«Ich sterbe! Ich sterbe!»

Robin Williams kämpfte jahrelang mit seinen Dämonen. Nun ist er mit 63 Jahren gestorben.

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Man hat ihm ja vieles abgenommen, den manischen Radiosprecher in Vietnam, den ernsten Therapeuten, den pathetischen Lehrer. Den Einsamen und den Überdrehten. Aber dass er eine Frau sein solle, das dann doch nicht. Es war viel zu offensichtlich, dass unter den Kleidern von Mrs. Doubtfire ein Faxenmacher steckte, der alle zum Narren hielt. Nur die Figuren in der Komödie «Mrs. Doubtfire» (1993) schienen es nicht zu bemerken, und das war der Clou: dass sich da einer ein zweites Gesicht gibt, die Gesten mit zu hoher Spannung überlastet und das Leben bis zum Anschlag aufdreht, sodass alle rundherum wie vom Blitz getroffen werden.

«Und nun, da ich tot bin»: In einer Theater-Rolle spricht Williams über den Tod. (Video: Reuters)

Es war eine höchst bescheuerte Idee: Robin Williams verkleidet sich als Haushälterin, um nach einer Scheidung in der Nähe seiner Kinder zu sein. Und es war die richtige Idee, weil Williams der Komiker der Übersteuerung war. Er wurde manisch aus Liebesbedürftigkeit und grimassierte sich in die Wahrheit hinein.

So nimmt die Welt Abschied von Robin Williams:

Dort war er dann nackt und nicht selten traurig, das zeigten seine dramatischen Rollen, von denen es nicht wenige gab. Seis als verschupfter Fotoentwickler in «One Hour Photo» (2002), der eine beängstigende Obsession mit einer glücklichen Familie entwickelte. Seis als Psychologe in «Good Will Hunting» (1997), der so selbstlos wie pathetisch Ratschläge erteilte, die noch richtig waren, wenn sie falsch klangen, und die die Herzen der Nation derart rührten, dass Williams einen Academy Award davontrug, es blieb sein einziger. Oder seis als Inspirator des Schönen und Kämpfer gegen den konservativen Bildungsgeist in «Dead Poets Society» (1989). Als Englischlehrer stachelte Williams seine Schüler zum Kunstgenuss an, als führe er sie in die Revolution.

Alchemist des Humors

Die Verlängerung der Manie ist die Sentimentalität, das war offensichtlich bei einem wie Robin Williams, der den Humor ins Pathos überdrehte und noch im Kitsch nach den Wahrheiten des Lebens stocherte. Dabei kam dann halt auch einmal so etwas wie «Patch Adams» (1998) heraus, worin Williams tatsächlich einen traurigen Clown spielte, als sei das Klischee nur eine weitere Filmrolle.

Aber das Publikum liebte ihn, von seinen frühen, energetischen Shows als Stand-up-Komiker bis zu seinen grossen Filmrollen und den unzähligen Gastauftritten in Late-Night-Sendungen. So wie er als überspannter Radiomoderator in «Good Morning, Vietnam» (1987) einen Grossteil seiner Monologe improvisierte, so gab er sich auf der Bühne und im Fernsehen als Alchemist des Humors, der aus geheimen Quellen übersprudelte und im nächsten Moment den Energiepegel wieder runterzog, bis ein freundlicher und etwas schüchterner Mann übrig blieb.

Und es stimmte vielleicht schon, dass Robin Williams ein einsamer Mensch war, der aus Zurückhaltung übertrieb und mit seinen Verrücktheiten eine Traurigkeit zu kaschieren suchte. Er konnte einem grausam auf den Geist gehen mit seinen Faxen und den tausend Arten, wie er andere nachäffen konnte oder musste, um nicht mit seiner eigenen Stimme zu sprechen – sondern sich hinter hundert Masken zu flüchten und die anderen Ichs noch einmal einen Tick mehr zu verfremden, was vielleicht dann doch seine aufrichtigste Ausdrucksweise war.

Williams' Kokainsucht

Aber wir sahen da wohl auch das verzerrte Gesicht einer Seele in Not und eine Komik, geboren aus Verletzlichkeit. Seit einigen Jahren kämpfte Robin Williams mit seiner Alkohol- und Drogensucht, Kokain passte nicht schlecht zu ihm, es neutralisierte seinen Wahn und machte ihn ruhiger, wie er in einem Interview erzählte. Und es war Anlass für freimütige Witze. Einmal sagte er: «Wenn man Kokain nimmt, denkt man: ‹Ich sterbe! Ich sterbe!› Aber wenn man am nächsten Morgen aufsteht, lebt man noch und denkt: ‹Versuch ichs noch einmal!›»

Der Modus von Robin Williams war der herbeigeführte Kontrollverlust, er entstand aus Qual und führte wieder in neue Schmerzen. Williams krankte an Depressionen, er versuchte den Alkoholentzug, er haderte mit einer Scheidung und musste sich einer Herzoperation unterziehen. Sein wahres Ich schien sich hinter einer Galerie von Tölpeln zu verstecken, aber vermutlich war es eher so, dass er sich auffächerte, jeder Charakter ein Splitter seiner Psyche, und die Leute überrumpelte mit schierer Kraft und Elan.

Die Quelle seiner komischen Energie schien nie zu versiegen, aber versiegt ist sie jetzt doch. Am Montag ist Robin Williams tot in seiner Wohnung in Tiburon bei San Francisco aufgefunden worden, mit Verdacht auf Selbstmord.

Erstellt: 12.08.2014, 11:54 Uhr

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So trauert die Welt um Robin Williams

So trauert die Welt um Robin Williams Blumen bei seiner Villa, Blumen auf dem Walk of fame.

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