In Nebelzonen

«Der Unschuldige»: Glaube, Arbeit und Vergangenheit stürzen über einer Frau zusammen im neuen Spielfilm des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet.

Intensive Surrealität: Szene aus «Der Unschuldige». Foto: PD

Intensive Surrealität: Szene aus «Der Unschuldige». Foto: PD

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Der Regisseur Simon Jaquemet fragt nach der Solidität des Wirklichen. Nach der Trittfestigkeit des Bodens unter jemandes Füssen. Oder: nach der Brüchigkeit der Welt, in die man geworfen ist und auf deren haltbare Sicherheitsgeländer man ja mal vertrauen muss, aus Vernunft gegen die Vernunft womöglich und contre cœur.

Jaquemets Dramen spielen also in den Nebelzonen von Herz und Verstand und Realität – dort, wo Geländer weggebrochen sind, Vertrauen verraten wird und Füsse rutschen. Der 1978 geborene Filmemacher hat ein Talent für die erbarmungslose Wendung und die pessimistischste Lebensskepsis.

Grausame Dialektik

In «Chrieg» war das so, dem dunklen, karstigen Debüt (2014), dieser himmeltraurigen Geschichte einer menschlichen Verhärtung und der noch traurigeren von einer Liebe in der Lieblosigkeit. In «Der Unschuldige» jetzt auch, wo die Extreme zerren an der inneren Stabilität einer Frau namens Ruth (Judith Hofmann): Da ist ein freikirchlicher Glaube, der immer ganz naiv zum lieben Jesus und zum guten Vater betet (diese infantilisierte Sprache des Gebets, es ist zum Ohrfeigenverteilen); und da ist eine Wissenschaft, als deren Vertreterin Ruth hilft, Affenköpfe zu transplantieren.

Das muss sie nun aushalten in der grausamen Dialektik von Neurologie und Dämonologie. Und eigentlich ist es gar nicht auszuhalten, und die, die in «Der Unschuldige» den Boden bereiten wollen für die Freundlichkeit, können selbst nicht freundlich sein. Seltsam, gelinde ausgedrückt, ist es, im Nebel zu wandern, wie die Dichter sagen. Denn alle Wege führen ins Verrückte.

Irgendwie so, dramatisch betrachtet: Fast getraut man sich nicht zu definieren, wo das spielt. Oberwelt, Unterwelt, Seelenwelt? Lang siehts nach greifbarer Schweiz aus und nach den handfesten Möglichkeiten einer heterogenen Existenz. Und gewiss ist da eine inszenierte Welt des äusseren Lebens. Ruth, Mann, Kinder, Labore, Gebetsräume, Natur, die nicht Allegorie ist, sogar so etwas wie eine schwülstig-reale Swingerclub-Hölle (allerdings schäumt und brodelt da dann filmisch eine ozeanische Metaphorik von Begehren und Verdammnis, dass Gott erbarm!).

Trailer zum Film «Der Unschuldige». Video: Youtube/AscotElite

Selbst als es zum Tumult kommt bei, in und um Ruth, psychisch und physisch, weil dieser ehemalige Geliebte aufgetaucht ist nach zwanzig Jahren, ein Ex-Sträfling, der nächtens plötzlich auf dem Kanapee sitzt, obwohl er eigentlich in Indien gestorben ist, gerichtsmedizinisch verbürgt: warum nicht? Zu viel Wahrscheinlichkeit sollte man vom Möglichkeitssinn im Kino nicht erwarten, es tut der Spannung nicht gut; und das Leben hat schliesslich auch schon verrücktere Stücke gespielt.

Spannung aber ist bei Simon Jaquemet, wo die Geschichte quasi splittert, wo der Realismus und der gern so genannte gesunde Menschenverstand Haarrisse bekommen und scharfkantige Schrunden. Da dreht Wirklichkeit um andere Achsen.

Da, denkt man, könnte es wohl sein, dass das alles nur wirklich wirklich ist in der Dunkelkammer eines Wahnsinns. Und diese intensive Surrealität hat erzählerische Kraft, und der Reiz des Rätselns überlebt eine gewisse, sagen wir: Ruppigkeit der Dramenlogik.

Dunkelheit des Komplexen

Wobei dann doch wieder einmal bedacht werden könnte, was jemanden künstlerisch eigentlich umtreibt zwischen Freikirche und Kopftransplantation. Item, obs nicht doch mangelt an solider zureichenden erzählerischen Gründen. Vielleicht steht einem die Frage ja gar nicht zu.

Aber am Ende haben wir doch den Rhesusaffen am meisten geliebt, dem man die natürliche Lebendigkeit gleich ansah. Er hiess Zwetschge, stammte aus Österreich und war wie ein Licht der Einfachheit in der Dunkelheit des Komplexen.

Jetzt in den Kinos. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 22:12 Uhr

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