In einem anderen Film

Seit die Oscar-Academy mehr Junge und Frauen aufnimmt, gibt es interessantere Gewinner. Etwa den Drehbuchpreis für «Get Out».

Nicole Kidman überreicht Jordan Peele den Oscar für das beste Originaldrehbuch («Get Out»). Foto: Craig Sjodin (Getty Images)

Nicole Kidman überreicht Jordan Peele den Oscar für das beste Originaldrehbuch («Get Out»). Foto: Craig Sjodin (Getty Images)

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Die Überraschung kam in der Kategorie Originaldrehbuch. Der Oscar ging an einen Komiker, der mit einer Sketchshow bekannt wurde und dann sein ­Debüt drehte, eine politisch-satirische Horrorkomödie. Der Mann heisst Jordan Peele, sein Film «Get Out».

Die Geschichte eines jungen Schwarzen, der bei den Eltern seiner weissen Freundin eingeladen ist und dort durch die Hölle geht, schlug nicht nur die Drehbücher von «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» und «The Shape of Water». Peele ist der erste Afroamerikaner überhaupt, der in dieser Disziplin gewinnt.

Video: Die Highlights der Oscar-Nacht

Dass Peele auch als bester Regisseur und «Get Out» als bester Film nominiert war, hat viel mit dem Wandel in der Filmbranche zu tun. Nach den #OscarsSoWhite-Protesten 2016 und erst recht im Zuge von #MeToo sieht sich die Academy of Motion Picture Arts and Sciences gezwungen, mehr Frauen und Jüngere, Hispanics und Asian Americans aufzunehmen und sie über die Oscar­sieger bestimmen zu lassen.

Die heute etwa 8500 Mitglieder sind auf Lebzeiten gewählt und noch immer zu fast 90 Prozent weiss und zu 72 Prozent männlich. Aber in den letzten zwei Jahren wurden rund 1500 Neumitglieder angeworben, viele von ihnen jung und weiblich. Bis 2020 will man die Anteile von Frauen und Minderheiten verdoppeln.

Rasse und Klasse

Der institutionelle Wandel, der nach den Weinstein-Enthüllungen die amerikanische Filmindustrie erfasst hat, hat bereits konkrete Effekte bei der Auswahl der ­Oscarfilme. «Get Out» wäre vor ein paar Jahren kaum als Kandidat gehandelt worden, erzählt ein Neumitglied dem Magazin «Vulture». Dieses hat gut ein Dutzend frische Oscarjuroren zu ihren Entscheidungen befragt. In der Kategorie «Bester Film» votierten die Jüngeren für Greta Gerwigs Coming-of-Age-Komödie «Lady Bird» und die schwule Liebesgeschichte «Call Me by Your Name» von Luca Guadagnino – und weniger für das getragene Historienkino von «The Post» und «Darkest Hour».

Zwar gewann Gary Oldman für seine Churchill-Darstellung den Oscar. Doch weiss eine verjüngte Academy sonst ­wenig anzufangen mit solchen Oscarködern, in denen unter Einsatz aller maskenbildnerischen Kräfte die Helden der Geschichte wiederauferstehen. Viel lieber, so ein Neumitglied, hätte es «Mudbound» oder «The Florida Project» als beste Filme nominiert. Weil sie von Rassen- und Klassenthemen handelten.

Andere Weltzugänge sehen

Mit vier Oscars hat Guillermo del Toros «The Shape of Water», die Romanze über Frau und Fischwesen, die meisten Oscars gewonnen. Vielleicht ein Konsens, weil die Academy-Veteranen daran die Machart bewundern und die Novizen die Genre-Chiffren mögen, da sie mit Fantasykino aufgewachsen sind.

Je mehr Mitglieder mit unterschiedlichsten Herkünften aufgenommen werden, desto mehr deutet sich aber eine Verschiebung bei den Nominierungen an: Das typische Oscarmaterial – meistens etwas Biografisches, das auf wahren Geschehnissen beruht und von der Hochleistungsschauspielerei lebt – weicht ­weniger prätentiösen Formen, in denen dafür aus ungewohnteren Perspektiven auf die Gegenwart geschaut wird.

Das war es ja auch, was an der Oscar­show immer wieder gefordert wurde: dass man andere Weltzugänge zu sehen bekomme als jene, die privilegierte weisse Männer seit Jahrzehnten auf der Leinwand präsentieren. Ein Horrorfilm wie «Get Out», der die wohlmeinenden «liberals» vorführt, mag für einige noch zu harte Kost sein. Nach «Vulture» haben ältere Academy-Mitglieder den Titel von ihrer Liste gestrichen, ohne ihn gesehen zu haben, weil sie davon ausgegangen sind, dass es kein «Oscarfilm» ist.

Eine Schauspielerin, die schon länger über die Sieger entscheidet, erklärte dem «Hollywood Reporter» anonym, «Get Out» sei ein hübsches B-Movie, aber es solle ja niemand suggerieren, es gebe darin einen tieferen Sinn. Dass die Macher aufs Rassismusthema aufgestiegen seien, sei für sie der Ablöscher gewesen.

Dass der Film eine Satire ist auf genau diese selbstgenügsame Sicht, scheint sie nicht gemerkt zu haben. Nun kommen aber einige Leute nach, die es merken. Weil sie etwas anderes suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2018, 16:53 Uhr

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