Jean Ziegler demontiert sich selbst

Respektvoll portraitiert Nicolas Wadimoff Jean Ziegler, seinen früheren Professor. Doch der Dokumentarfilmer schaut genau hin – und macht Widersprüche des alten Revolutionärs deutlich.

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«Ich bin bloss ein kleiner Bourgeois», sagt Jean Ziegler gegen Ende des Portraits, das Nicolas Wadimoff über ihn gedreht hat. Und das gestern in Locarno uraufgeführt wurde mit beträchtlichem Schlussapplaus. Dazu schaut er bekümmert drein und klingt bescheiden, wie gefangen in der calvinistischen Demut seiner Erziehung.

Aber die Demut erweist sich als gespielte Bescheidenheit. Denn nichts an dem, was Jean Ziegler von sich hält, findet er klein. Und alles, was er gegen das Schlechte in der Welt unternimmt, dient auch dem eigenen Glanz. Jean Ziegler tut Gutes und spricht über den, der Gutes tut. Einen wie ihn könne die SP gerade noch vertragen, hat Helmut Hubacher einmal gesagt, Zieglers damaliger Parteipräsident. Einen.

Das Ausland liebt ihn ja

Wie kommt man so einem bei? Es ist schwierig, Jean Zieglers rhetorischem Radikalismus zu widerstehen, seinem Charme und Humor, der passionierten Intelligenz, dem barocken Engagement eines katholischen Konvertiten. Und doch geht er damit vielen in der Schweiz auf die Nerven; den Rechten sowieso, aber auch den Linken. Man wirft ihm einen fahrigen Umgang mit Fakten vor, findet seine Bücher zu pauschal in ihrer Argumentation, ist seiner Belehrungen müde geworden, misstraut seiner Nähe zu Diktatoren, seiner Verklärung linker Regimes.

Umso mehr lieben sie ihn im Ausland; dort wird der 82-Jährige «leading Swiss academic» («The Independent») als Wanderheiliger gegen Hunger und Armut gefeiert, als Kritiker seiner Heimat zum Schweiz-Bashing geladen. Auch die jungen Globalisierungsgegner johlen ihm zu, wie der Film bei einem Auftritt von Ziegler in München zeigt. Der Gefeierte beschliesst seine Rede mit einem Neruda-Zitat, einem seiner philosophischen Textbausteine zusammen mit Sartre, Rousseau, Gramsci und anderen.

Die milde Variante

Nicolas Wadimoff hat sich bei seinem Portrait für eine milde Rezeption entschieden, wie er im Gespräch einräumt (Lesen Sie hier das Interview). Dass er nicht unbefangen vorgeht, macht er früh im Film klar. Denn er hat bei Ziegler studiert, bevor er sich von der Soziologie abwandte und für eine Filmkarriere entschied. Ein politischer Autor bleibt er bis heute. Der 52-Jährige Regisseur drehte in Mexiko und Algerien, Ruanda und Palästina und in anderen lodernden Ländern. Sein letzter Dokumentarfilm portraitiert einen Boxer im Marseiller Ghetto, sein letzter Spielfilm handelt von einem missglückten Banküberfall linker Aktivisten in Zürich. Nicolas Wadimoff kennt das Terrain, das Jean Ziegler in seinen Büchern absteckt.

Leinwandfüllendes Ego

Und er hat vor den Dreharbeiten klargemacht, dass er Distanz zu ihm wahren wolle. Entweder hat Ziegler das überhört, oder Wadimoff hat es vergessen. Denn ein beträchtlicher Teil des Films zeigt das Ego des Protagonisten leinwandfüllend. Wir sehen Jean Ziegler, der im Auto eine Rede vorbereitet und sich dabei selber kommentiert; der daheim am Arbeitstisch über den Che Guevara reminisziert, den er vor fünfzig Jahren ein paar Tage durch Genf fuhr; der im Genfer UNO-Sitz gegen die sogenannten Vulture funds anredet, das sind billig aufgekaufte Schulden armer Länder, die von Dritten in voller Höhe eingefordert werden; und der sich, von seiner Frau Erica begleitet, nach der Landung in Kuba über die nächtliche Ruhe freut, die sich durch Mangel an Werbung, Geschäften und Strassenlampen zwanglos ergibt.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», hat Lenin verordnet. Das Zitat steht rostig am Rand eines kubanischen Feldes, auf dem eine Landkooperative ihre Befreiung beackert. Unwidersprochen darf Jean Ziegler das Zitat gutheissen. Die Bauern reden mit ihm darüber, als stünden sie vor einer Kalaschnikow. Nach der Vorführung in Locarno sagt Ziegler, er bereue das Zitat; Lenin zu zitieren gehe nicht. Aber das bekommen die kubanischen Bauern nicht mit.

Ziegler doziert Kuba

Aber Nicolas Wadimoff hat nicht nur Geduld, er hat auch den genauen Blick. Je länger sich Ziegler im revolutionären Paradies aufhält, desto stärker kollidiert seine Rhetorik mit dem kubanischen Alltag. Als der entflammte Soziologe mit seinem ehemaligen Studenten Segis Petschen ins Gespräch kommt, der in Kuba als Energiefachmann aushilft, redet Ziegler auf ihn ein, statt ihm zuzuhören. Und je zögerlicher der Junge Antwort gibt, desto lauter doziert der Alte. Er scheint es nicht zu vertragen, dass sich der reale Sozialismus nicht an seine Regieanweisungen gehalten hat.

Schliesslich wird es selbst Wadimoff zu viel, und er konfrontiert seinen ehemaligen Professor mit dem Offensichtlichen. Den fehlenden Grundrechten in Kuba, dem Verbot freier Parteien und einer freien Presse. Ziegler sieht das als blossen Kollateralschaden, hinzunehmen auf dem Weg zur realisierten Utopie. In solchen Moment blättert der Charme des leading Swiss academic ab, und es tritt der politische Belehrer hervor, der nie erleiden musste, was er anderen verschrieb. «Auf fremdem Arsch ist gut durchs Feuer reiten», hat Wolf Biermann gesagt. Solche Zitate bekommt man von Jean Ziegler nicht.

Dafür finden ihn die kubanischen Medien toll. Ziegler darf einer Zeitung seinen Che erzählen, und das nationale Fernsehen lädt ihn zum Interview. Keiner habe ihn danach gefragt, was er sagen werde, freut er sich. Sie hätten wohl gewusst, kommentiert seine Frau, wer er sei und was er finde. «Hör auf, Loulou», sagt er. Dann erklärt er, warum er Kuba nicht kritisieren werde.

Jean Ziegler will doch die Revolution nicht aufhalten.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 08:51 Uhr

Nicolas Wadimoff: «Jean Ziegler, l'optimisme de la volonté». Schweiz 216, 93 Minuten.

Weitere Vorführührungen in Locarno: 9.8. und 12.8. Palavideo,

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