Kino

Im eigenen Film

Mit dem Buch «Eisenvogel» ist Yangzom Brauen ein Bestseller gelungen. Nun tritt die Berner Schauspielerin in «Escape from Tibet» erstmals als Tibeterin auf.

«Nur einen Job zu verfolgen, ist sehr schweizerisch, in Amerika ist es ganz normal verschiedene Projekte parallel am Laufen zu haben», sagt Yangzom Brauen.

«Nur einen Job zu verfolgen, ist sehr schweizerisch, in Amerika ist es ganz normal verschiedene Projekte parallel am Laufen zu haben», sagt Yangzom Brauen. Bild: Valérie Chételat

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Bei Castings geht sie als Al-Kaida-Kämpferin durch und als russische Agentin, als japanische Wissenschaftlerin, italienische Beauty und Schweizer Arztgehilfin. Jetzt spielt Yangzom Brauen, die Berner Schauspielerin mit tibetischen Wurzeln, zum ersten Mal eine Tibeterin. «Eine grossartige Erfahrung, endlich konnte ich in einem Film Tibetisch reden», sagt die junge Frau, deren Mutter und Grossmutter Ende der 1950er-Jahren aus dem besetzten Tibet nach Indien geflüchtet sind.

Die Rolle der zu allem entschlossenen Frau

In der deutsch-schweizerischen Produktion «Escape form Tibet» der österreichischen Filmemacherin Maria Blumencron spielt Yangzom Brauen eine junge Frau, die mit ihren Kindern über das Himalajagebirge nach Nepal flieht und dabei entsetzlichen Strapazen ausgesetzt ist. Die schweigsame Mutter trägt gleichzeitig ein dunkles Geheimnis mit sich. Sie hat einen chinesischen Polizisten erschossen, der bei ihr das Geld für die Patronen einfordern wollte, mit denen ihr Mann am nächsten Tag erschossen werden sollte. Eine Geschichte, die der Drehbuchschreiber nicht erfunden hat.

Die Rolle der zu allem entschlossenen Frau gefällt Yangzom Brauen. Als Tibet-Aktivistin macht sie immer wieder darauf aufmerksam, dass in Tibet die Menschenrechte tagtäglich verletzt werden. Damit, dass sie bei ihren Aktionen einmal verhaftet werden könnte, hatte sie allerdings nicht gerechnet, als sie einst in Moskau, wo das Olympische Komitee tagte, gegen die Vergabe der Spiele an Peking protestierte und im Gefängnis landete.

Die grosse Rolle des Glücks

Seit fünf Jahren lebt die Schauspielerin in Los Angeles. «Meine zweite Heimat», schwärmt Yangzom Brauen heute über Kalifornien. Bei ihrer Ankunft habe sie bis auf eine Architekturstudentin aus der Schweiz niemanden gekannt. «Der Start ist sehr hart gewesen, obwohl ich den Vorteil hatte, bereits ein Portfolio vorweisen zu können.» Nach dem Abschluss der Berner Schauspielschule 1999 hat Brauen in Schweizer Produktionen wie «ManneZimmer» oder «Cargo» gespielt, in der deutschen Filmszene gearbeitet und längere Zeit in Berlin gelebt.Was die ganz grosse Karriere im Filmbusiness angeht, so macht sich die 32-Jährige keine Illusionen. «Es gibt so viele gute Schauspielerinnen, die aus aller Welt nach L. A. kommen. Da spielt beim Casting das Glück eine sehr grosse Rolle.»

Ihre Auftritte an der Seite von Charlize Theron in «Æon Flux» (2006) oder in «Wild Salomé» (2011) von Al Pacino verklärt sie nicht. «Ich kenne viele Schauspieler, die mit Stars gearbeitet haben, schliesslich hat es in allen grossen Filmen auch kleine Rollen.» Brauen hat in L. A. einen Agenten und einen Manager, und zahlreich sind die Castings, wo sie vorsprechen kann. «Heute kann ich gut von meinen Filmaufträgen leben.» Lukrativ seien aber auch die Werbespots – für Volvo und Diätpulver wirbt die Schöne –, denn in Amerika klingelt jedes Mal auch für die Schauspieler die Kasse, wenn ein Spot ausgestrahlt wird.

Wochenlanges Warten

Wie man sich in Amerika am besten verkauft, musste sie zuerst noch lernen. «Cold reading» zum Beispiel, wie man in kürzester Zeit einen Text auswendig rezitieren kann, der beim Casting in die Hand gedrückt wird, der amerikanische Akzent will trainiert und die Bedeutung von Sätzen wie «I call you in a second» oder «I see you in a minute» verstanden werden. «Das bedeutet mitunter, wochenlang zu warten», sagt Yangzom Brauen.

Dem Warten auf Castings, dem Warten auf Angebote, dem Warten auf den Entdecker-Erlöser, all diesen grossen Hoffnungen, die sich bleischwer auf so manche vielversprechend gestartete Karriere legen, entzieht sich Brauen, in dem sie ihre ganz eigenen Projekte verfolgt. «Sonst ist man sehr schnell frustriert», hat sie beobachtet, «weil man als Schauspielerin ziemlich eingeschränkt und den Regisseuren ausgeliefert ist.»

Komödie über Schweizer in L. A.

Zurzeit arbeitet Yangzom Brauen, die 2009 die Web-Soap «Hallo Hollywood» realisiert hat, an einem eigenen Film, einer Komödie über zwei Schweizer in Los Angeles, die sich als Drehbuchautoren versuchen. Die Crew aus Schweizern, Deutschen und Amerikanern steht, und bereits gefunden hat sie auch private Investoren. Um Fördergelder hat sie sich nicht bemüht. «Ich will erst einen eigenen, abendfüllenden Spielfilm vorweisen können.»

Weiter zieht sie die Fäden bei einem weiteren Kinoprojekt, der Verfilmung ihres Bestsellers «Eisenvogel» (2009). «Eine grosse Kiste, ich bin am Verhandeln mit einer amerikanischen Produktionsfirma.» Die Rechte an ihren Erstling hat sie nicht verkauft, zu persönlich sei das Buch, das allein im deutschsprachigen Raum bereits über 100 000 Mal verkauft wurde. In dieser Geschichte über ihre Grossmutter, ihre Mutter und ihre eigene Jugend spiegelt sich gleichzeitig das wechselvolle Schicksal Tibets der letzten 100 Jahre. Einen Drehbuchschreiber hat die Schauspielerin engagiert, eine erste Fassung liege bereits vor, müsse aber noch überarbeitet werden. «Für die Regie interessiert sich Simon West, der Regisseur von ‹Lara Croft. Tomb Raider›», verrät Brauen.

Der britische Regisseur, der 2001 mit «Con Air» den grossen Durchbruch schaffte, möchte gerne von der Action-Schiene weg, auf der er im letzten Jahrzehnt unterwegs gewesen sei. «Er hat Lust, etwas ganz anderes zu machen.» Auch sie werde im Film auftreten. «Ich weiss aber noch nicht, ob ich meine Mutter oder meine Grossmutter spielen werde.»

Das Drama des Volkes

Vom Grosserfolg des Buchs wurde die junge Schauspielerin total überrascht. Bis heute ist «Eisenvogel» in acht Sprachen übersetzt worden, in Hongkong wird das Buch demnächst auf Chinesisch erscheinen. «Von dort aus kann es dann leicht nach Tibet und China geschmuggelt werden.»

Das Buch zu schreiben sei für sie sehr wichtig gewesen. «Obwohl meine Grossmutter im Haus meiner Eltern lebt und ich mit ihr aufgewachsen bin, habe ich plötzlich realisiert, wie wenig ich von ihrem früheren Leben weiss», sagt Yangzom Brauen. «Und es gibt nicht viele Bücher über tibetische Frauen; wegen dieser sehr persönlichen Geschichten interessieren sich nun plötzlich Leute für das Schicksal der Tibeter, die vom Drama dieses Volkes kaum eine Ahnung haben.».

Kein Visum für China

Angst, sich wegen der vielen Ideen und Projekten zu verzetteln, hat Yangzom Brauen keine. «Nur einen Job zu verfolgen, das ist sehr schweizerisch. In Amerika ist es ganz normal, verschiedene Projekte parallel am Laufen zu haben.» So spannend die Schreiberfahrung für die Schauspielerin gewesen ist, ein weiteres Buch ist derzeit nicht geplant. «Ich denke ganz stark in Bildern und in Dialogen, daher liegt mir das Drehbuchschreiben weit besser.»

Auch möchte sie keine Fiction schreiben. Sehr gerne aber würde sie einen Erfahrungsbericht über eine Reise in die Heimat ihrer Mutter verfassen. Doch sie bekommt für Tibet, wo sie bis heute nur einmal, als Sechsjährige, war, kein Visum. Auch ihrem Bruder, dem Künstler Tashi Brauen, der im Unterschied zu seiner älteren Schwester nie Tibet-Aktivist gewesen ist, wurde kürzlich die Einreise verweigert, als er im Rahmen eines Stipendiums der Basler Merian-Stiftung für ein paar Monate in China leben wollte. Der Visumantrag ist ohne Begründung abgelehnt worden.

Jungfraujoch statt Tibet

Auch für die Dreharbeiten von «Escape from Tibet», der dramatischen Fluchtgeschichte, in die eine deutsche Bergsteigerin (Hannah Herzsprung) verwickelt ist, konnte Yangzom Brauen nicht nach Tibet reisen. Für das chinakritische Drama musste ins nordindische Ladakh und aufs Jungfraujoch ausgewichen werden.

Ein ziemlich abenteuerlicher Weg, nach Tibet zu gelangen, steht Yangzom Brauen allerdings offen: Mit Schleppern, die wie in «Escape from Tibet» Flüchtlinge über das Himalajagebirge lotsen, in Nepal den Rückweg nach Tibet anzutreten. (Der Bund)

Erstellt: 18.07.2012, 15:48 Uhr

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Film

«Escape from Tibet» läuft ab morgen im Kino.

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