Interview

«Kein Spass bei Verschleierung und Sex»

Am Filmfestival Fribourg werden Schlüsselwerke des iranischen Kinos gezeigt. Kenner Ehsan Khoshbakht sagt, was Filme in einem tyrannischen Regime bedeuten können.

Ein Vorzeigeproduktion des zeitgenössischen iranischen Films: Trailer zu «Manuscripts Don’t Burn».


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Welche Rolle spielt das Kino im Iran?
Eine wesentliche. Mit dem Kino kommt ein frischer Lufthauch in ein Zimmer mit 70 Millionen Leuten. Weder die absurde Zensur noch der schlechte Geschmack können dagegen etwas ausrichten. Iraner suchen im Kino etwas, das mit ihrem Leben zu tun hat. Etwas, das sie aus der Zeitung nie erfahren werden.

Ist das iranische Kino ein Spiegel der Gesellschaft? Oder eher ein Eindringling ins kollektive Bewusstsein?
Beides. Noch der abgehobenste Film spiegelt die Umstände seiner Entstehung. Zugleich liegt es in der Natur des Kinos, die Dinge, deren es sich bedient, neu zu formen. Aber Begriffe wie «Nation» oder «Spiegel» sind sehr abstrakt. Für mich ist das iranische Filmschaffen eine Kultur des Widerstands. Deshalb sollte man sie ernst nehmen.

Kennt man heute noch die alten Filme aus dem Iran?
Schon, aber Zugang hat man selten. Jene Filme, die man sehen kann, bleiben im gesellschaftlichen Kurzzeitgedächtnis. Andere werden eher vergessen, etwa Filme aus der nachrevolutionären Zeit. Als ich kürzlich an einer Retrospektive mit Filmen von Mohammad Ali Talebi mitwirkte, war ich schockiert, als ein iranischer Kritiker meinte, wir hätten wohl den Verstand verloren, weil wir Filme von einem Mann zeigen würden, der von Kameraperspektiven keine Ahnung habe. So was kann man nur als Zeichen historischer Ignoranz lesen.

Dabei haben Iraner vor dem Kino grossen Respekt.
Ja, im Iran wird das Kino heisser geliebt als jede andere Kunstform. Das Land ist sehr cinephil, sogar verglichen mit westlichen Ländern. Auch die Filmindustrie ist recht gesund, und das in einem Land, das knietief in der Krise steckt. Wir haben eigene Genres und Filmstars. Das Kino soll uns gewissermassen unseren verlorenen kulturellen Status zurückgeben. Viele Iraner glauben an ein iranisches Kino, das quasi das Gegengift zu dem Bild liefert, das der TV-Sender Fox News von unserem Land zeichnet. Im Iran erscheint täglich eine Filmzeitung, dazu kommen filmische Hommagen ans amerikanische Kino. Erstaunlich für ein Land, das den Tag gern mit dem Slogan «Down with the USA» beginnt.

Eine grosse Restriktion aber bleibt: die Zensur.
Ja. Alles, von der Idee übers Drehbuch bis zum fertigen Film, unterliegt der staatlichen Zensur. Manchmal passiert ein Film die Labyrinthe der Zensoren und wird dann doch zur Strecke gebracht, sobald sich ein Regionalfürst oder ein religiöser Führer dagegen auflehnt.

Wie funktioniert das konkret?
Schwer zu sagen. Die Grenzlinien werden immer wieder neu gezogen. Keinen Spass verstehen die Zensoren bei Themen wie Verschleierung, Sex, Homosexualität und jeder «inoffiziellen» Darstellung des Islams. Andere Grenzen sind weniger klar definiert. Je nach Geschmack und Strenge der Machthaber werden neue Tabus geschaffen. Der Iran-Irak-Krieg zum Beispiel durfte nur in einem bestimmten Genre dargestellt werden, in sogenannten «heiligen Abwehrfilmen» mit heroischen Märtyrersoldaten. Heute dürfen zwar Komödien über den Krieg gemacht werden, aber die offizielle Lesart stellt trotzdem keiner infrage.

Wie muss man sich die Auflagen zur Verschleierung vorstellen?
Im iranischen Film sollten Frauen ihr Haar bedecken, selbst wenn sie im Schlafzimmer sitzen und mit ihrem Ehemann reden. Das wurde zu einer erzwungenen filmischen Regel, auch wenn es offensichtlich unrealistisch ist.

Was bedeutet es, im Iran einen politischen Film zu drehen?
Es gibt im Iran zwei Arten von politischen Filmen: Erstens solche, die sich direkt mit Politik auseinandersetzen. Und zweitens der ganze Rest. Die Geschichte des iranischen Kinos hat gezeigt, dass sich dieser «Rest» meistens auf viel einnehmendere Art mit Politik beschäftigt als die Filme, die sich scheinbar direkt politischen Themen annehmen.

Wieso das?
Die «Rest»-Filme vermitteln das Gefühl eines politisch aufgeladenen Kinos. «This Is Not a Film» von Jafar Panahi ist ein gutes Beispiel. Der Film hat scheinbar nichts mit Politik zu tun – und doch schreit jedes einzelne Bild den politischen Subtext heraus. Dagegen sind die explizit politischen Filme meistens nichts anderes als Propaganda. In den letzten Jahren wurden Filme über die umstrittene Präsidentschaftswahl von 2009 gedreht, die alle die Version des Regimes bestätigen. Also: «Die Krawalle wurden von Zionisten und von den Gegnern aus den USA unterstützt.»

Und doch sind die Iraner weiterhin entflammt für ihr Kino.
Ja, und zwar seit langer Zeit. Vor der Revolution konnten wir alle möglichen Filme sehen, aus Hollywood, Italien, Indien, aus der Sowjetunion. Darauf gründet die Zuneigung der Iraner zum Kino. Als nach der Revolution ausländische Filme verboten wurden, hielten sich meine Eltern an die orale Tradition und erzählten uns Filme. Bevor ich «The Godfather» sehen konnte, hörte ich von dem Film, weil mein Vater mir die Schlüsselszenen erzählt hat. Und glauben Sie mir: Manchmal war meine Fantasie viel wilder als das, was ich Jahre später tatsächlich zu sehen bekam. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2014, 19:07 Uhr

Der Iraner Ehsan Khoshbakht ist Jazz- und Filmkenner. Der gelernte Architekt lebt und arbeitet in London. Er schreibt in Blogs übers Kino.

Info

Das Festival International de Films de Fribourg (FIFF) zeigt bis 5.4. Schlüsselwerke des iranischen Films. Hier gehts zum Programm.

Artikel zum Thema

Iran verblüfft mit Kopie von US-Flugzeugträger

Hintergrund Teheran baut einen amerikanischen Flugzeugträger nach, allerdings ohne Atomantrieb und im Massstab zwei zu drei. Das US-Militär rätselt über den Sinn der Aktion. Mehr...

Iran stoppt Uran-Anreicherung

Die Umsetzung des Atomabkommens hat begonnen: Unter der Aufsicht von Atominspektoren ist die Anreicherung von Uran auf 20 Prozent gestoppt worden. Die EU könnte noch heute erste Sanktionen lockern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Die Farbe, die allen gefällt

Mamablog Beisshemmung vor der Zahnspange

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...