Hunkelers Abgang

Der Schweizer Schauspieler Mathias Gnädinger ist tot. Kaum ein anderer hat dem Schweizer Film – im Kino und im Fernsehen – ein Charaktergesicht gegeben wie er.

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Weiss Gott: Der wird uns fehlen. Es hat ja manch einer gespottet in den letzten Jahrzehnten über die Allgegenwärtigkeit des Schauspielers Mathias Gnädinger im Schweizer Film. Das ging bis zur Vermutung, es werde gewiss noch einem Regisseur einfallen, ihn in einer neuen «Heidi»-Verfilmung als Alpöhi und Heidi gleichzeitig zu besetzen.

Aber natürlich hatte die Allgegenwärtigkeit ihren guten künstlerischen Grund, und der war: die charismatische Präsenz dieses grossen, massigen Gnädinger (so kam er einem vor auf der Leinwand oder im Fernsehen, und sah man ihn in der Wirklichkeit, war er doch gar nicht so riesig und wirkte bescheiden und fast scheu); diese zuverlässige Fähigkeit, eine Szene und eine Figur zu füllen mit lebendiger Anwesenheit und mit Widerspruch, den Kommissar Hunkeler, diesen Ostschweizer Solitär unter Baslern, mit Seelenschatten, den Verbrecher Lauener im «Bestatter» mit Jovialität und den erwachsenen Primarschüler Egli in Christoph Schaubs «Sternenberg» (2004) mit märchenhafter Hinterlist. Er konnte dem Eindeutigen das Eindeutige nehmen und dem Kitsch das Kitschige; und man möchte jetzt, zu Rückblick und Nachruf gezwungen, sagen: Er hätte wahrscheinlich auch das Heidi gekonnt.

Kein Rampentier

Dabei war er wahrscheinlich gar keiner wie Shakespeares Meister Zettel, kein ungehemmtes Rampentier, das immer «den Löwen auch spielen» wollte. Mit dem Lampenfieber, sagte er einmal, sei es gar schlimmer geworden im Alter, es sei jetzt Teil seiner Selbstkritik, die quälen könne und längst nichts mehr habe von der unbekümmerten Frechheit seiner schauspielerischen Jugend. Ein Bedächtiger also, selbst wenn er den vitalen Kraftmocken spielte, fein in der grossen dramatischen Geste, ökonomisch beim Einsatz seiner sorgfältig überdachten Emotionsmittel.

Derart streng wurde er mit sich, dass die Kritik an sich in die reine Angst umschlagen konnte – er selbst erzählte davon die schmerzlichste Geschichte: wie es ihm einfach nicht gelang, sich in Oliver Hirschbiegels «Untergang» (2004) in den Reichsmarschall Hermann Göring hineinzudenken, die Sätze, nur wenige, hätten nicht über die Lippen gewollt, sodass dieses fette Monster im Film nun sprachlos dasitze. Wobei allerdings zu ergänzen wäre, dass auch von einem stummen Gnädinger eine ungemeine Gefährlichkeit ausgehen konnte.

Jeder hat seinen eigenen liebsten Gnädinger

Schwer zu sagen, was sein Bestes war in 130 Theaterrollen und in rund 70 Filmen für Kino und Fernsehen. Der berührende (und am Ende berührend hilflose) Lastwagenchauffeur in Xavier Kollers «Reise der Hoffnung» (1990) vielleicht, wo der Mathias Gnädinger aus Ramsen der grossherzige Schaffhauser sein durfte, der er auch im Leben war? Tschechows Onkel Wanja (1998) an der Berliner Schaubühne, seiner früheren Theaterheimat, wie manche meinen? Sagen wir: Jeder hat seinen eigenen liebsten Gnädinger, und wenn man mich fragte, dann wärs doch der Hunkeler. Der wird überdauern im Gedächtnis, dieser kantige und angeschlagene und unperfekte, sehr schweizerische und doch irgendwie universale Chnorzi, der Sachen machte und oft «im Seich» war. Immer war er da Melancholiker und ein bisschen ironischer Satyr zugleich, klüger als andere, aber unvorsichtig in seiner Klugheit, Liebhaber auch, aber was für ein ungeschickter und tapsiger, und item: der lebte, und man liebte ihn.

Mathias Gnädinger hatte dieses Talent, geliebt zu werden. Diese Zartgrobheit des Spiels, diese Verletzlichkeit im Spiel, die noch die grössten «Lumpenseckel», wie er sie nannte, menschlich machte. Und: Er war eine wunderbare komische Gewalt, wenn man ihn liess. So wie in der Komödie «Länger leben» (2010) von Lorenz Keiser (nicht Gnädingers bedeutendster Film, aber eine grossartige Gelegenheit zur makabren Bosheit). Da spielte er den alten Wanner, der eine neue Leber braucht, und umkreist lauernd den alten Pollatschek, der sie ihm liefern könnte. Es war eine morbide Duellsituation und ein herrlich anzusehender komödiantischer Durchmarsch, und er hat ihn, wenn der Eindruck nicht täuscht, masslos genossen.

Bis der Arzt ihn von der Bühne nahm

Es war in Mathias Gnädinger ja gewiss auch etwas Massloses. In der Arbeit an seiner Kunst, bei der er manchmal so lang nicht auf seinen Körper hörte, bis der Arzt ihn von der Bühne nahm; im Leben, in dem er, wie man so schön sagt, die Leber auf der Sonnenseite hatte und die Schattenseiten des Genusses ignorierte. Das Alter, das ja noch keines war, aber doch auch nicht gar kein Alter, habe ihn allerdings vernünftiger gemacht, las man oft.

Als man ihn in seinem letzten Film sah im Januar dieses Jahrs, «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker, wärs einem jedenfalls nicht eingefallen, sich Sorgen zu machen. Er spielte dort den Willi, der seinem Freund Hans beim Sterben half, ganz dem Leben zugewandt, man könnte es die Verkörperung einer sterbeunwilligen Rüstigkeit nennen, und die Sorge galt vor und nach der Premiere eher dem Hauptdarsteller Jörg Schneider. Jetzt ist der Willi doch vorausgegangen. Anfang März hatte Mathias Gnädinger sich einen Oberschenkel gebrochen, später sei es zu Komplikationen mit Herz- und Lungenfunktion gekommen, wird gemeldet. Am Karfreitag ist Mathias Gnädinger im Alter von 74 Jahren im Zürcher Universitätsspital gestorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2015, 17:04 Uhr

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