Interview

«Ich kann keine Filme mit Tom Hanks sehen»

Die französische Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy wird wegen ihrer Komödien oft mit Woody Allen verglichen. Allerdings ist sie sehr viel weniger diplomatisch als dieser. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.

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Schriftsteller hassen es, wenn man ihre erfundenen Geschichten für autobiografisch hält. Sie dagegen tun in Ihren Komödien alles, um die Grenzen zwischen sich und der von Ihnen gespielten Figur Marion zu verwischen.
So autobiografisch ist es nicht. Aber bei «Two Days in Paris» habe ich die Rollen der Eltern daraufhin geschrieben, dass sie von meinen wirklichen Eltern gespielt werden. Als Hommage an sie, weil sie mich erzogen haben, weil sie sehr libertär, sehr lustig und sehr gute Theaterschauspieler sind. «Two Days in New York» ist nun mal die Fortsetzung, da konnte ich dieses Element nicht plötzlich weglassen. Und so habe ich sogar den Tod meiner Mutter einbezogen. Aber ich habe viel umgeformt, poetischer gemacht, aber auch komischer. Ich wollte auf keinen Fall emotionales Kapital daraus schlagen.

Dass Sie den Tod Ihrer Mutter in einer Komödie verarbeiten, haben manche Leute bestimmt als geschmacklos empfunden.
Stumpfköpfe, ja. Hätte ich etwas Pathetisches, Melodramatisches gemacht, das wäre geschmacklos gewesen. Als ich «Two Days in New York» zu schreiben begann, lebte meine Mutter noch. Im Drehbuch sollte sie mit meinem Vater nach New York kommen und sehr komische Dinge tun. Doch dann wurde sie so krank, dass das nicht mehr möglich war, und ich wurde schwanger. Als sie starb, wollte ich das Projekt aufgeben. Doch dann dachte ich nach, denn das Ganze hatte auch eine dramatische Vorgeschichte: Vier Tage vor den Dreharbeiten zu «Two Days in Paris» hatte meine Mutter einen Herzstillstand. Direkt vor meiner Nase. Sie hatte sich nicht wohlgefühlt, wir gingen ins Krankenhaus, und plötzlich wurde auf dem Monitor das EKG flach. Die erste Woche der Dreharbeiten war ein Albtraum. Einer der Gründe für ihren Herzstillstand war, dass sie total gestresst war. Denn ich hatte Finanzierungsprobleme, und sie hat alles, was mich gestresst hat, übernommen.

Trotz ihrem Infarkt stand Ihre Mutter bald darauf für Sie vor der Kamera?
Ja, ihr Herz war sehr schwach, aber sie hat mich jeden Tag angerufen und gesagt: «Ich flehe dich an, lass mich die Rolle spielen. Dieses Vergnügen lass ich mir nicht nehmen.» Ich habe sie also mitspielen lassen, obschon die Versicherung sich weigerte, sie zu versichern. Ich habe dann «Two Days in New York» auch deshalb geschrieben, um meine Mutter aufzumuntern, die eine geborene Schauspielerin war. Aber der Krebs war stärker. Nach ihrem Tod fiel ich in ein Loch, es dauerte acht Monate, bis ich wieder schreiben konnte. Mir wurde klar, dass sie unbedingt gewollt hätte, dass ich den Film trotzdem drehe. Wenn also Leute von Geschmacklosigkeit reden, dann tun sie das, weil sie die Geschichte nicht kennen, die dahintersteckt.

Zwischen den beiden Filmen ist viel passiert, was man nicht sieht: In «Two Days in New York» ist Marion nicht mehr mit ihrem Freund aus dem ersten Film zusammen, sondern mit dem Radiomann Mingus, gespielt von Chris Rock.
In Liebeskomödien geht es normalerweise darum, dass zwei Menschen einander begegnen und sich verlieben. Mich interessiert es, eine Liebeskomödie zu drehen, in der die Leute schon zusammen sind, und etwas aus dieser Situation zu machen, also eine Liebeskomödie, in der etwas auf dem Spiel steht. Sich zu verlieben, ist nicht schwierig. Zusammenzubleiben, das ist schwierig. Wahre Liebe ist Liebe, die anhält. Und wie schafft man das? Wie überlebt man den Alltag? Der Alltag ist die Hölle.

Bei unserem Interview über Ihren ersten Film erzählten Sie damals von Ihrem ältesten Projekt, einem Kriegsfilm auf Japanisch. Gibt es dieses Projekt noch?
Schon, aber ich habe leider vor Jahren Paul Haggis davon erzählt ...

... dem Drehbuchautor von Clint Eastwood ...
... und zwei Wochen später ging er sein Projekt «Letters from Iwo Jima» verkaufen. Das hat mich wahnsinnig geärgert. Ich hatte Haggis erzählt, dass ich für den Film Briefe benutzen würde, wie sie mein Grossvater im Ersten Weltkrieg meiner Grossmutter geschrieben hatte. Haggis und ich waren 2005 für die Oscars nominiert worden und hatten uns angefreundet. Dabei vergass ich, dass er Scientologe ist. Und viele Scientologen nutzen andere ja bedenkenlos aus. Die kennen keine Spielregeln, haben kein Ethos. Ich war damals halt etwas naiv, jetzt bin ich es ein bisschen weniger.

Als junges Mädchen wollten Sie ein Volontariat bei Godard machen. Zu wem würden Sie heute gern gehen?
Zu den Coen Brothers. Ich träume davon, bei den Dreharbeiten einer ihrer Filme zuschauen zu können. «No Country for Old Men» ist ein Meisterwerk. Die Gewalt darin wird nicht zum Selbstzweck, hat nichts Pubertäres. Die Coens machen ihr eigenes Ding, sind den Studios nicht auf den Leim gegangen.

Na ja, manchmal schon. Denken Sie an ihr Remake der «Ladykillers».
Den wollte ich sowieso nicht schauen, da spielt Tom Hanks mit. Und ich kann keine Filme mit Tom Hanks mehr sehen. Da sträuben sich mir alle Haare. Ich weiss auch nicht, warum, aber ich halte ihn nicht aus. Und «Forrest Gump» ist der faschistischste Film, der je gedreht wurde.

Faschistisch? Doof ja, aber warum faschistisch?
Er ist doof und faschistisch. Denn letztlich läuft er auf die Botschaft hinaus: «Wenn du dumm wie Affenscheisse bist, kannst du es in Amerika zu etwas bringen.» Und das Hippiemädchen, das gegen den Vietnamkrieg demonstriert hat, muss mit Aids bestraft werden. Der Film ist wirklich bösartig. Alle, die gegen diesen Krieg demonstriert haben, werden als Versager gezeigt. Der Schwachsinnige dagegen, der bringts zu was. Dabei hat die Dummheit ja ohnehin die Oberhand, und dann wird sie hier auch noch glorifiziert.

Empfinden Sie es eigentlich als Kompliment, immer wieder mit Woody Allen verglichen zu werden, oder haben Sie die Nase voll davon?
Ich liebe Woody Allen sehr. Also ist es ein Kompliment. Manche seiner Filme finde ich genial. Ich mag eigentlich fast alles von ihm ausser die Phase, in der er Zeug machte, das ich ganz furchtbar finde, nämlich die Filme mit Scarlett Johansson. Die finde ich fürchterlich. «Match Point» gefiel mir überhaupt nicht. Der hatte so was Billiges, fast wie ein Fotoroman. Dennoch: Es freut mich, wenn ich mit Woody Allen verglichen werde, und ich wünschte, ich wäre so erfolgreich wie er.

Auch Sie spielen Klarinette. Sehr schlecht. Allen ja auch. Haben Sie den Dokumentarfilm über ihn, «Wild Man Blues», gesehen?Ja, und ich fand seine Frau beängstigend.
Allerdings. Komisch, nicht? Der könnte ja mit einer ganz tollen Frau zusammen sein. Auch das ist dann wieder typisch für die USA: Der geht mit seiner Adoptivtochter aus, und man verzeiht ihm das. Mia Farrow hingegen steht jetzt im Abseits, als sei sie die Verrückte.

Ist das so?
Ja. So funktioniert das dort: Wenn du der Sieger bist, dann verzeiht man dir. Und sie ist die Verliererin. Das ist widerlich. Wie gesagt: Ich mag Woody Allen, und was der im Bett veranstaltet, ist seine Sache. Aber in dieser Hinsicht ist Amerika seltsam. Ich habe ihn übrigens angefragt, ob er in einem Film von mir mitspielen würde. Ich bin nun gespannt, ob er sich darauf einlässt, in einem Film seines weiblichen Alter Ego mitzumachen.

Sie sind Schauspielerin, führen Regie, schreiben Drehbücher und komponieren: Wenn Sie sich nicht auf so vielfältige Weise ausdrücken könnten, was würde dann passieren? Würden Sie explodieren? Serienmörderin werden?
Genau. (Lacht) Nein, ich glaube, ich würde mich gegen mich selbst wenden. Als ich meine Filmprojekte nicht verwirklichen konnte, war ich ziemlich selbstzerstörerisch. Ich verdanke meinen Eltern, dass ich so viele Pfeile in meinem Köcher habe. Wenn man meine Filme nicht produzieren will, kann ich dennoch schreiben, Musik machen, kann Dinge also auf diese Weise loswerden. Tue ich das nicht, werde ich krank. Früher hab ich auch viel gesoffen.

Ach ja?
Ja. Also nicht in dem Sinn, dass ich betrunken in der Gosse lag. Ich lebte gesund, machte Sport, aber ab und zu überkam es mich, und ich soff wie ein Loch. Das ist sehr gefährlich, ich bin fast daran gestorben, und jetzt darf ich mein Leben lang keinen Tropfen mehr trinken. Nicht einmal ein Glas Wein. Und dabei wäre das doch so gesund.

Erstellt: 02.05.2012, 08:30 Uhr

Kino

«Two Days in New York» läuft als Vorpremiere ab Donnerstag im Lunchkino im Zürcher Arthouse Le Paris und kommt am 17. Mai in die Schweizer Kinos.

Trailer: «Two Days in New York».

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