In der Heimatfalle

Freiwilliger Landdienst im Kino: Gestern sind die 47. Solothurner Filmtage zu Ende gegangen. Gleich eine ganze Reihe Filmemacher feiert die Urschweiz – ein Thema, das zum Fetisch geworden zu sein scheint.

Grossflächig am Verbauern: Der Schweizer Film.

Grossflächig am Verbauern: Der Schweizer Film. Bild: Keystone

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Was für ein Segen, denkt man in Solothurn, dass sich obskure Spezialeffekte wie der Versuch mit Smell-O-Vision nie haben durchsetzen können im Kino. Würde jeder Film hier auch seine entsprechenden Gerüche in den Saal aussenden, man brächte den Duft vom Käsen und Misten und Güllen gar nicht mehr aus den Kleidern. Jetzt schaut man zwar bloss und hört, was da gejodelt, gemolken und gemistet wird. Aber der imaginäre Stallgeruch bleibt auch so penetrant genug.

Ob eine Alp nun als Besserungsanstalt für die verworfenen Mädchen der Stadt betrieben wird wie im Spielfilm «Puppe» oder ob ein ekelhafter Banker auf dem Land zum guten Menschen sich wandelt wie im Fernsehfilm «Liebe und andere Unfälle» – der Berg heilt viele Wunden, und ein Bauernhof bietet immer noch die beste Selbstfindungskur für herzlose Städter. Um im Jargon zu bleiben: Das schleckt keine Geiss weg, dass der Schweizer Film gerade grossflächig am Verbauern ist (TA vom Montag).

Schweizer Fernsehen im Kino

Weiss Gott, der Befund ist nicht neu, aber die Symptome sind leider auch nicht abgeklungen, im Gegenteil. Sie tönen einfach noch urchiger. «Heimatklänge», das war einmal der Titel eines Dokumentarfilms von Stefan Schwietert. Heute ist daraus ein Fetisch des Schweizer Films geworden. Bei den Dokumentarfilmen merkt man das daran, wie viele von ihnen man durchnummerieren könnte wie inoffizielle Sequels: In Solothurn waren dieses Jahr reihenweise Filme zu sehen, die gut und gerne auch «Heimatklänge 4» heissen könnten. Nur dass sie sich, im Unterschied zu Schwietert damals, die Mühe sparen, den Heimatbegriff auf einen Echoraum jenseits von geistiger Landesverteidigung abzuklopfen.

Im Fall von «Die Wiesenberger», ausgezeichnet mit dem Publikumspreis, ist da immerhin der reizvolle Kontrast mit eingebaut, dass eine basisdemokratisch organisierte Jodlergruppe sich plötzlich den Anforderungen des Showbusiness ausgesetzt sieht. Das Schweizer Fernsehen, als Co-Produzent beteiligt, verlängert mit diesem Film quasi seine eigene Verwertungskette ins Kino: Die Regisseure Martin Schilt und Bernard Weber zeigen, wie die Wiesenberger nach ihrer TV-Volkswahl bei «Die grössten Schweizer Hits» die gesteigerte Popularität bewältigen – bis hin zur Zerreissprobe angesichts einer offiziellen Einladung an die Expo nach Shanghai.

Der Betruf ist uninteressant

Als Dokument einer komplexen Gruppendynamik zwischen Mannschaftsbus und Vollversammlung ist das durchaus ein Film, der sich nicht auf die reine folkloristische Gemütlichkeit reduzieren lässt. Aber wenn die Wiesenberger ihr Feuer der gejodelten Sehnsucht nach China tragen, denkt der Film auch in der Fremde nicht weiter über die Heimatgefühle nach, die er so herzhaft feiert. Es bleibt beim touristischen Blick auf die exotischen Eidgenossen in Fernost und endet in unverbindlichem Völkerverständigungskitsch. Schweizer Jodler an der Expo in Shanghai: War es das, was Bundesrat Alain Berset meinte, als er bei seinem Auftritt in Solothurn meinte, Swissness könne auch für «Reife und Offenheit gegenüber der Welt» stehen?

Der Klang der Heimat ist auch billiger zu haben. Man stelle einfach eine im Sinne der inländischen Biodiversität assortierte Garnitur von Sennen zusammen, inklusive Atheist und Quotenfrau, und lasse sie offenherzig über ihre Lebensart plaudern. So ein Film heisst dann «Alpsegen», und das ist seltsam, denn für den Brauch des Betrufs scheint sich der Regisseur Bruno Moll gar nicht sonderlich zu interessieren. Steht der Senn beim Alpsegen auf der Schwelle zwischen Heidentum und Katholizismus? Solche Fragen streift der Film nicht einmal am Rande, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, die Kalendersprüche seiner Protagonisten zu erhaschen. Schliesslich ist jeder Senn auch ein Philosoph des Alltags.

In dem bodenständig pragmatischen Verhältnis zum Gottesglauben, der hier zum Ausdruck kommt, ist das manchmal ganz interessant. Aber als der grösste Pragmatiker von allen erweist sich der Regisseur, dem offenbar selbst nicht ganz geheuer ist, dass er sich nach seinem multikulturellen Mädchenfussballfilm «Pizza Bethlehem» nun ebenfalls in die Riege der dokumentarischen Folkloristen einreiht. Eigentlich, sagte Moll nach der Vorführung in Solothurn, habe er ja einen Film über das Verhältnis der Europäer zu Europa drehen wollen, aber der habe sich einfach nicht finanzieren lassen. Das solle jetzt keine Entschuldigung für «Alpsegen» sein, und es klang deshalb erst recht wie eine: «Wir können auch nur die Filme machen, die man uns machen lässt.» Es klingt, als habe hier ein Regisseur vor den Förderstellen kapituliert oder auch vor einem Publikum, das lieber in die Urschweiz schaut als über die Grenzen hinaus.

Urbane Bünzligkeit

Stimmt schon: Der geistige Horizont des Kinos ist nicht automatisch grösser, bloss weil ein Film in den Niederungen der Stadt spielt. (Zu beobachten im Spielfilm «Nachtexpress», der in seiner Selbstbespiegelung zwischen Züri-Hipstertum und Jasstisch provinzieller wirkt als mancher Berglerfilm.) Und es ist auch nicht so, dass sich der Schweizer Dokumentarfilm vollends aus der Welt verabschiedet und ins Reduit der Gemütlichkeit zurückgezogen hätte. (Zu sehen etwa bei Heidi Specogna, die in «Carte blanche» das Verfahren gegen einen kongolesischen Kriegsverbrecher schildert und dabei jeder Versuchung widersteht, das auch nur ansatzweise zum Thriller aufzupeitschen.)

Aber wenn ein kurzer Zeichentrickfilm über die Geschichte des Bartgeiers in der Schweiz («Gypaetus helveticus») mehr über die politische Gegenwart dieses Landes erzählt als ein Dutzend abendfüllender Dokumentar- und Spielfilme, dann muss man sich schon fragen: Wo sieht der Schweizer Film eigentlich seine Zukunft? Als Filiale des Heimatschutzes? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2012, 16:19 Uhr

So viele Eintritte wie noch nie

Die 47. Solothurner Filmtage stiessen auf grosses Interesse: Mit 55'000 Eintritten (gegenüber 53'000 im Vorjahr) konnte die neue Direktorin Seraina Rohrer einen Besucherrekord vermelden. Gestern wurde zum Abschluss des Festivals der Regisseur Fernand Melgar für «Vol spécial» mit dem Prix de Soleure (60'000 Franken) ausgezeichnet. Der Do­kumentarfilm über ein Genfer Ausschaffungsgefängnis hatte schon am letztjährigen Filmfestival in Locarno für Furore gesorgt und war vergangene Woche auch mit dem Preis der Schweizer Filmkritik geehrt worden. Der mit 20'000 Franken dotierte Solothurner Publikumspreis ging an den Dokumentarfilm «Die Wiesenberger».

Bereits am Mittwochabend hat die Schweizer Filmakademie in Solothurn die Nominationen für den Schweizer Filmpreis Quartz verkündet. Angeführt wird die Liste von den beiden historischen Spielfilmen «Der Verdingbub» und «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» (je sechs Nominierungen), gefolgt von «Summer Games» und dem Horrorfilm «Hell»(je drei Nominierungen). Fünfter Anwärter auf die Auszeichnung als bester Spielfilm ist «Abrir puertas y ventanas», der letztjährige Gewinner des Goldenen Leoparden von Locarno. Bei den Dokumentarfilmen konkurriert «Vol spécial» mit Stefan Schwieterts neuem Musikfilm «Balkan-Melodie», «Day Is Done» von Thomas Imbach, «Messies» und dem LSD-Film «The Substance».

Als beste Darstellerin wurden Lisa Brand («Der Verdingbub»), Stephanie Glaser («Motel») und Carla Juri («Dällebach Kari») nominiert. Als bester Darsteller Nils Althaus («Dällebach Kari»), Saladin Dellers («Silberwald») und Max Hubacher («Verdingbub»).

Für die Nominierten werden Prämien von insgesamt 390'000 Franken ausgeschüttet, die Auszeichnungen selber sind undotiert. Die Schweizer Filmpreise werden am 17. März in Luzern verliehen. (TA)

Trailer zu «Die Wiesenberger».

Trailer zu «Vol spécial».

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