«Ich denke nicht über Politik nach»

Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof ist derzeit Jurymitglied am Filmfestival Freiburg. Ein Gespräch über Zensur, Selbstzensur und darüber, warum Rasoulof und sein Kollege Jafar Panahi verhaftet wurden.

«Wir sind uns immer bewusst, dass jemand uns überwacht»: Mohammad Rasoulof in Freiburg.

«Wir sind uns immer bewusst, dass jemand uns überwacht»: Mohammad Rasoulof in Freiburg. Bild: Manu Friederich

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Letzten Monat gewann der Film «A Separation» des Iraners Asghar Farhadi einen Oscar. Was bedeutet das für die iranische Filmszene?
Ich gehöre nicht zum Mainstream-Kino, ich bin ein unabhängiger Filmemacher. Deshalb kann ich Ihnen nicht sagen, was für einen Effekt dieser Oscar aufs iranische Kino hat. Aber sicher: Das ist eine sehr wichtige Auszeichnung.

Agieren die Zensurbehörden nun also nicht anders?
Die Behörden sehen diesen Oscar als Bestätigung ihrer bisherigen Politik gegenüber Filmemachern: Indem sie Einfluss nahmen auf das iranische Kino, wurde dieser Preis im Ausland möglich.

Grundsätzlich: Welche Schritte muss ein Filmemacher unternehmen, wenn er im Iran einen Film drehen will?
Es gibt zwei Genehmigungen, die man beim Ministerium für Kultur einholen muss. Die erste ist die Erlaubnis zu drehen. Dafür muss man das Drehbuch genehmigen lassen. Eine weitere Genehmigung braucht es, um den Film öffentlich zu zeigen. Und dafür muss man den fertigen Film vorlegen. Für unabhängige Filmemacher ist eigentlich nur die erste Genehmigung von Bedeutung. Denn während des Drehs können sie Änderungen am Originaldrehbuch vornehmen und den Film drehen, den sie wirklich machen möchten. Dann allerdings kann man die zweite Genehmigung gleich vergessen.

Dann hat man also immer zwei Filme im Kopf?
Wenn man so will, ja. Oder zumindest zwei Drehbücher – eines, das nichts Kontroverses beinhaltet und genehmigt werden soll, und eines, das man dann wirklich verfilmen will.

Haben Sie je versucht, einen Film zu machen, der im Iran gezeigt werden kann?
Natürlich. Ich habe fünf Filme gemacht, aber kein einziger konnte öffentlich gezeigt werden. Immer, wenn ich ein neues Drehbuch schreibe, wünsche ich mir, dass die Menschen im Iran den Film sehen können. Aber die Realität ist: Wenn ich ernsthaft über die wichtigen Themen im Iran schreibe, ist das nicht möglich. Ich möchte nicht auf der kommerziellen Schiene fahren, nur um den Behörden zu gefallen.

Ist das nicht frustrierend, wenn die Filme, die das iranische Publikum wirklich etwas angehen, dort nicht gezeigt werden können?
Nun, viele Leute gehen ja gerade ins Kino, um die wirklichen Probleme zu vergessen. Der Geschmack des iranischen Kinopublikums hat sich in den letzten gut dreissig Jahren seit der Revolution stark verändert – durchs Fernsehen einerseits, durch die schlechte Qualität des kommerziellen Kinos andererseits. Aber jene, die wirklich am Film als Kunstform interessiert sind, beschaffen sich die entsprechenden DVDs im Untergrund.

Bringt man sich damit in Schwierigkeiten?
Das Leben an sich ist gefährlich in Iran. Es gibt Dinge wie Luftverschmutzung . . .(lacht). Und alles wird immer gleich politisch. Auch wenn man über Luftverschmutzung spricht.

Vor zwei Jahren wurden Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Jafar Panahi verhaftet. Warum?
Weil wir einen Film machten. Worum es darin ging? Um das, was man hört, wenn man in einem Taxi sitzt und mit dem Fahrer plaudert – Alltagsgespräche also. Bloss das.

Ihnen droht ein Jahr Gefängnis. Wie ist Ihre Situation zurzeit?
Ich warte auf die Vollstreckung des Urteils und bin auf Kaution frei. Ich darf reisen, aber wenn ich arbeiten will, muss ich erst eine Erlaubnis dafür haben.

Unter welchen Umständen haben Sie dann Ihren neusten Film «Good Bye» gedreht?
Mit der Unterstützung des House of Cinema erhielt ich eine Drehgenehmigung. Das House of Cinema ist so etwas wie eine Gewerkschaft für Künstler – vor kurzem wurde es von der Regierung geräumt. Nachdem das Drehbuch genehmigt worden war, drehte ich einen Film, der dem überhaupt nicht entsprach. Ich versuchte erst gar nicht, die Vorführ-Genehmigung zu erhalten.

Wenn Ihre Filme im Iran nicht gezeigt werden können – wovon leben Sie?
Vor meiner Verhaftung lebte ich von Auftragsfilmen, Firmen-Dokumentationen etwa. Ich drehe meine eigenen Filme mit sehr wenig Geld. Für «Good Bye» verzichteten eine Menge sehr bekannter Schauspieler auf ihre Gage, aus Freundschaft und Solidarität.

Ist diese Solidarität auch von Nutzen, wenn sich jemand mit einem Berufsverbot oder einer Haftstrafe konfrontiert sieht?
Natürlich gibt es viel Solidarität unter den Filmemachern. Aber ihr Spielraum, um in dieser Sache wirklich aktiv zu werden, ist sehr begrenzt.

Überlegen Sie sich manchmal, unter diesen Umständen alles hinzuschmeissen?
Ich habe mir das tatsächlich schon ein paar Mal überlegt – der ewige Druck ist zermürbend. Aber meine grosse Liebe fürs Kino hilft mir weiterzumachen. Ich bin im Grunde keine politische Person, ich denke nicht über Politik nach. In meinen Filmen versuche ich bloss zu beschreiben, was ich um mich herum wahrnehme. Aber das ist automatisch politisch. Man legt Probleme unters Mikroskop und wird schon nur dadurch in die Politik verwickelt.

Wenn Sie ein Drehbuch schreiben, müssen Sie sich überlegen, was daran heikel sein könnte. Kann man unter diesen Umständen wirklich unpolitisch sein wollen?
Ich versuche Selbstzensur zu vermeiden. Aber wir sind damit geboren, wir sind uns immer bewusst, dass jemand uns überwacht. Das ist Teil unserer Natur. Aber wenn ich ein Drehbuch schreibe, versuche ich nicht daran zu denken.

Träumen Sie je davon, im Ausland zu arbeiten?
Es spielt mir geografisch keine Rolle, wo ich arbeite. Aber: Ich kenne den Iran, ich kenne das iranische Volk, ich kenne die iranische Kultur. Es ist schwierig, einen guten Film zu drehen in einer Umgebung, die man nicht kennt.

Sie müssen nun als Jurymitglied am Filmfestival Freiburg unter zwölf total unterschiedlichen Filmen einen Preis vergeben. Was ist für Sie ein guter Film?
Ich habe keine Definition dafür, was ein guter Film ist. Ich kann nur sagen, ob ich den Film mag oder nicht. In der Jury sitzen Leute mit unterschiedlichen Hintergründen und Geschmäckern. Wir sehen uns zwölf Filme an, und am Ende fällen wir ein Urteil. Eine andere Jury würde vielleicht anders wählen. Das ist eine sehr willkürliche Sache.

Erstellt: 28.03.2012, 08:10 Uhr

Infobox

Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, geboren 1973, studierte Soziologie und Filmmontage. Sein Film «Good Bye» läuft am Filmfestival Freiburg: Freitag, 30. März, Kino Rex. Das Festival dauert noch bis am Samstag, www.fiff.ch.

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