Filmkritik

Irrlauf der Liebe

Am Zurich Film Festival hatte am Freitag Markus Imbodens «Am Hang» Weltpremiere. Ein weiterer Schweizer Spielfilm aus einem bemerkenswert starken Jahrgang.

Zwei Männer, eine Frau: Literaturverfilmung «Am Hang».


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Es ist noch nicht lang her, dass der Schweizer Regisseur Markus Imboden im Spielfilm «Der Verdingbub» (2011) mit der grossen gefühlsdramatischen Kelle angerichtet hat. Einer verrohten nationalen Sozialpolitik wurde dort der historische Prozess gemacht, und es kam zum eindeutigen Urteil. Hingegen ist Imbodens «Am Hang», die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Markus Werner (2004), etwas ganz anderes, Kleineres und weniger Moralsichereres.

Es führt auf Seelengelände, wo die Sicherheiten in Rutschgefahr sind. In die verästeltsten Verästelungen der Liebe und der widersprüchlichen Lebensreflexion: als ein Kammerspiel (wenn man «Kammer» nicht allzu wörtlich nimmt), in dem Zeitgeist und Anti-Zeitgeist, unbequemes Denken und komfortable Aufgeschlossenheit, Gefühl und Gefühlsschlamperei nicht vor Gericht, sondern auf dem Prüfstand stehen und die Worte auf der Goldwaage liegen.

Es finden da im Tessin zwei Männer zusammen, weil sie aneinandergeraten, und geraten wieder auseinander (gelinde gesagt; denn die Gefühle des einen neigen zum Amoklauf), weil sie zusammengefunden haben in einer gemeinsamen Geschichte vom Lieben, Verlieren und Versagen. Nämlich: Felix Loos (Henry Hübchen), der ältere, «Lehrer für alte Sprachen» im Roman, Musiker im Film, und Thomas Clarin (Max Simonischek), Scheidungsanwalt von polygamer, beziehungsscheuer Natur, reiben sich an einer Erinnerung, und die Frau (Martina Gedeck), um die es darin geht, hat beide geliebt und wurde geliebt, gleichzeitig, wenn auch nicht gleichermassen, und wurde verlassen und hat verlassen.

In Markus Werners Buch enthüllt sich das langsam in einem Diskurs von messerscharfer Sprachschönheit, quasi im Temperamentskampf zwischen einem altersradikalen Weltlamento des Loos und der hedonistischen Jugendmilde des Clarin, ders gern gemütlich und lauwarm hat in seinem Emotionshaushalt. Das hat sich schon weit über eine Liebesgeschichte hinausentwickelt, noch bevor man sie überhaupt erkennt in ihrer psychologischen Komplexität. Und womöglich ist sie dann nicht einmal wahr.

Sehr kluger Imboden

In Imbodens Film seinerseits weiss man sehr bald von den Verbindungen der beiden Männer zu jener Frau, die Loos’ Ehefrau war und Clarins Geliebte. Es wird uns leichter gemacht als bei Werner, und man könnte sagen, Markus Imboden habe als ein realistischer Erzähler seine dramatische Pflicht getan: Er brachte bodenständige Handlung in einen Denkfluss.

Auch das jedoch trifft einen Kern der Vorlage: ihre raffinierte Thriller-Qualität. «Am Hang» – Buch und Film – legt Spuren, richtige und falsche. Mysteriöses erweist sich als Banalität und Offensichtliches als Geheimnis. Sehr klug hat Imboden ein Sprach- und Gedankenspiel zu etwas Eigenem und Wesentlichem gerafft: Zur Geschichte eines irrlaufenden Mannes, der sich in den Weltekel hineinpredigt und gewalttätig darauf besteht, es gehöre ihm noch, was er längst verloren hat. Zur Geschichte eines anderen, dessen laue Ausgeglichenheit zur fiebrigen Unsicherheit wird. Und zur Vermutung, dass immer Frauen leiden, wenn Männer Erlösung suchen.

Nicht immer, vielleicht, fiebert der Zuschauer auf dem Niveau der Figuren. Manchmal ist es, als sässen da zwei hinter Glas und sprächen gar nicht richtig miteinander, sondern wechselten sich nur redend ab in gefeilter Eloquenz. Es erreicht einen dann nur eine gefilterte Lebenswärme. Aber wahrscheinlich ist das der Preis des Respekts vor der Schönheit des literarischen Originals; und auf die sentimentale Wärme kommt es in so einem Film über die Lebensgefährlichkeit des Fühlens ja auch nicht so sehr an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2013, 16:59 Uhr

Infobox

«Am Hang» wird während des Zurich Film Festival noch einmal wiederholt am 6. 10., 21. 00 Uhr im Kino Arena 5. Regulärer Kinostart in der Deutschweiz am 24. 10.

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