«Je quitte la scène»

Die Waadtländer Dokumentarfilmerin Jacqueline Veuve ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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Die letzte Ehrung hat sie noch bei wachem Bewusstsein erreicht, und sie freute sich darüber, auch wenn sie in diesem März schon zu krank war, um den Schweizer Filmpreis für ihr Lebenswerk selbst entgegenzunehmen. Ihr Mann tat das für sie. Sie verlasse die Szene, die ihre Welt war, liess sie ausrichten, und sie habe tiefes Vertrauen in die frische Kreativität des Nachwuchses. «Vibrato» heisst der letzte Film, den Jacqueline Veuve, diese grosse, unaufdringliche Beobachterin, dem Nachwuchs nun hinterlässt. Er handelt – man darf vielleicht sagen: voller realistischer Sehnsucht – von einer zur Leidenschaft begabten Jugend, von der Liebe zum Chorgesang und von lebendiger Freundschaft.

Sie hatte nichts (oder nicht viel) dagegen, für eine Nostalgikerin gehalten zu werden. Es widersprach nicht ihrem Realismusbegriff. Denn Nostalgie bedeutete ihr nicht ein kitschiges Herumbasteln mit dem dürren Holz der Vergangenheit, sondern der geschichtsbewusste Umgang mit der Erinnerung: mit dem, was Menschen einmal gekonnt haben in einer selbstverständlichen Harmonie von Nützlichkeit und Schönheit; mit dem auch, was Menschen einander angetan haben im Bösen, im Guten und in der Grauzone der Gleichgültigkeit. Und da war bei ihr dieser Hang zu den entschwindenden Dingen, zu dem, was im Jetzt vom Einst geblieben ist; und warum hätte sie diese Nostalgie leugnen sollen?

Diskret, präzis und liebevoll

Sie war ja offensichtlich schon im ersten, halbstündigen Dokumentarfilm, «Le panier à viande» («Schlachttag», 1966, zusammen mit dem Regisseur Yves Yersin), in dem Jacqueline Veuve, eine Debütantin in ihren Dreissigern, sich dem aussterbenden Beruf des Störmetzgers widmete. Sie wirkte diskret, präzis und liebevoll in einer ganzen Serie von Filmen über altes Holzhandwerk («Les métiers du bois», 1987–92), über die mühselige Kunst, Bauer zu sein («Chronique paysanne en Gruyère», 1990), und über die fast heiligen Rituale des Weinbaus («Chronique Vigneronne», 1999).

Die Bewahrerin einer «Zivilisation der Hände» ist Jacqueline Veuve einmal genannt worden. Simpel gesagt: Sie war gegen das Vergessen. Auch dort, wo das Erinnern ans Fürchterliche und Lebendige ging: in «Les lettres de Stalingrad» (1972); oder in «Journal de Rivesaltes 1941–1942» (Schweizer Filmpreis 1998), einer Reise in ein ehemaliges französisches Internierungslager. Nostalgisch, wenn man so will, war dort der Gedanke, es hätte alles anders sein müssen. Jacqueline Veuve wurde 1930 im waadtländischen Payerne geboren, also in der garnisonsstädtischen Provinz, wo ihr die Filmerei nicht an der Wiege gesungen wurde.

Sie übte Geduld

Geduld war eine ihrer besten Begabungen. Sie lernte sie – Filmerin ihrem neugierigen Charakter nach, aber noch lang ohne Film – am Pariser Musée de l’Homme als bibliothekarisch ausgebildete Praktikantin des Ethnologen Jean Rouch, einem Meister des Cinéma Verité. Der liebte ihren Waadtländer Akzent und liess sie seine Sammlung ethnografischer Filme katalogisieren und analysieren. Sie übte Geduld – ohne Ressentiments gegen ein konventionelles Familienleben – als Ehefrau und Mutter, beim Warten aufs späte Debüt und dann auf den Erfolg, der ihr ein unabhängiges Künstlertum erlaubte (1978 war es so weit, mit «La Mort du grand-père ou Le Sommeil du juste», ihrem 26. Film).

Denn eine Künstlerin war sie. In über 60 Filmen ist sie ihrer diskreten Art der entschleunigten Beobachtung treu geblieben, um die altmodische Gepflegtheit ihrer Handschrift etwas modisch zu bezeichnen. Ihrer Wahrheit und ethnologischen Disziplin, um es selbst altmodisch auszudrücken. Ein «kleines Stück Gedächtnis» ihres Landes wollte sie sein. Vorgestern, am 18. April, ist Jacqueline Veuve, 83-jährig, nach langer Krankheit gestorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2013, 17:22 Uhr

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