«In der Schweiz gilt Liebeskummer als Makel»

Für den Dokfilm «Sleepless in New York» begleitete Christian Frei Menschen, denen das Herz gebrochen wurde. Im Gespräch sagt er, welche Rolle Skype dabei spielte und warum er in Amerika drehte.

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Für «War Photographer» haben Sie bereits in Kriegsgebieten, für «Space Tourists» im Weltall gedreht. Jetzt haben Sie einen Film über Liebeskummer gemacht. Was hat Sie an diesem «weichen» Thema gereizt?
Liebeskummer ist alles andere als «weich», sondern geht buchstäblich ans Lebendige. Er kann Suizid, Mord oder Krankheiten zur Folge haben. Die drei Protagonisten im Film begleite ich vom tiefsten Punkt ihres Lebens wieder hin zu sich selbst. Eine schöne Reise.

Steckt hinter dem Film auch eine persönliche Motivation?
Als ich mich vor vier Jahren in eine Frau verliebte, war alles neu und fragil. Es ist eine Zeit voller Sehnsucht und Verlangen, aber auch voller Fragen - faszinierend, aber abgründig. Dieser Zustand hat mich interessiert. Hinzu kommt, dass ich versuchen wollte, die Grenzen des Dokfilms auszuloten. Einsamkeit kann man ja schlecht filmen, wenn eine Filmcrew im Zimmer steht. Mit Skype habe ich das Problem gelöst: So konnte ich im Film bei einer Person sein, ohne physisch anwesend zu sein.

Gebrochenen Herzen begegnen wir in zahllosen Spielfilmen; jeder weiss, wie es sich anfühlt. Inwiefern ermöglicht ein Dokfilm eine neue Perspektive auf das Thema?
Ich wollte nicht einfach Gefühle zur Schau stellen und einen «Misery Porn» drehen. Mich interessierte vor allem die Frage, warum es so schwerfällt, jemanden loszulassen. Aus diesem Grund tritt auch die Anthropologin Helen Fisher im Film auf. Wenn Liebeskummer in einem Spielfilm dargestellt wird, dann sieht man meistens eine Frau mit einer leeren Taschentücherbox neben dem Bett. Natürlich: Es ist okay, wenn man darüber schmunzelt. Aber ich wollte genau hinschauen.

War es schwierig, Leute zu finden, die frei heraus von ihrem Liebeskummer erzählen?
Was viele überzeugt hat, mitzumachen, war unser «Logbook of Feelings» – ein Tagebuch in Form einer Website, die wir ihnen angeboten haben. Auf dieser konnten die Leute schreiben und mein Team und ich lasen mit. Normalerweise verstärken die sozialen Medien den Liebeskummer: Man beginnt seinen Ex-Partner zu stalken und verlängert den Schmerz nur unnötig. Das Schreiben in diesem Onlinetagebuch hat den Teilnehmern aber sehr geholfen. Mit einer Person habe ich am Anfang jede Nacht durchgeskypt. Dabei musste ich immer gut überlegen, wie ich reagiere.

Wie bei einer Psychoanalyse.
Ja. Freunde bestätigen einen manchmal im Leiden. Ich hörte einfach zu.

Sie haben den Film in New York gedreht. Haben die Menschen in der Schweiz weniger Liebeskummer – oder wollen sie nicht darüber reden?
Ich bin überzeugt, dass wir am richtigen Ort gedreht haben. Schweizer sind in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend. In der Schweiz gilt Liebeskummer als Makel. In Amerika herrscht generell eine extrovertiertere Kultur, man versteckt auch dunkle Seiten weniger.

Menschen mit Liebeskummer befinden sich meistens in einer emotionalen Sackgasse. Liegt auch Potenzial in diesem Leiden?
Absolut. Liebeskummer ist eine hoch spannende und kreative Zeit. Man zieht für sich eine Bilanz und fragt sich: Wo will ich hin? Über eine Trennung hinwegzukommen, ist die grösste Leistung, die der Mensch vollbringen kann. Das wird viel zu wenig ernst genommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.10.2014, 08:19 Uhr

Der Schweizer Christian Frei ist freischaffender Filmemacher und Produzent. Sein Film «War Photographer» von 2001, in dem Frei den Fotografen James Nachtwey bei seiner Arbeit begleitet, trug ihm eine Oscar-Nomination ein. Mit «Space Tourists» gewann Frei 2010 am Sundance Festival den «World Cinema Directing Award». Der Film stellt die Welt von reichen Weltraum-Touristen neben diejenige von kasachischen Raketenschrottsammlern.

«Sleepless in New York» läuft ab dem 16. Oktober in den Schweizer Kinos.

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Der Trailer zum Film

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