porträt

Hollywoods Schattengewächs

Die ganze Welt schwärmt von Lupita Nyong'o und Jennifer Lawrence. Doch jetzt ist es höchste Zeit, die Augen auf eine andere Vertreterin ihrer Generation zu richten: Brie Larson.

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Larson kam, sah und gewann einen Leoparden. Das war letzten Sommer in Locarno. Doch viel mehr Eindruck als ihre Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin machte ihr die Ricola-Fabrik, von der sie später in Craig Fergusons Talkshow erzählte. Der Preis blieb unerwähnt.

In den USA wurde Brie Larson für ihre Rolle in «Short Term 12» als Oscaranwärterin gehandelt, vor der sich Cate Blanchett laut «The Daily Beast» in Acht zu nehmen hatte. Ihre Leistung wurde mit Jennifer Lawrences Durchbruch in «Winter's Bone» verglichen und das Branchenblatt «Variety» setzte sie 2013 auf die Liste der 10 Schauspieler, die man im Auge behalten muss – neben Kolleginnen wie Léa Seydoux («La vie d'Adèle») und Lupita Nyong'o («12 Years a Slave»). Larson kommentierte die Oscaraufregung nüchtern: «Ich bin ein verfreaktes Kind, das herumirrt und umfällt, kaum dass es aus dem Bett aufsteht. Das Ganze ist also, nun, wirklich grosszügig.»

Geschundene Heranwachsende

Ist es nicht. Das weiss man, wenn man die 24-Jährige in «Short Term 12» gesehen hat. Sie spielt Grace, eine Betreuerin in einem Übergangsheim für Pflegekinder. So aufopfernd sich Larsons Figur um ihre Schützlinge kümmert, so sehr verdrängt sie ihr eigenes Trauma – bis ein neues Mädchen im Heim ihre Erinnerungen aufwühlt. Vieles von den zwanzig Drehtagen habe sie wieder vergessen, mit ihrer Rolle wieder ablegen müssen, sagte Larson in einem Interview. Denn sie sind tief, die Abgründe der geschundenen Heranwachsendenseelen, die Regisseur Dustin Cretton ausleuchtet. So real, dass man sich zuweilen in einem Dokumentarfilm wähnt: Da kommt nichts gepützelt daher, am wenigsten Larson, die immer wieder ganz tief in ihre blasse, abgekämpfte Figur hineinkriecht und sie dann mit einem umso grösseren Knall wieder hervorbrechen lässt.

Es war nicht das erste Mal, dass Larson die Rolle einer Fürsorgenden spielte, die sich selbst noch nicht gefunden hatte: In der grossartigen Serie «United States of Tara» verkörpert sie die Tochter einer Frau mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung (Toni Collette), deren Alter Egos die Familie drangsalieren und die Tochter nie so tief der Pubertät versumpfen lassen, wie es ihr eigentlich zustehen würde. So will Larsons Figur nur weg aus ihrem Kaff, das sie sich schönkifft, während sie sich in aussichtslosen Beziehungen verstrickt. Was in «Short Term 12» nur durchschimmern kann, kommt hier voll zum Tragen: Larsons komödiantisches Talent und der trockene Humor, der stets signalisiert: Ich bin zwar hier und unglaublich präsent, irgendwie hat das aber auch alles gar nichts mit mir zu tun. Etwa wenn ihre Figur in ihrem Mädchenzimmer vor der Webcam für einen zahlenden Zuschauer in karikiert reizvollen Gesten Ballone mit dem Hinterteil zerplatzen lässt.

Mit sechs Jahren bei Jay Leno

Über ihre eigenen existenziellen Sorgen sagt Larson im «Guardian»: «Ich werde nichts fürs Geld machen, das kann ich nicht. Ich werde durchhalten und mir sagen: ‹Das Café bei mir um die Ecke macht tolle Pancakes, das könnte ich auch.› Ich wäre bestimmt glücklicher als auf irgendeinem Set, auf dem ich die sexy Footballtrainerin geben müsste.» Nebenbei führt sie auch Regie: Ihr erster Kurzfilm «The Arm» wurde am Sundance Film Festival gleich mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet.

Die grossen Debüts scheinen ihr zu liegen: Sechs Jahre alt war Larson, als sie ihrer Mutter eröffnete, dass sie Schauspielerin werden wolle. Wenig später zogen Mutter und Bruder auf ihren Wunsch mit ihr nach L. A. – mit sieben Jahren hatte sie ihren ersten Auftritt: Sie parodierte einen Barbie-Werbespot in der «Tonight Show» des Kulttalkmasters Jay Leno - und trat fortan regelmässig in seiner Show auf. «Grösser kann es nicht werden», habe sie sich damals gedacht, als sie ihren Namen auf der Studiotür sah. Da hat sie sich geirrt.

Erstellt: 14.03.2014, 14:20 Uhr

Im Kino

«Short Term 12» läuft seit gestern im Zürcher Arthouse Movie.

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Trailer: «Short Term 12»

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Über Ballone und mit Ballonen: Ausschnitt aus «United States of Tara».

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Mit Ricola: Brie Larson in Craig Fergusons «Tonight Show».

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In Sundance mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet: Trailer zuLarsons Kurzfilmdebüt «The Arm».

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