Interview

«Ich wollte nie eine Freakshow»

Eine Auszeit in einem abgelegenen Ort – davon träumen viele. Aber wohl kaum von einem Unort wie Darwin am Rande des Death Valley. Nick Brandestinis ausgezeichneter Dokufilm läuft ab Donnerstag im Kino.

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Darwin ist ein absoluter Unort mitten im Nirgendwo am Rande des Death Valley. Am Zurich Film Festival wurde «Darwin» als bester deutschsprachiger Dokumentarfilm ausgezeichnet. Was fasziniert die Leute bloss daran?
Viele haben vielleicht schon selber so einen Ort gesehen und sich gefragt, was das wohl für Menschen sind, die dort leben können. Das jedenfalls war mein Anreiz, diesen Film zu drehen. Viele stellen sich jedoch etwas völlig Falsches vor.

Was denn?
Viele denken, diese Leute seien Freaks. Klar, sie sind ein wenig speziell, sonst würden sie nicht dort leben. Aber dennoch kann man sich mit ihnen identifizieren.

Tatsächlich? Ist es nicht eher Schaulust?
Ich wollte nie eine Freakshow, im Gegenteil. Ich wollte die Menschen so zeigen, wie sie sind. Bei der Postbeamtin Susan zum Beispiel kann man am Anfang an nichts anderes denken, als dass sie ziemlich sicher ein Drogenproblem hat oder zumindest hatte, weil sie so seltsam spricht und komische Handbewegungen macht. Sobald sie jedoch offen ihre Geschichte erzählt, fühlt man mit und sieht darüber hinweg. Klar hätte ich mit dem entsprechenden Schnitt auch eine andere Seite zeigen können. Es gibt etwa viel Getratsche im Ort. Das wollte ich jedoch nicht in den Vordergrund stellen. Die Leute sind auch sympathisch, humorvoll und sicher keine Idioten.

Viele Menschen träumen mal von einer Auszeit an einem abgelegenen Ort. Vielleicht irgendwo auf einer Insel oder auf einer schönen Alp. Darwin wäre eigentlich genau so ein Ort und doch will wohl niemand hin.
Es gibt Zuschauer, die nach dem Film sagen: «Da will ich unbedingt hin.» Andere finden den Ort zwar faszinierend, würden jedoch niemals auch nur eine Stunde dort verbringen wollen. Darwin hat aber auch seinen Charme mit dieser kargen, trockenen Weite, die wir in der Schweiz nicht kennen.

Diese karge Natur scheint zum beinahe toten Ort zu passen. Eine Frau im Film sagt, dass man Kinder schützen müsse, um die Zukunft zu sichern, um dann anzufügen, es gebe keine Kinder in Darwin.
Viele sagen, der Ort sei am Aussterben. Dabei müsste er schon lange tot sein. 1875 bis 1880, in der Hochkonjunktur der Silberminen, haben in Darwin 3500 Leute gelebt. Seit dem Ende des Booms ist der Ort völlig verlassen und gleichzeitig immer noch da. Zwischen 10 und 50 Bewohner haben immer dort gelebt. Es wird immer Menschen geben, die hierherkommen, obwohl gewisse Dinge nur schlecht funktionieren wie die Wasserversorgung oder das Internet. Die Leute hier haben nur das Telefon und Strom. Inzwischen wurde auch noch die Poststelle gestrichen…

…und damit der letzte Job in Darwin. Wovon leben die Menschen dort?
Hauptsächlich von Arbeitslosengeldern. Ein Ehepaar versucht, Touren anzubieten. Aber das ist eher ein Hobby, weil es keine Nachfrage gibt. Einen klassischen Job wie bei uns hat niemand.

Sieht der Sinn des Lebens in Darwin anders aus? Was ist die Motivation?
Ich hatte nicht einen depressiven Eindruck von den Leuten. Viele sehen zwar sehr viel fern, aber andere gehen oft in die Natur, machen Wanderungen und sind aktiv. Es hat auch Künstler dort.

Wie weit ist es zum nächsten grösseren Ort?
Etwa 2,5 Autostunden von Darwin entfernt liegt Ridgecrest, ein trister Ort mit ein paar langweiligen Häusern und Einkaufsmöglichkeiten. In der Nähe liegt auch eine Militärbasis, dort, wo das Militär seine Übungen absolviert und Bagdad nachgebaut hat. Es gibt noch einen anderen Ort etwa eine Stunde von Darwin entfernt, einen Durchgangsort für Touristen, die ins Death Valley wollen. Dorthin gehen die Leute aus Darwin jedoch nie, weil es zu teuer für sie ist.

Wie sind Sie auf Darwin gekommen?
Es gibt ja unzählige solcher Geisterstädte in den USA. Im Internet habe ich nach einem geeigneten Ort gesucht. Darwin bietet abgesehen vom Namen mehrere spannende Geschichten mit den Minen, der Wasserknappheit und der Militärbasis.

Wie sind Sie an die Leute herangekommen?
Es gibt eine inoffizielle Bürgermeisterin. Sie ist ein Alt-Hippie und war quasi meine Ansprechperson. Die Leute konnten anfangs überhaupt nicht begreifen, warum jemand einen Film über sie drehen will, waren aber dennoch interessiert. Als Erstes wurde ich an eine wilde Hippie-Party eingeladen, ich durfte aber nicht filmen. Langsam fand ich den Zugang. Ich war extrem vorsichtig und wollte die Leute nicht überrumpeln. Ich wusste, dass sie teilweise heikle Geschichten in der Vergangenheit erlebt haben, Gefängnis, Familiendramen und so weiter. Insgesamt fünfmal war ich in Darwin. Die ersten drei Male waren harmlos, oberflächlich. Ich spürte gleichzeitig, dass die Leute ihre Geschichten loswerden wollten. Teilweise wurde es sehr emotional.

Was ist heute mit Darwin?
Ich war nur noch einmal dort, um den Bewohnern den Film zu zeigen. Alle waren sehr zufrieden, und sie haben genauso gelacht wie alle anderen Zuschauer. Der Film macht sich nicht lustig über die Leute, sondern zeigt skurrile Szenen. Als Ferienort würde ich Darwin aber nicht empfehlen. Es ist kein Ort zum Erholen mit seinen heruntergekommenen Autos und Baracken. Darwin wirkt traurig, hat aber auch etwas Faszinierendes und Reizvolles mit seiner Vergangenheit. Ich glaube, es wird immer Menschen in Darwin geben.

Erstellt: 25.04.2012, 14:16 Uhr

Nick Brandestini ist Filmemacher aus Zürich. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität Zürich. «Darwin» ist sein erster Langdokumentarfilm. Er lief an mehreren internationalen Filmfestivals und gewann Jury- und Publikumspreise. Zudem wurde «Darwin» im Rahmen vom Docuweeks Theatrical Documentary Showcase in New York und Los Angeles im Kino gezeigt.

Trailer zu «Darwin»

Infobox

«Darwin» läuft ab Donnerstag, 26. April im Filmpodium Zürich.

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