Analyse

Ihr Körper ist politisch

Die Karriere von Angelina Jolie ist gekennzeichnet durch vollen Einsatz. Die Schauspielerin kämpft mit Armen, Beinen, Lippen. Und ihren Brüsten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schock gestern, der sass. Oder zumindest die Verblüffung. Denn Angelina Jolies Körper, den hatten wir doch bis jetzt für unversehrbar gehalten. Jolie war im öffentlichen Bewusstsein eine Überlagerung von Filmfiguren, medialer Projektionen und einem Leben, so reich und gross, als sei es nicht echt, sondern Fiktion. Und sie selbst schien mehr ein prächtiges Insekt von einem fernen Stern als ein Mensch zu sein.

Angelina Jolie, das war Lara Croft («Lara Croft»), Mrs. Smith («Mr. & Mrs. Smith») und die Doppelagentin Salt («Salt»). Das war die Frau, die ihre Stunts selbst machte, wann immer es ging, die offensive Sexbombe, aber auch die Grande Dame an der Seite von Brad Pitt, die Übermutter ihrer vielen Kinder, die bestverdienende Frau Hollywoods (jedenfalls 2009 und 2011), aber auch der gute Mensch von Hollywood, mit einem humanitären Engagement, so intensiv, dass einem immer ganz sturm im Kopf wurde, wenn man versuchte, ihre Reiseroute im Blick zu behalten.

Und natürlich ist sie auch Regisseurin. Erst letztes Jahr hat sie ihren ersten Spielfilm herausgebracht, «In the Land of Blood and Honey»; er lief fast nur auf Festivals, aber das war ihr egal, es ging ihr nicht um Eitelkeit, sondern um den Völkermord in Bosnien, es war ein gewaltiger Film über Gewalt, manchmal war er sogar gut, vor allem aber war er laut, wuchtig, emotional, alles in Übergrösse, alles total drastisch, wie Angelina Jolie selbst.

Angelina Jolie: Ihr Name - hübsches Engelmädchen - ist die barste Untertreibung. Erstens war sie noch nie ein Engel. Zweitens ist sie schön, viele sagen, sie sei der schönste Mensch der Welt. Ihr Körper ist ein Grossteil ihres Kapitals. Und ihrer Skandale. Schon immer wusste sie diesen Körper einzusetzen, als Statement oder als Symbol. Auch jetzt. Oder: jetzt erst recht.

Gerechtigkeit für alle

In ihrem Körper, dem jetzt etwas fehlt und der jetzt nicht mehr so vollkommen ist, konzentriert sich nun, was Angelina Jolie in den letzten Jahren auf die Schauplätze Film, Politik und Charity verlagert hatte: der Kampf. Es ist zunächst der Kampf gegen den drohenden persönlichen Krebs, es ist aber auch der Kampf für eine bessere Gesundheitsvorsorge. Und mit Garantie wird es auch noch zum Kampf für ein besseres Gesundheitssystem in den USA werden.

Schon jetzt melden sich auf Internetforen nämlich Menschen, die sagen, es sei ungerecht: Eine Superreiche wie Angelina Jolie könne sich jede Art der Krebsvorsorge leisten, eine normale Amerikanerin hingegen nicht. Die Jolie wird dies nicht lange auf sich sitzen lassen, schliesslich will sie Gerechtigkeit für alle, schliesslich denkt sie gross. Am Ende wird sie noch zu Obamas bestem Argument in Sachen Gesundheitsreform, wer weiss.

Aber schauen wir sie uns noch einmal an, die Körpergeschichte der Angelina Jolie. Mit 14 begann sie sich zu ritzen, aber auch zu modeln. Mit 20 hatte sie, in ihren eigenen Worten, «jede mögliche Droge» ausprobiert, auch Heroin. Auch später konsumierte sie gemeinsam mit ihrem ersten Mann, dem britischen «Trainspotting»-Schauspieler Jonny Lee Miller, viele, viele Drogen und liess sich Tattoos stechen. In ihren Filmen spielte sie Drogensüchtige, Aidskranke, bipolar Gestörte. Als sie 2000 ihren Oscar für «Girl, Interrupted» gewann, küsste sie ihren ebenfalls nicht unattraktiven Bruder James vor allen Kameras auf den Mund, und zwar erotisch. Die Welt erschauerte angenehm skandalisiert. War das etwa Inzest?

Es folgte ihre exzentrische Ehe mit Billy Bob Thornton (2000-2003): Die beiden wohnten im Haus des ehemaligen Guns-N’-Roses-Gitarristen Slash und waren sex- und, wenn man das so sagen kann, blutsüchtig. Sie trugen kleine Phiolen mit dem Blut des andern um den Hals, und über dem Ehebett prangten, mit Angelinas Blut geschrieben, die Worte: «To the end of time». Alle paar Wochen liessen sie sich erneut von einem Priester trauen, so gross war der Wahnsinn ihrer Liebe.

Nichts als Respekt

2001 wurde sie Lara Croft und fand zu ihrer Berufung: Sie spielte nicht mehr die Frau, die ihren Körper und ihre Seele zerstörte, also nicht mehr sich selbst. Nein, sie wurde zur unversehrbaren Superheldin. Lara Croft war stark, schön und betrieb Action statt Autoaggression. Dass Lara Croft für das Merchandising die Brüste per Photoshop vergrössert wurden und dass ein Gewehr zwischen ihren Beinen hervorzielte, das ärgerte Angelina Jolie damals masslos. Aber Lara Croft war die Wende: Mit ihr wurde Angelina Jolie unbesiegbar. Und die «Lara Croft»-Dreharbeiten in Kambodscha erweckten erst noch ihre humanitäre Ader. Angelina Jolie wollte fortan Gutes tun.

2005 wurde sie die Mrs. Smith von Brad Pitts Mr., im Film wie im Leben. Seither lieben sich die beiden und betreiben ein grosses Familienunternehmen. Und Brad Pitt ist weder drogensüchtig, blutsverwandt, noch zeigt er sonstige perverse Anwandlungen. Irgendwann wollen sie auch heiraten, aber erst, wenn sich die Sache mit der Homoehe in den USA richtig durchgesetzt hat. Sie wollen ja nicht egozentrisch erscheinen. Die eigene Sache steht immer im Dienst einer grösseren. Und der eigene Körper, das zeigt Angelina dieser Tage, also ihr Körper, der schon längst der Öffentlichkeit gehört, hat auch eine politische Aufgabe. Etwas anderes würde zur Frau mit dem radikalen Körpereinsatz auch gar nicht passen. Dafür gebührt ihr nichts als Respekt.

Erstellt: 15.05.2013, 07:57 Uhr

Artikel zum Thema

Jolie fühlt sich nach Brustamputation «nicht weniger Frau» als vorher

Die US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich vorsorglich beide Brüste abnehmen lassen – aus Angst vor Krebs. In einem Beitrag für die «New York Times» schildert sie die medizinische Behandlung detailliert. Mehr...

«Sie bricht mit einem Tabu»

Interview Angelina Jolie hat sich wegen eines erhöhten Krebsrisikos die Brüste amputieren lassen. Die Gynäkologin Eliane Sarasin Ricklin über die Gründe und Folgen einer solchen Operation. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...