«Ich habe viele toughe Typen getroffen»

Der Schauspieler Harvey Keitel erhielt am Filmfestival in Locarno den Preis für sein Lebenswerk. Er erinnert sich an Prügeleien, grosse Regisseure und Stars an Strassenecken.

«Ich schmiss Steine, sie schmissen Steine, und eigentlich gefiel es beiden Seiten nicht»: Harvey Keitel. Foto: Yann Rabanier (Modds)

«Ich schmiss Steine, sie schmissen Steine, und eigentlich gefiel es beiden Seiten nicht»: Harvey Keitel. Foto: Yann Rabanier (Modds)

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Sie sind als Sohn osteuropäischer Eltern in Brighton Beach, Brooklyn, aufgewachsen. Welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?
Der Boardwalk in Coney Island, auf dem ich als Bub entlangging, ich werde schon ein wenig sentimental. Ich ging von meinem Elternhaus nach Coney Island in die Schule, das war unser Spielplatz. Mit meinen Kumpeln auf dem Boardwalk kam ich an den verschiedensten Immigranten vorbei, die tanzten und ihre Lieder sangen – Iren, Italiener, Südamerikaner. Es war eine wunderbare Bildung, solch verschiedene Leute zu sehen.

Man hat sich gut verstanden?
Hat man, obwohl es Raufereien zwischen Schwarzen und Weissen gab. Manchmal geriet ich sogar in einen Kampf mit Afroamerikanern, die ich zu meinen Freunden zählte. Ich schmiss Steine, sie schmissen Steine, und eigentlich gefiel es beiden Seiten nicht.

Denken Sie oft an die Erfahrung der Einwanderer zurück?
Man kann nicht anders, man sieht es im Fernsehen: ein griechischer Soldat, der in seinen Armen ein totes Flüchtlingskind ans Ufer trägt. Das versetzt jedem einen Schock. Dieses Leid, das durch unsere Ignoranz und die unserer politischer Führung verursacht wird. Durch Leute, die nichts Ehrliches mehr hervorbringen. Oder glauben, sie seien verdammt dazu, in der Hölle zu schmoren, wenn sie nicht ihren Glauben durchsetzen, ohne jede Toleranz. Ich bete den Gott von jedem an, aber soweit ich sehe, bleibt der Himmel immer derselbe.

War das Steinewerfen in Brooklyn auch eine Schule für die harten Kerle, die Sie in Tarantinos «Reservoir Dogs» oder Ferraras «Bad Lieutenant» gespielt haben?
Ich habe in meinem Leben so viele toughe Männer und Frauen getroffen, auch in der Marine, in der ich drei Jahre gedient habe. Sie waren gleichzeitig die sanftesten Wesen. Wer ist härter: Der, der den Schlag austeilt, oder der, der ihn bekommt? Ich wehre mich einfach gegen die Trennung von Kino und Menschen. Zuallererst sind wir Menschen, nur so können wir unsere Geschichten teilen. Ich bin nicht anders als Sie, ich stehe einfach im Scheinwerferlicht.

Trailer zum Film «Bad Lieutenant» von 1992. Quelle: Youtube, Film& Clips

Nun ja, Sie sind eine Ikone des amerikanischen Kinos.
Wissen Sie, mein Sohn wird nächste Woche zwölf, er möchte, dass eines Tages ein Bild von ihm in einem New Yorker Restaurant hängt, in das wir gerne gehen. Nein, sage ich immer. Entscheide das erst, wenn die Leute Bilder von dir machen, weil sie deine Arbeit schätzen. Und wenn es um Ruhm geht: In meinem Viertel in Brooklyn gab es sehr viele berühmte Leute an den Strassenecken. Ihr Ruhm war bedeutungsvoller als der eines Hollywoodstars.

Sie haben in den 70er-Jahren mit Martin Scorsese «Taxi Driver» und «Mean Streets» gedreht. Werden solche Filme heute noch gemacht?
Es gibt sicher weniger Bereitschaft, solche Filme zu drehen. Aber Talent wird sich immer durchsetzen, auch dank Internet oder Netflix, da gehen viele Türen auf. Nur warten begabte Regisseure zu oft darauf, dass jemand auf sie zukommt. Hollywood muss nicht zerstört werden; man sollte sich der Filmindustrie anschliessen, um sie umzugestalten. Vielleicht zieht sich Gott ja für einen Moment zurück, und es entsteht ein wenig Raum, um Dinge zu erzählen, die etwas mit der Aktualität zu tun haben.

Sie spielten in den Debüts von Martin Scorsese und Ridley Scott. Merkten Sie damals, wie talentiert diese Regisseure waren?
Mein Agent empfahl mir das Skript von «The Duellists», dem Erstling von Ridley Scott. Das war ein Werberegisseur, und für uns Schauspieler aus New York war so was tabu. Aber dann schaute ich mir seine Werbespots an – kleine, brillante Filme. Da lernte ich, weniger von mir eingenommen zu sein.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Eindruck von Quentin Tarantino?
Eine Kollegin gab mir das Drehbuch von «Reservoir Dogs». Tarantino besuchte mich und sagte: «Mr. Kitel?» Ich sagte: «Keitel! Kommen Sie rein.» Bis heute nennt er mich «Kitel». Er war jung und voller Energie. Wegen seines Drehbuchs nahm ich an, er komme aus einem Quartier mit harten Typen. Also fragte ich: «Gab es in deiner Familie Ganoven?» «Nein», sagte er. «Raubeine?» «Nein.» «Kennst du welche?» «Nein.» «Wie in aller Welt konntest du dann ‹Reservoir Dogs› schreiben?» «Ich habe mir Filme angeschaut», sagte er.

Trailer zum Film «Reservoir Dogs» von 1992. Quelle: Youtube, Movieclips Trailer Vault

Sie haben oft in Europa gedreht.
Bertrand Tavernier war der erste Regisseur, der mich als junger Mann nach Europa rief, dann kamen Ettore Scola, Lina Wertmüller. Ich hatte Glück, solch aussergewöhnliche Leute zu treffen, die Einblicke haben in unsere inneren Reisen. Europa hat mir sehr viel gegeben. Wie Ernest Hemingway sagte: Paris ist ein Fest fürs Leben.

Sie sind nun 77, mit wem möchten Sie noch zusammenarbeiten?
Mit Michael Haneke möchte ich einmal arbeiten können, das wäre toll.

Gibt es ein Buch, das Ihnen gerade viel bedeutet?
Ja, «Irrational Man» von William Barrett, eine Einführung in den Existenzialismus. Lesen Sie das! Es geht darin um Philosophie, Heidegger und Nietzsche. Ich lerne viel daraus, aber ich möchte nun nichts Falsches sagen. Ich hatte keine Hochschulausbildung, und vielleicht verstehen gebildetere Leute mehr davon als ich. Aber das Buch geht in die Tiefe. Ich werde es für meinen Sohn aufbewahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 17:50 Uhr

Harvey Keitel

Hollywood-Legende aus New York

Der 1939 geborene Sohn jüdischer Einwanderer in New York spielte Theater und gilt als wichtiger Vertreter des Method Acting. Er spielte u.?a. in «Mean Streets» von Martin Scorsese, «The Piano» von Jane Campion oder «Bad Lieutenant» von Abel Ferrara. Zuletzt gab er einen müden Regisseur in «Youth» von Paolo Sorrentino. (blu)

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Der 1939 geborene Sohn jüdischer Einwanderer in New York spielte Theater und gilt als wichtiger Vertreter des Method Acting. Er spielte u. a. in «Mean Streets» von Martin Scorsese, «The Piano» von Jane Campion oder «Bad Lieutenant» von Abel Ferrara. Zuletzt gab er einen müden Regisseur in «Youth» von Paolo Sorrentino. (blu)

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