Im Kino labern die Männer

2019 entfielen nur gerade 34 Prozent des Sprechanteils auf Frauen. Warum trotzdem von einem «Jahr des Wandels» die Rede ist.

Ein Beispiel fürs Kumpel-Fest namens Filmindustrie? Die besten Buddies Rick (Leonardo DiCaprio) und Cliff (Brad Pitt) in «Once Upon a Time ... in Hollywood» von Quentin Tarantino. Bild: Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Ein Beispiel fürs Kumpel-Fest namens Filmindustrie? Die besten Buddies Rick (Leonardo DiCaprio) und Cliff (Brad Pitt) in «Once Upon a Time ... in Hollywood» von Quentin Tarantino. Bild: Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

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Sieben Wörter. Mehr Text musste Anna Paquin für ihre Rolle in «The Irishman» von Martin Scorsese nicht lernen. «Why? Why? Why haven't you called Jo?», das war schon alles. In dem dreieinhalbstündigen Drama ist es die einzige Äusserung, die Peggy an ihren von Robert De Niro gespielten Vater und Mafia-Mörder Frank Sheeran richtet.

Im Kino labern die Männer, diesen Eindruck belegt eine Studie des Center for the Study of Women in Television and Film an der Universität San Diego. 2019 lag der Redeanteil von Frauen in den 100 erfolgreichsten Filmen in den USA bei 34 Prozent, der von Männern bei 66 Prozent. Das heisst, zentrale Figuren in Kinofilmen werden doppelt so häufig mit Männern als mit Frauen besetzt.

Zu den Top-Filmen 2019 gehören Oscar-Favoriten wie «Joker» oder «Once Upon a Time … in Hollywood». In «Joker» erweisen sich die Szenen mit der nennenswertesten weiblichen Figur – Vorsicht, Spoiler – als Hirngespinst des Clowns Arthur Fleck. Die Hollywood-Hommage von Quentin Tarantino stand direkt nach der Cannes-Premiere in der Kritik: Margot Robbie habe darin als Sharon Tate ja gar nichts zu sagen, sondern sehe einfach schön aus. «Eine Barbiepuppe», schrieb der «New Yorker».

Sie sei halt eine «engelhafte Präsenz», antwortete Tarantino später eher gereizt auf den Vorwurf. Anna Paquin reagierte auf den Shitstorm bezüglich ihres Auftritts in «The Irishman» auf Twitter: Es freue sie zwar, wenn die Leute in ihrem Namen kämpfen würden, aber notwendig sei das nicht. Sie sei einfach unglaublich glücklich gewesen, mitwirken zu können.

Sieben Wörter Text: Anna Paquin als Mafioso-Tochter in «The Irishman». Bild: Netflix

Kritik kommt in der Debatte um den geringen Redeanteil von weiblichen Charakteren im Kino auch von anderer Seite. Es sei falsch, den inneren Reichtum einer Figur auf die Anzahl ihrer Textzeilen zu reduzieren. Gerade im Kino, wo die Kamera Gedanken lesen könne und Blicke töten könnten, wirke der Sexismusvorwurf reichlich simpel. Eine Gruppe von Leuten führe ihre «wokeness» auf, indem sie alles Mögliche zum Kumpel-Fest stemple, schreibt zum Beispiel die Kritikerin Laura Bogart.

Im Gegensatz zu den Verbrecherdialogen in «The Irishman» vergisst man die Auftritte von Anna Paquin jedenfalls nicht. Wir sehen Peggy immer wieder, wie sie stumm ihren Vater anschaut; anders als viele andere weiss sie, was er tut, und sie spürt, wie er ihr immer fremder wird dabei, weshalb ihr Blick ihr Macht gibt über ihn. Mehr muss man nicht sagen.

Trotzdem: «The Irishman» ist auch einer der Favoriten der 92. Oscar-Verleihung diesen Sonntag, und da droht ein Abend der erschöpften Filmmänner. «The Irishman» schickt Mafiosi ins Altersheim, «Once Upon a Time … in Hollywood» erzählt von einem abgehalfterten Schauspieler, «Joker» von einem Verstossenen, und im Sam Mendes’ Erster-Weltkrieg-Hindernisparcours «1917» ist sowieso alles anstrengend. Einzige Frauenfigur darin ist eine französische Zivilistin, die sich um ein Baby kümmert.

Dabei hat die Studie der Universität San Diego auch einen historischen Rekord feststellen können: Der Anteil von Filmheldinnen in den 100 Top-Titeln von 2019 betrug 40 Prozent. 2015 war er noch halb so hoch.

Differenzierter wird das Bild, wenn man hinter die Kamera schaut. Von allen Regisseuren, Autoren, Produzenten, Cuttern und Kameraleuten waren im letzten Jahr 20 Prozent Frauen; der Anteil ist leicht gestiegen. Bei Regie und Kamera haben sie aber weiterhin kaum etwas zu sagen. Immerhin stellt die Annenberg Inclusion Initiative der University of Southern California in einer neuen Studie fest, dass zwischen 2007 und 2019 noch nie so viele Frauen bei Kassenerfolgen Regie geführt haben wie letztes Jahr, insgesamt waren es 11 Prozent (2018: 5 Prozent). Die Rede ist sogar von einem «Jahr des Wandels».

Auf der Spur einer engelhaften Gestalt: Margot Robbie in «Once Upon a Time ... in Hollywood». Bild: Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

In der Doku «Half the Picture» über die Untervertretung von Frauen in Hollywood benennt die US-Regisseurin Ava DuVernay («Selma») das Problem: «Filme beginnen im Kopf von jemandem. Sie sind die Vision eines Autors, und während vieler Jahre haben wir ausschliesslich Geschichten gesehen, die eigentlich immer derselbe Typ Mann gedreht hat.»

Es komme darauf an, weibliche Perspektiven auf der Leinwand zu spiegeln. Schliesslich geht auch ein Kinoheld im Stadium fortgeschrittener Entkräftung noch von einem Ideal maskuliner Stärke aus. Was es heisst, ein Anführer zu sein, das ist im Hollywoodkino an Vorstellungen von Männlichkeit gebunden.

Frauen nehmen auch Frauen anders wahr, das zeigt die Statistik: Regisseurinnen stellen deutlich öfter Autorinnen ein als Regisseure. Filme, für die mindestens eine Regisseurin oder eine Autorin engagiert ist, erzählen doppelt so häufig von Heldinnen, als das bei Projekten von mehrheitlich männlichen Teams der Fall ist.

Was die Redezeit angeht, gilt vielleicht erst einmal dieses Fazit: Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn Frauen in Filmen genauso viel Schwachsinn erzählen dürfen wie Männer.

Erstellt: 07.02.2020, 11:29 Uhr

Das erwarten wir von den Oscars

Die Ausgangslage verspricht einiges – oder in Zahlen ausgedrückt: Todd Phillips‘ «Joker» liegt mit 11 Oscarnominationen knapp vor «1917» (Sam Mendes), «The Irishman» (Martin Scorsese) und «Once Upon a Time… in Hollywood» (Quentin Tarantino) mit je 10 Nominationen. Doch wer macht das Rennen um den besten Film?

Unsere Prognose: Der Box-Office-Erfolg «Joker» findet bei den konservativen Oscarwählern zu wenig Konsens, beim Namen Netflix («The Irishman», «Marriage Story») rümpfen noch zu viele Mitglieder die Nase. Sie wählen lieber den formal starken Kriegsfilm «1917», ein Genre, das bei Oscarverleihungen traditionell gut ankommt. Weil «1917»-Regisseur Sam Mendes jedoch Engländer ist und bereits einen Regie-Oscar (für «American Beauty», 2000) hat, könnte Quentin Tarantino («Once Upon a Time…») endlich den Preis als «Best Director» erhalten. Es sei denn,...

Phoenix, Pitt, Zellweger, Dern

Bei den Darstellerpreisen scheint die Sache klarer: An Joaquin Phoenix («Joker») ist bei den männlichen Hauptrollen kein Vorbeikommen, und auch Brad Pitt («Once Upon a Time…», Nebenrolle) dürfte seinen ersten Schauspiel-Oscar auf sicher haben. Bei den Darstellerinnen sind Renée Zellweger («Judy», Hauptrolle) und Laura Dern («Marriage Story», Nebenrolle) in der Pole-Position. Aber Achtung: Letztes Jahr galt Glenn Close («The Wife») als haushohe Favoritin für die beste weibliche Hauptrolle, der Preis ging dann aber an Olivia Colman («The Favourite»).

Überraschungen gehören bei den Oscars dazu wie... der Gastgeber? Fehlanzeige. Wie im Vorjahr fehlt ein Host, der durch den Abend führt. An Star-Präsentatoren wird es indes nicht mangeln. Und die spannendste Frage ist ja vielleicht, wie viele Trophäen der koreanische Cannes-Sieger «Parasite» (6 Nominationen) abräumen wird. Bleibt es bei der ziemlich sicheren Auszeichnung für den Besten Internationalen Film – oder wird Bong Joon-ho gar zum besten Regisseur gekürt? (zas)

Oscarshow: Sonntag, 9. Februar, 0.30 Uhr, SRF 2

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