«In der Liebe gibt es keinen Fortschritt»

Der 21-jährige Kanadier Xavier Dolan ist der frühreife Dandy des frankofonen Kinos. Bei seinem zweiten Spielfilm beruft er sich auf Roland Barthes.

«Ich liebe die Zeitlupe, sie entspricht meiner Persönlichkeit»: Regisseur Xavier Dolan präsentierte kurz nach seinem ersten schon seinen zweiten Film.

«Ich liebe die Zeitlupe, sie entspricht meiner Persönlichkeit»: Regisseur Xavier Dolan präsentierte kurz nach seinem ersten schon seinen zweiten Film. Bild: Reuters

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Mit romantischem Weltschmerz und der unverschämten Arroganz der Jugend inszeniert Xavier Dolan sein an die Nouvelle Vague erinnerndes Universum und sich selbst. Sein autobiografisch gefärbter Erstling «Comment j’ai tué ma mère», ein bitter-komisches Beziehungsdrama zwischen Mutter und Sohn, machte den Regisseur vor zwei Jahren in Cannes schlagartig bekannt. Nur ein Jahr später kehrte er mit seinem zweiten Film «Les amours imaginaires» nach Cannes zurück – und beeindruckte mit seinem genauen Blick auf das hoffnungslose Verliebtsein und mit seiner Lust an formalen und musikalischen Kontrasten zwischen Dalida und Wagner.

Mit «Les amours imaginaires» waren Sie letztes Jahr der jüngste Regisseur in der offiziellen Selektion von Cannes. Wie sind Sie so früh zur Regie gekommen?
Ich hatte schon mit 13 Jahren den Reflex, Drehbücher zu schreiben. Mit 17 Jahren wollte ich endlich Regisseur werden. Daraus wurde mein erster Film «Comment j’ai tué ma mère», den ich mit 19 Jahren drehte. Ich habe ihn mit dem Geld produziert, das ich als Schauspieler in kanadischen Filmen verdient hatte.

Sehen Sie «Les amours imaginaires» als amouröse Dreiecksgeschichte?
Nein. Aus dem harmonischen Duo zweier Freunde, die denselben Menschen lieben, wird ein Duell. Das Objekt ihrer Begierde dagegen bleibt vollkommen lieblos. Beide schwärmen für eine wunderschöne, aber letztlich uninteressante Fantasiefigur, die so unerreichbar ist wie ein Botticelli oder der Tadzio aus «Tod in Venedig». Wer versucht, sich ihr zu nähern, wird enttäuscht. Es geht um die Illusion, die Chimären in der Liebe.

Wollten Sie mit verschiedenen Stilmitteln wie der französischen Nouvelle Vague experimentieren?
Mich fasziniert die Freiheit, mit der die Regisseure der Nouvelle Vague ihre ersten Filme drehten – ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne Kriterien. Ich liebe das Kino, wenn man keinem Stil verpflichtet ist, sondern machen kann, was man will – auch mit wenig finanziellen Mitteln.

Ihr Film erinnert an ein Puzzle. Wie haben Sie dieses aufgebaut?
Schon beim Schreiben des Drehbuchs hatte ich keine klassische, lineare Erzählstruktur, sondern eine offene, assoziative Form vor Augen – so wie Roland Barthes in seinen «Fragmenten einer Sprache der Liebe». Er hat keinen Roman über die Liebe, sondern ein Wörterbuch des Leidens geschrieben. Also hat mein Film «Les amours imaginaires» auch kein richtiges Drehbuch, sondern ist ein Patchwork, eine zerstückelte Chronik über die Liebe, die immer wieder von kleinen Sketchen unterbrochen wird.

Ihr Film bewegt sich auf den Spuren von Wong Kar-Wais «In the Mood for Love». Welche Rolle spielen die Zeitlupe und die extremen Nahaufnahmen beim Verliebtsein?
Ich liebe die Zeitlupe, sie entspricht meiner Persönlichkeit. Bei einer Party stehe ich oft am Rand des Geschehens und beobachte die Gesten der anderen. Oft fühle ich mich dabei wie in Trance. Daher gibt es Momente im Film, etwa die verschiedenfarbigen Nahaufnahmen der Körper beim Sex, die von nichts anderem erzählen als vom Begehren, von der Lust nach körperlicher Nähe. Die Grundfarben, mit denen ich diese Szenen filme, sind genauso elementar wie die sexuellen Begegnungen, die im Film wie Markierungen auftauchen. Sie sind beinahe banal, aber helfen uns manchmal, etwas anderes zu erträumen.

Die beiden hoffnungslos verliebten Hauptfiguren im Film eifern Idolen wie James Dean oder Audrey Hepburn nach. Muss sich auch ein so junger Regisseur wie Sie von Vorbildern befreien?
Bei den Idolen meiner Figuren geht es nicht um die Personen, sondern um einen Lebensentwurf, der dahinter steht. Genauso sind viele Menschen nicht in einen anderen Menschen, sondern in die Liebe verliebt. Das ist ein absoluter Anspruch. Man kann den Stil eines anderen bewundern, ohne sich ihm zu unterwerfen. Natürlich spielt meine Liebe zum frühen Godard eine Rolle, die Figur von Marie ist eine klare Hommage an Anna Karina ... Mein Film sollte so sein wie die Liebe: naiv, verzweifelt, ausgehungert, aber nicht narzisstisch. Denn meine Figuren sind nicht selbstverliebt. Sie sehnen sich danach, zu lieben und geliebt zu werden.

Warum hat Ihr Film so viele verschiedene «letzte» Szenen?
Ich hätte den Film mit einer verzweifelten oder einer versöhnlichen Szene enden lassen können, aber ich wollte den Film mit einer Szene abschliessen lassen, die so süss und bitter wie das Leben selber ist. Und die vor allem auf humorvolle Weise zeigt, dass es keinen Fortschritt in der Liebe gibt. Das Leiden an ihr geht immer wieder von vorne los ...

«Les amours imaginaires» läuft ab 13.1. in Zürich im Kino Riffraff.

Erstellt: 11.01.2011, 20:04 Uhr

Xavier Dolan

Geboren 1989 in Montreal, hatte er schon als Kind erste Rollen in kanadischen Filmen. Sein Erstling als Regisseur wurde 2009 in Cannes preisgekrönt.

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