Kamerafahrt ins Wespennest

Der Schweizer Regisseur Dani Levy dreht in Jerusalem und den Palästinensergebieten vier Kurzfilme – mit Schauspielern von beiden Seiten.

Sein Geld verdient er sonst mit Arabischunterricht: Ali Al Azhari (l.) spielt Yassir Arafats Geist. Foto: Alexandra Föderl-Schmid

Sein Geld verdient er sonst mit Arabischunterricht: Ali Al Azhari (l.) spielt Yassir Arafats Geist. Foto: Alexandra Föderl-Schmid

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«Ich habe es mir einfacher vorgestellt, hier zu filmen. Wir haben in ein Wespennest gestochen.» Dani Levy dreht nicht nur zum ersten Mal mit einer 360-Grad-Kamera in 3-D, sondern er tut dies in Israel und in den palästinensischen Gebieten: Mit einem Team sowohl aus Israelis als auch aus Palästinensern arbeitet er an vier Kurzfilmen von fünf bis acht Minuten Länge – zwei aus israelischer, zwei aus palästinensischer Perspektive. «Glaube», «Liebe», «Hoffnung» und «Angst», so die Titel, sollen im Februar bei der Berlinale gezeigt werden.

Dass hier, am Brennpunkt des Nahostkonflikts, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, war Teil von Levys Konzept. Doch dass es so schwierig werden würde, hatte er sich nicht vorgestellt. Schauspielern in Uniform stehen plötzlich echte Uniformierte gegenüber. Der palästinensische Line Producer Tony Copti, der eigentlich für die Organisation vor Ort zuständig ist, wird von israelischen Grenzpolizisten mitgenommen. Die Drehgenehmigungen werden geprüft, dann darf weitergearbeitet werden.

Genehmigung verweigert

Immerhin gab es für diesen Dreh in Ostjerusalem überhaupt eine Erlaubnis. Die palästinensische Seite hat die Drehgenehmigung für Abu Dis verweigert. Dort stehen die Ruinen jenes Hauses, das einmal das palästinensische Parlament werden sollte. In der kurzen Euphorie nach den Oslo-Abkommen begann man Ende der 90er-Jahre mit dem Bau, doch mit dem Friedensprozess kam auch das Projekt zum Ende.

Abu Dis sei für die Palästinenser ein sensibler Ort, und das Drehbuch habe ihnen auch nicht gefallen, erzählt Copti. Schliesslich erscheine Yassir Arafat im Film – als Geist. Die Angst, die Ikone könnte lächerlich gemacht werden, war wohl zu gross. Dass mit Levy ein in Deutschland arbeitender Jude mit Schweizer Pass das Projekt leitet, war ebenfalls vielen suspekt. Copti musste in wenigen Stunden einen neuen Drehort auftreiben. Einige Kilometer ausserhalb Jerusalems wurde er fündig. Ein aufgegebener Hotelrohbau dient im Film nun als Parlament. Dass während des Drehs orthodoxe Jugendliche auftauchen und zuschauen wollen, mutete fast irreal an.

Auch wenn viel improvisiert wird am Set – der Bart von Arafat muss sitzen. «Das sieht ja wie im Fasching aus!», schimpft Levy, als er den Schauspieler Ali Al Azhari mit angeklebter Haarpracht sieht. Die israelische Maskenbildnerin ist nicht erschienen – weil Sabbat ist, vermutlich. Als sie per Handy ein paar Ratschläge durchgibt, klappt es dann irgendwie: Aus Ali Al Azhari wird Arafat.

Kuchenbackform und Reithelm als Filmequipment

Für ihn sei diese Rolle eine Ehre, meint er. «Aber es wäre leichter, Cäsar zu spielen.» Er war selbst in der PLO und hat Arafat mehrfach getroffen. Dass dieser im Film als Geist erscheint, findet er gut. Aber der Mittsechziger weiss, dass das nicht allen gefallen wird. Doch so oft hat der Palästinenser aus Jaffa nicht die Gelegenheit, in seinem Beruf als Schauspieler zu arbeiten. Sein Geld verdient er sonst mit Arabischunterricht. Auch viele der übrigen beteiligten Schauspieler haben andere Jobs.

Die Pause nutzen Levy und Kameramann Filip Zumbrunn, um sich noch einmal mit der 360-Grad-Kamera auseinanderzusetzen. Levy erklärt, man müsse mit dieser Technik ganz anders arbeiten: «Man kann nicht einfach einen Schwenk machen. Da wird den Leuten beim Zuschauen schlecht.» Die Kamera mit sechs Objektiven ist ein Prototyp. Eine kleine Linse ganz oben ermöglicht es dem Regisseur, die Szenen auf dem Handy mitzuverfolgen. Die ganze Konstruktion ist selbst gebaut: Auf einen Reithelm vom Flohmarkt hat Zumbrunn die Kamera montiert; die Mikrofone sind an einer Kuchenbackform befestigt.

Passanten mischen sich ein

Das Gestell muss er auf seinem Kopf balancieren, die Dreharbeiten gehen aber auch in die Beine. Weil auf Augenhöhe der Zuschauer gefilmt wird, muss der Kameramann in die Knie gehen. Deshalb hat er sich eine Art Melkschemel um die Hüften geschnallt. So kann er sich zwischendurch hinsetzen und auch leichter ruhigere Kamerafahrten hinbekommen.

Auch Levy ist am Abend die Erschöpfung anzumerken, als er in seiner angemieteten Wohnung in Jerusalem den Tag Revue passieren lässt. «Es ist einfach alles wahnsinnig intensiv.» Zwei Tage zuvor wurde am Zionsplatz gedreht mit einem israelischen Stand-up-Comedian, der von zwei Schauspielern, die aggressive Israelis mimten, angepöbelt wird. Als sich Passanten einmischten, verschwammen auch hier wieder Fiktion und Realität.

In seinem Konzept für das Filmprojekt schrieb Levy: «Entscheidend für die Findung der Geschichten ist die Tatsache, dass Jerusalem aus einem israelischen und einem palästinensischen Teil besteht. Nichts ist einfach, nichts ist heute so wie morgen.» Das galt für die Dreharbeiten, das gilt aber auch für Jerusalem, wo alles noch spannungsgeladener geworden ist seit der Erklärung von Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Der Text, den Arafat im Film spricht, klingt alles andere als fiktional: «Nur die Angst, die ist real. Die Angst vor Lösungen.» Er warte hier, sagt Arafat, dass die Parlamentarier endlich zur Staatsgründung kommen, und brüllt: «Wo seid ihr, ihr Schisser?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2017, 18:21 Uhr

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