Hollywoods vergessener Wüstenschatz

Archäologen und Historiker wollen Pharaonen und Sphinxe konservieren, die unter kalifornischen Dünen begraben liegen. Es handelt sich dabei nicht um ägyptische Denkmäler, sondern um alte Filmkulissen.

Diese Kulissen liegen im Wüstensand: Szenenbild aus Cecil B. DeMilles Stummfilmklassiker «Die Zehn Gebote» von 1923.

Diese Kulissen liegen im Wüstensand: Szenenbild aus Cecil B. DeMilles Stummfilmklassiker «Die Zehn Gebote» von 1923.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

John Parker suchte wieder einmal nach Spuren der amerikanischen Ureinwohner, als er an diesem Nachmittag durch die Dünen an der Küste bei Guadalupe streifte. «Ich kletterte auf eine der Dünen, um mich zu orientieren, und stolperte unversehens über Holzbretter. Zunächst dachte ich, es handle sich um Ruinen einer Gipsplattenfabrik, dann grub ich nach und staunte», schildert der Archäologe seine erste Begegnung mit den Überresten des Stummfilmepos «Die Zehn Gebote». Ägyptische Festungsmauern, Sphinxe und Pharaonen liegen heute noch – 87 Jahre nach den Dreharbeiten – tief im kalifornischen Sand begraben. Vermutlich sind sie die letzte Original-Kulissen aus den Anfangsjahren der Filmindustrie von Hollywood. Obwohl für Filmhistoriker und Archäologen von höchstem Interesse, stösst eine Ausgrabung aber auf finanzielle und technische Hindernisse.

Cecil B. DeMille hatte Grosses im Sinn, als er sich 1923 an die Verfilmung der Zehn Gebote machte. Er dachte daran, den Stoff in Ägypten zu drehen, doch machten die hohen Kosten solche Pläne zunichte. So zog er kurzerhand mit 1600 Handwerkern, 250 jüdischen Einwanderern sowie 3000 Tieren in die weitläufigen Dünen an der kalifornischen Central Coast. Sand gab es genug, auch wehte permanent eine steife Brise, was den Massenszenen die gewünschte aufgewühlte Stimmung verleihen würde. Zunächst gab es aber einige Details zu klären: Die kalifornische Küste ist keineswegs wüstenhaft heiss, sondern wird von den kalten Winden auf höchstens 15 Grad gekühlt. Um Moses und seine Schar auf dem Auszug nach Ägypten echt erscheinen zu lassen, musste nachgeholfen; und zwar mit Glyzerin, das auf die Haut gesprüht wie Schweissperlen aussah.

Ein weiteres Problem war der isolierte Drehort, fast 300 Kilometer nördlich von Los Angeles. DeMille bot deshalb ein Streichorchester auf, das Arbeiter und Filmcrew unterhalten musste. «Da sitzt also in den Dünen ein 60-köpfiges Orchester und macht Stimmung, das muss man sich mal vorstellen», lacht Parker. «Wir wissen zudem, dass ein Lenker der Pferdewagen die Kontrolle verlor und mitten durch das Orchester preschte.» Es gab 60 Verletzte; nach einer ambulanten Verarztung machten sämtliche Akteure ungerührt weiter.

Der erste Blockbuster

Der Aufwand war für die damalige Zeit enorm. Der Streifen kostete 1,4 Millionen Dollar, spielte aber fast das Dreifache ein und war damit der erste Blockbuster der Hollywood-Traumfabrik. Auch DeMilles Remake 1956, mit Charlton Heston als Moses, war ein Erfolg, DeMille erlitt jedoch beim Erklimmen einer Kulisse einen Herzinfarkt und starb wenige Monate später. 1923 nach den Dreharbeiten machte er mit den Kulissen kurzen Prozess. Er liess sie von den Sockeln reissen und unter einer zwei bis drei Meter dicken Sandschicht eingraben. «DeMille hatte Angst davor, dass die Kulissen von einem anderen Produzenten für eine billige Kopie missbraucht würden», sagt Parker. «Seine Furcht war nicht unbegründet, viele Kulissen der Stummfilmära wurden weiter eingesetzt, und zwar bis in die 1950er- Jahre. So wurde für den Brand von Atlanta in ‹Gone with the Wind› die Kulisse des Stummfilms ‹The King of the Kings› abgefackelt, die vorher noch für ‹King Kong› zum Einsatz gekommen war.»

Die «Verlorene Stadt» im Sand, wie die lokale Tourismusbehörde wirbt, war lange vergessen. 1982 war der Filmstudent Peter Brosnan auf die verborgenen Schätze aufmerksam geworden, als er die Autobiografie von DeMille durchstöberte. «Wenn Archäologen in 1000 Jahren im Sand von Guadalupe graben, so hoffe ich, dass sie nicht vorschnell Berichte publizieren, wonach die ägyptische Zivilisation nicht auf das Tal des Nils beschränkt war, sondern sich bis an die Pazifische Küste Nordamerikas ausbreitete», schrieb DeMille darin ironisch. Brosnan heuerte den Archäologen Parker an, und der wiederum bediente sich des Radars, um die Filmruinen zu lokalisieren und zu vermessen.

Noch gut erhalten

Die Forschung zeigte, dass noch alle vier Statuen von Ramses II. sowie die 21 fünf Tonnen schweren Sphinxe und die hieroglyphenverzierten Stadtmauern erhalten sind. Brosnan machte einen Dokumentarfilm über die Sondierarbeiten, doch aus dem Plan einer grossen Ausgrabung wurde nichts. Die Finanzen fehlten; und Brosnan arbeitet heute als Sozialarbeiter in Los Angeles. Immerhin scheint der Discovery-Fernsehkanal nun interessiert, einen weiteren Dokumentarfilm zu drehen und das Interesse von Geldgebern zu wecken.

Eine Ausgrabung wäre zeithistorisch spannend. So wurden bereits Überreste der damaligen Zeltstadt sichergestellt, wo unter anderem 250 orthodoxe Juden untergebracht wurden, die kurz zuvor als Einwanderer aus Osteuropa in Los Angeles angekommen waren. Die meisten verstanden noch kein Englisch und fühlten sich angesichts der Sphinxe und Ramses-Statuen in biblische Zeiten zurückversetzt. Die Filmcrew glaubte gemäss ihren Berichten den Augen kaum, als die Statisten ihre Rolle des vertriebenen Volkes so eindrucksvoll spielten, als ginge es wirklich um Leben und Tod. Für sie liess DeMille auch eine Synagoge bauen und einen Koch anheuern, der koschere Gerichte zubereitete. Allgemein aber galt: «Dieser Drehort ist kein Ferienlager. Ich verlange höchste Anstrengung.»

Hustensirupflaschen im Sand

Angesichts solcher Warnungen des «Vaters von Hollywood» erstaunt es nicht, dass die Archäologen neben profanen Gegenständen wie Konservendosen, Münzen und Kostümfetzen auch Hustensirupflaschen fanden. Der Film wurde während der Prohibition gedreht, und der mit 40 Prozent Alkohol versetzte Hustensaft war ein bewährtes Ersatzmittel. «In diesen kalten Dünen mussten sich man sich irgendwie bei Laune halten», sagt Parker. Kulturhistorisch sind die Kulissen zudem von Interesse, wurden sie doch vom französischen Designer und Modezeichner Paul Iribe entworfen. Die verwendeten altägyptischen Motive sollten umgehend in die Art-déco-Bewegung einfliessen, die Iribe wesentlich geprägt hat.

Vorderhand ist die versunkene Stadt sicher. Sie liegt in einem Naturschutzgebiet und wird vom Parkpersonal kontrolliert, um Räuber fernzuhalten. Parker glaubt, inzwischen eine Konservierungstechnik gefunden zu haben, die erlaubt, die aus Gips gefertigten Statuen für die Nachwelt zu erhalten. Solange sie unter dem Sand liegen, sind sie vor den reissenden Winden geschützt. Werden sie aber freigelegt, zerfallen sie rasch. «Wir wissen, wie wir 20 000 Jahre alte Fundstücke der amerikanischen Ureinwohner konservieren müssen», so Parker, «mit der gleichen Technik werden wir auch die Schätze des Cecil B. DeMille retten können.»

Erstellt: 07.05.2010, 09:23 Uhr

Jetzt in Farbe: Kulissen des Remake von 1956.

Grabungsort: Die Dünen, in welchen die Kulissen vergraben sind.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die besten Orte für eine neue Ordnung

Geldblog Bei GAM fliessen weiterhin Vermögen ab

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...