Jeder dritte Dokumentarfilm hat weniger als 1000 Zuschauer

Der Schweizer Dokfilm ist berühmt. Aber in hiesigen Kinos interessiert er kaum.

«A Home Far Away» von Peter Entell hatte 981 Zuschauer. Foto: PD

«A Home Far Away» von Peter Entell hatte 981 Zuschauer. Foto: PD

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Die Schweiz ist ein Dokfilmland, das ist ringsum bekannt. Ein Grund dafür ist, dass man in einer Nation ohne nennenswerte Filmindustrie auf günstigere dokumentarische Produktionen setzt. Ein anderer lautet, dass ein Volk von «Schweizermachern» besser darin ist, andere zu observieren, als selber Visionen zu entwerfen – auch wenn es natürlich auch für Dokfilme gute Ideen braucht. Nur mögen die hiesigen Zuschauer nicht auch noch den Beobachtern beim Beobachten zusehen. Von den Schweizer Dokfilmen, die zwischen 2012 und 2017 in die Kinos gekommen sind, erreichten 70 Prozent weniger als 5000 Zuschauer. Das ist die Schwelle, die das Bundesamt für Kultur (BAK) als «gewissen Erfolg» bezeichnet und ab der die Produzenten Gutschriften erhalten.

Die Rechnung zeigt: In den letzten sechs Jahren liefen 313 Schweizer Dokfilme an, das entspricht einem Start pro Woche. Vier Fünftel davon haben weniger als 10'000 Zuschauer, fast ein Drittel weniger als 1000. Nur «More Than Honey» schaffte es über 100'000. Im Jahr von Markus Imhoofs Erfolg verdoppelten sich die Gesamteintritte, danach sanken sie stetig. Zogen Schweizer Dokumentarfilme vor zehn Jahren noch rund 397 000 Zuschauer jährlich an, waren es 2017 noch 233'000. Viele dieser Filme wurden im Jahr zuvor finanziert und produziert: 2016 haben die SRG, das BAK und die Zürcher Filmstiftung zusammen 8,6 Millionen Franken in Kinodokumentarfilme investiert.

Das ist viel weniger Geld als beim Spielfilm – nur leiden alle Filme unter dem allgemeinen Kinobesucherschwund. Die Digitalisierung spült insgesamt mehr Filme, auch Dokfilme, ins Kino. Diese laufen oft nicht lange genug, damit Mundpropaganda entstehen könnte. Zudem häufen sich in letzter Zeit auch bei Dokfilmen die Starts durch kleine Do-it-yourself-Verleiher, die kaum Werbebudgets haben.

Soll man Festivals mitzählen?

Natürlich sagen Eintritte in der kleinen Schweiz wenig aus über die Qualität eines Films. Wichtiger sind Festivalpremieren und Lancierungen im Ausland. Hat ein Film hierzulande Erfolg, wird er meist auch gut weiterverkauft. Umgekehrt ist es bei Festivals: Heidi Specognas «Cahier africain» um Kriegsgräuel in der Region Zentralafrika kriegt reichlich Preise, hat aber kaum Zuschauer.

Schweizer Festivals wie Solothurn oder Locarno sind deshalb interessiert, ihre Eintritte an die offizielle Kinobesucherstatistik der Filme anzurechnen. Bislang geschieht das noch nicht. Für Solothurn-Direktorin Seraina Rohrer sind Festivals längst Orte einer alternativen Auswertung: «Filme leben immer mehr an Festivals.» In Solothurn kamen die acht Dokumentarfilme, die 2017 um den Prix de Soleure konkurrierten, auf insgesamt immerhin 7728 Eintritte (mehr freie Plätze hatte es allerdings gar nicht).

Ein Publikum findet man auch, wenn man mit seinem Film auf Tour geht. Simon Baumann reiste mit «Zum Beispiel Suberg» (2013) durch kleinere Orte, und nicht alle Eintritte von Landkinos erscheinen in der Statistik. Wichtig sind auch Schulvorführungen, die man unter Umständen so lange durchführt, bis man 5000 Eintritte zusammenhat. Wenn aber so viele Schweizer Dokumentarfilme vor allem an Festivals leben und sonst kaum Leute erreichen: Wie wäre es stattdessen, Dokumentarfilme gezielt auf Festivalerfolge hin zu fördern – und die besten dann bei uns im Kino zu starten?


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 19:52 Uhr

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