Im Youtube-Video zeigte er ihre Nacktbilder

Ihr Ex-Liebhaber setzte alles daran, Nicole Behrs Leben übers Internet zu zerstören. Wie verheerend Cyberstalking sein kann, zeigt ein neuer Film.

Cyberstalking: Die Verfolgung findet über soziale Medien auch in der Öffentlichkeit statt. Bild: Cynthia Lowen

Cyberstalking: Die Verfolgung findet über soziale Medien auch in der Öffentlichkeit statt. Bild: Cynthia Lowen

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Manchmal hat Nicole Behr noch Backflashes. Wenn sie dort vorbeifährt, wo er früher wohnte, flackert dieses lähmende Gefühl wieder auf: dass das Leben, wie sie es kannte, für immer vorbei ist. Behr ist eine 38-jährige Marketingspezialistin, erfolgreich im Beruf, eine geradlinige Frau mit optimistischem Naturell. Ihr Optimismus hat die monatelangen Versuche ihres Ex-Freundes, sie mit Cyberstalking fertigzumachen, beinahe unbeschadet überstanden.

Damals schaltete sie auf Selbstschutz: Ist nicht so schlimm, sagte sie sich, auch wenn sie aus Angst vor ihm wochenlang nicht mehr zu Hause schlief. Nicht so schlimm, sagte sie sich, wenn er mit seinem Telefonterror auch ihre Arbeitskollegen verrückt machte. Er wollte sie zerstören, und diese Genugtuung wollte sie ihm nicht geben. Manchmal denkt sie, dass sie sich erst jetzt erlaubt, zu realisieren, was eigentlich passiert ist.

Tiefe Hemmschwellen

Cyberstalking heisst der Sammelbegriff für all die unheimlichen Dinge, die dank Digitali­sierung so einfach geworden sind: Ausspionieren, Kontrollieren, Verfolgen, Verleumden, Bedrohen und Belästigen über soziale Netzwerke wie Facebook, Whatsapp oder andere, Identitätsklau, Videos und Websites mit Diffamierungen erstellen, massenhaftes Versenden von Nachrichten via E-Mail.

Das kann durch Einzelpersonen geschehen oder durch ganze Mobs, wie im Fall des Journalisten Richard Gutjahr. Jahrelang kämpfte er gegen Verschwörungstheoretiker, die ihn und seine Familie im Netz verfolgten und bedrohten – und wurde von den Strafverfolgungsbehörden von einer Stelle zur nächsten verwiesen.

In der Schweiz wird jeder zwanzigste Mann und jede sechste Frau mindestens einmal im Leben gestalkt. Auch von Cyberstalking sind beide Geschlechter betroffen, doch für Frauen bedeutet es fast immer auch ein Angriff auf ihre sexuelle Integrität. Die Hemmschwelle ist im digitalen Raum besonders tief, und die Täter sind besonders zerstörungswütig und hartnäckig. Und das nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit.

Wie geschickt und hartnäckig die Täter sind und welche immensen Schäden sie anrichten können, weiss niemand besser als die Filmemacherin Cynthia Lowen. Vier Jahre hat sie zum Thema recherchiert, Resultat ist der Dokumentarfilm «Netizens», der am Zurich Film Festival gezeigt wird. «Netizens» porträtiert drei Frauen, die alle im Internet gestalkt wurden und von ihren Erfahrungen erzählen. Heute weiss Lowen auch, dass das Phänomen weltweit und in allen denkbaren Kulturen verbreitet ist.

Trailer zu «Netizens». Video: Train of Thought Productions

Ob sie ihren Film in Moskau, New York, Delhi oder Zürich zeigt, die Reaktionen gleichen sich. «Überall kämpfen die Opfer mit denselben Hindernissen, wenn sie sich wehren wollen», so Lowen. Sie zeigt auf, wie perfid Cyberstalker vorgehen, welche Schäden sie hinterlassen und vor allem, wie häufig Opfer nicht ernst genommen werden. «Oft heisst es: So ist eben das Internet», sagt Lowen dazu. «Impliziert wird damit: Wenn du als Frau eine Online-Existenz haben willst, musst du das in Kauf nehmen.» Nur ist dies in einer Welt, in der jeder Lebensaspekt auch eine Online-Komponente hat, keine Option.

Abweisende Internetdienste

Bei Behr begann der Terror nach einer einvernehmlichen Auflösung einer kurzen Affäre. In den Wochen danach vermutete Behr eine mögliche Schwangerschaft und informierte ihren Ex. Es folgte ein zweijähriges Martyrium für Behr, das vor Gericht endete. Ihr Ex verfolgte sie, schrieb tonnenweise E-Mails, Nachrichten auf Whatsapp und SMS, lauerte ihr zu Hause und im Büro auf, erstellte Facebook-Profile, auf denen er die «Wahrheit über Nicole Behr» verkünden wollte, Youtube-Filme, auf denen er sie als läufige Hündin bezeichnete. «Da war alles drin: Wo ich wohne, wie ich heisse, wer ich bin», erzählt sie.

Behr hatte Glück. Ihr Umfeld unterstützte sie tatkräftig, die Chefin zeigte viel Verständnis und machte sie nicht für das Verhalten des Stalkers verantwortlich – auch wenn Behr in dieser Zeit kaum mehr leistungsfähig war. Anders eine Therapeutin, die sie wegen Panikattacken aufzusuchen begann und die wiederholt nach Behrs Anteil an der Situation fragte.

Behr hat auch gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht, die sie von Anfang an ernst nahm. Bei den Anbietern fand sie weniger Gehör. Google, Facebook und Dropbox reagierten gar nicht auf ihre Beschwerden, Youtube sperrte ein Diffamierungsvideo erst, nachdem man das Portal auf die darin enthaltenen Nacktbilder aufmerksam gemacht hatte. Einzig das Berufsnetzwerk Xing reagierte schnell und kompromisslos und sperrte den Stalker.

Verleumdungen übers Internet: Tina wurde entlassen und fand danach lange keinen Job mehr. Bild: Cynthia Lowen

So gering der Aufwand für die Stalker ist, das Schadenpotenzial ist enorm: Betroffene erleiden fast immer Angstzustände und Depressionen und müssen psychologische Hilfe beanspruchen. Oft müssen sie auch mit weitreichenden sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen leben: Freundschaften und Karrieren werden zerstört, manchmal die ganze berufliche Zukunft, wie der Film «Netizens» eindrücklich zeigt.

Tina Reine war eine beruflich erfolgreiche Geschäftsfrau, bis ihr Ex-Freund ihre Reputation via Internet zu zerstören versuchte. Mit Erfolg: Man entliess Reine, danach fand sie lange keinen Job mehr. «Es nimmt dir deine Menschlichkeit», sagt sie zu ihrer Stalking-Erfahrung. Doch Gegenwehr ist schwierig: Geht man juristisch gegen die Stalker vor, sind die Ermittlungen auch im besten Fall lange und aufwendig zu führen. Und selbst wenn man vor Gericht gewinnt, können die Täter immer wieder zuschlagen.

Nicht alle wissen Bescheid

Filmemacherin Lowen kämpft mit ihrem Film in erster Linie dafür, dass das Problem endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient: In der Bevölkerung, bei der Strafverfolgung, aber auch bei den beteiligten Plattformen wie Google oder Facebook gebe es grosses Interesse, sagt sie. In der Schweiz gibt es seit Jahren Bemühungen, einen spezifischen Straftatbestand gegen Stalking zu schaffen, was der Bundesrat ablehnt, da die bestehenden Gesetze und Anlaufstellen genügten. Auch eine zentrale Meldestelle für Cyberstalking lehnt er ab, es gebe bereits entsprechende nationale Koordinationsstellen zur Bekämpfung von Cyberkriminalität und Cyberstalking.

Ansonsten liege der Ball bei den kantonalen Strafverfolgungsbehörden. Oft ist es eine Frage des Zufalls, ob man bei den Strafverfolgungsbehörden auf Personen trifft, die sich über die Schwere solcher Angriffe im Klaren sind. Oder ob es heisst: So ist halt das Internet.

Behr machte instinktiv alles richtig. Von Beginn weg führte sie ein Tagebuch, in dem sie die Belästigungen ihres Stalkers ­notierte und dokumentierte. Sie vermied jeden Kontakt mit ihm, erstattete Anzeige. Sie informierte ihre Freunde, ihr Arbeitsumfeld darüber, was im Gang war. Sie nahm sich einen Anwalt und stand die zwei Jahre von der Anklage bis zum Prozess und der Verurteilung ihres Peinigers durch. Sie suchte zahlreiche Beratungsstellen auf, machte eine Therapie, lernte, ihre Angst zu bewältigen. Heute geht es ihr gut, gerade ist sie befördert worden. Nur manchmal, wenn sie an seiner Strasse vorbeifährt, schaudert es sie noch. Aber zumindest weiss sie heute: Sie ist bereit.

Die Vorführungen am ZFF: 29.9., 17.45 Uhr / 6.10., 14.30 Uhr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 16:24 Uhr

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