«Ich war in mir gefangen»

Ist das Leben von Taubblinden lebenswert? Rolf Lyssy, Regisseur von «Die Schweizermacher», findet die Frage fatal. Im Interview spricht er über seinen neuen Film, Ironie und die Gründe seiner Depression.

">Einblick in eine unbekannte Welt: Rolf Lyssys Film über die taubblinde Ursula.

Einblick in eine unbekannte Welt: Rolf Lyssys Film über die taubblinde Ursula.

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Die Protagonistin Ihres neuen Dokufilms ist taubblind. Wie konnten Sie sich mit ihr verständigen?
Das war nicht möglich. Ursula äussert sich auf eine Art, die wir als Aussenstehende nicht deuten können. Deshalb lief die gesamte Kommunikation über ihre Pflegemutter Anita Utzinger oder über ihre Betreuer in der Tanne, dem Heim für taubblinde Menschen. Was in ihr vorgeht, kann niemand wirklich beantworten.

Konnten Sie Ursula vermitteln, dass sie Teil eines Kinofilms ist?
Nein, das hätte ihr Begreifen bei weitem überschritten, da sie zusätzlich eine geistige Behinderung hat. Sie kann bloss elementare Dinge wie Schuhe anziehen oder Jacke ausziehen.

Besteht da nicht die Gefahr, dass Grenzen überschritten werden?
Sicher muss man sich diese Fragen stellen und sich fragen, wie man mit dem Persönlichkeitsschutz umgeht. Wir haben Ursula nie in Situationen gezeigt, die ihre Intimsphäre verletzt hätten. Es ist aber so, dass Ursula eine so starke Behinderung hat, dass sie ausschliesslich auf Hilfe von aussen angewiesen ist. So haben wir uns an den Menschen orientiert, die Ursula betreuen.

Sie haben bereits 1965 an einem Film über die damals 14-jährige Ursula mitgewirkt. Was fasziniert Sie an der Geschichte?
Wie sich ein Mensch, der zwei der elementarsten Sinne nicht gebrauchen kann, in der Welt zurechtfinden kann oder eben nicht. Im Grunde handelt der Film von einer aussergewöhnlichen, nicht alltäglichen Geschichte über eine Beziehung zwischen Ursula und ihrer Pflegemutter, die ihr Leben ganz nach ihr ausgerichtet hat. Im weitesten Sinne ist es ein Liebesfilm.

Haben Sie sich die Frage gestellt, ob so ein Leben lebenswert ist?
Das sind fatale Gedanken. Der erste Film über Ursula hatte den provozierenden Titel «Ursula – Oder Das unwerte Leben». Es ist noch nicht lange her, dass man behinderte Menschen umgebracht hat. Für mich hat jeder Mensch, der als Mensch bezeichnet werden kann, ein Recht zu leben.

Filme über Menschen mit einer Behinderung scheinen im Trend zu sein. Zurzeit läuft mit «Eine ruhige Jacke» ein Film über einen Autisten in den Deutschschweizer Kinos. «Unter Wasser atmen» über den blinden und gelähmten Professor Nils Jent hat den Publikumspreis am Zurich Film Festival (ZFF) gewonnen. Weshalb?
Das ist Zufall. Wir haben unsere Filme nicht abgesprochen. Die Filme ergänzen sich aber auf eine sehr schöne Art und haben viele Gemeinsamkeiten. Das Faszinierende an Menschen mit einer Behinderung ist, dass sie einen mit den eigenen Behinderungen konfrontieren. Indem sie uns zeigen, wie sie mit ihrer Behinderung umgehen, müssen wir beschämt feststellen, wie aufgeschmissen wir sind, wenn wir uns bloss einen Finger brechen oder den Knöchel verstauchen. Der Begriff der Normalität wird dadurch stark relativiert.

Sie waren vor ein paar Jahren von einer Depression betroffen.
Ja. In meiner Depression vor 14 Jahren war ich in höchstem Masse behindert, einfach auf eine andere, für mich erschreckende Art. Wenn man zwar sein Bewusstsein, aber gleichzeitig seine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle hat und jede Hoffnung an das Leben verloren hat, ist man in sich gefangen. Vielleicht habe ich mir da ein Sensorium angeeignet für Fragen, was gesund ist und was normal.

Beim Namen Rolf Lyssy denkt man sofort an «Die Schweizermacher», den bis heute erfolgreichsten Schweizer Film, der voller Ironie und Satire ist. Ein Widerspruch?
In einer guten Filmkomödie berühren sich Tragik und Komik. Eine qualitativ gute Komik hat ein tragisches Element in sich. Ein herzhaftes Lachen kann nahe beim herzhaften Weinen sein. Das erklärt, weshalb auch Menschen mit Sinn für Humor und Freude am Leben einen schweren Tiefpunkt erleben können.

War der Erfolgsdruck nach «Die Schweizermacher» ein Auslöser für Ihre Depression?
Es sind immer mehrere Gründe, die zu einer Krise führen. Ich bin durch das Nichtzustandekommen eines Spielfilms in die Depression geraten. Statt des Films ist ein Buch entstanden, «Swiss Paradise» (siehe Box). Darin gehe ich der Frage nach, wie es so weit kommen konnte. Seither habe ich nur noch Dokumentarfilme gemacht und mich anderen Themen zugewandt.

Drehen Sie keine Spielfilme mehr?
Doch, ich arbeite momentan mit meinem Drehbuchautor an einem Spielfilmprojekt, das wir diesen Herbst zu realisieren versuchen. Er hat mich zum Spielfilm zurückgebracht. Wie bei jedem Film ist es auch hier ein Kampf um das Geld. Das war mitunter ein Element meiner Depression. Diese Zermürbung, immer wieder diese Auseinandersetzungen, Kränkungen, Ablehnungen, 30 Jahre lang. Teilweise habe ich abgelehnte Filme dennoch realisiert und nachträglich Bestätigung dafür erhalten. Beim nächsten Film ging jedoch alles wieder von vorne los.

Woher nehmen Sie die Motivation, Projekte wie dasjenige über Ursula anzupacken, die nicht nach einem Kassenschlager aussehen?
Warten wir ab, vielleicht werden wir ja noch überrascht. Damals bei «Ursula – Oder das unwerte Leben» hat kein Verleih den Film gewollt. Daraufhin bin ich durch die gesamte Schweiz gereist und habe den Film an Kinos vermietet. Dann passierte das Unglaubliche, und es schauten sich unzählige Menschen den Film an, die noch nie zuvor einen Fuss in einen Kinosaal gesetzt hatten.

Hoffen Sie auf einen Erfolg wie in «Die Schweizermacher»?
Nein, der ist einfach eingetreten. Es ist grossartig, dass mir das passiert ist. Klar, wünsche ich mir viele Zuschauer, aber das kann ich nicht steuern. Mein Motiv ist, dass die Leute nicht das Gefühl haben, sie hätten bei meinen Filmen Zeit vertrödelt, sondern dass sie noch lange über den Film nachdenken. Das gibt mir eine grosse Befriedigung.

Hat denn die Ironie, die Sie auszeichnet, heute auch noch Platz in Ihren Filmen?
Ja sicher. An den bisherigen Vorführungen von «Ursula – Leben im Anderswo» wurde viel gelacht. Das hat vor allem mit der Selbstironie und dem trockenen Humor von Ursulas Pflegemutter zu tun. Es befreit, wenn man in einem Film wie diesem lachen kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.01.2012, 12:38 Uhr

Rolf Lyssy (75) ist Regisseur und lebt in Zürich. Sein bekanntester Film ist «Die Schweizermacher», der bis heute als erfolgreichster Schweizer Film gilt. Am Donnerstag startet sein neuster Dokufilm «Ursula – Leben im Anderswo» in den Deutschschweizer Kinos.

Trailer «Ursula – Leben im Anderswo»

«Ursula – Leben im Anderswo»

Die 60-jährige Ursula Bodmer hört nichts und sieht nichts. Als kleines Mädchen wurde sie in ein Heim abgeschoben – bis die Zürcher Heilpädagogin Anita Utzinger (80) sich ihrer annahm. Rolf Lyssy hat die beiden bereits Mitte der Sechzigerjahre kennen gelernt. In seinem Film begleitet er die beiden im Alltag und sucht nach Antworten aus dem Anderswo. Ein Film, in dem es auch viel zu lachen gibt.

Rolf Lyssy: Swiss Paradise. Ein autobiografischer Bericht. Rüffer und Rub Sachbuchverlag, Zürich 2001.

Die Schweizermacher

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