«Keiner hat Putins politisches Kaliber»

Werner Herzogs neuester Dokumentarfilm ist eine Begegnung mit Michail Gorbatschow – und eine Reflexion über das heutige Russland.

Seitdem die Filme von Werner Herzog im Netz zu finden sind, hat er ein sehr junges Publikum. Foto: Dirk Bruniecki (laif)

Seitdem die Filme von Werner Herzog im Netz zu finden sind, hat er ein sehr junges Publikum. Foto: Dirk Bruniecki (laif)

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Herr Herzog, Sie sind ein sehr erfindungsreicher Regisseur, gerade auch in Ihren Dokumentarfilmen. Hat das etwas mit Ihrer Kindheit zu tun? Sie haben einmal beschrieben,wie Sie nach dem Krieg in Deutschland Ihr eigenes Spielzeug erfunden haben.
Ich glaube, Kino ist doch etwas anderes als eine Kindheit ohne Spielzeug. Aber natürlich weisen Sie auf etwas hin, was andere Dokumentarfilmregisseure nicht machen. Ich stilisiere ja in den Dokumentarfilmen, erfinde oder inszeniere. So wie man in einem Spielfilm einen schlecht geratenen Take wiederholt, mache ich das auch im Dokumentarfilm. Ich mache das deshalb, weil es Dinge gibt jenseits des rein Faktischen. Deshalb glaube ich, dass meine Dokumentarfilme immer eine merkwürdige Lebendigkeit haben.

Gibt es eine Grenze zur Manipulation, die Sie nicht überschreiten würden?
Natürlich. Als ich meinen neusten Film «Meeting Gorbachev» machte, fing ich nicht an, wild zu erfinden und Gorbatschow Aussagen in den Mund zu legen, die er nie gemacht hat. Da diktiert eindeutig die Substanz des Films die Form.

Sie haben während sechs Monaten mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten geredet. Sie wirken sehr nervös, waren Sie das?
Ach was! Ich war total gelassen. Lebendig, weil ich nachdenke. Ich habe ihm gesagt: «Michail Sergejewitsch, Sie haben es hier nicht mit einem Journalisten zu tun, ich habe keinen Fragenkatalog.» Das hat ihm Eindruck gemacht, weil wir so miteinander ein Gespräch führen konnten, bei dem keiner wusste, in welche Richtung es gehen würde.

Sie sind im geteilten Deutschland aufgewachsen und haben sich die Wiedervereinigung herbeigesehnt. Die Begegnung mit Gorbatschow scheint Sie besonders berührt zu haben.
Deswegen muss ich auch sagen, dass ich ihn nicht nur respektiere, sondern dass ich ihn dafür liebe. Aber merkwürdigerweise verbindet uns noch mehr, nämlich eine ähnliche Kindheit. Wir sind beide nicht in Städten, sondern an der Peripherie aufgewachsen. Beide ohne fliessendes Wasser. Bei Gorbatschow gab es vermutlich mehr Elektrizität als bei uns. Eine ungewöhnliche Kindheit, aber in vielem ähnlich.

Sie sagen im Film selber, dass wir heute eine Wiederauflage des Kalten Kriegs erleben würden. Wie meinen Sie das?
Es hat mit einem Narrativ in den westlichen Medien zu tun. Heute ist es ja nicht mehr so wichtig, was die tatsächlichen Realitäten sind, sondern die Frage lautet: «Who owns the narrative?» Wer diktiert die Erzählung? Insofern ist die Dämonisierung Russlands ein grosser Fehler des Westens. Russland wird den Westen nicht angreifen. Die sicherste Grenze, die Russland heute hat, ist jene zum Westen. Das ist die überwältigende Realität.

Putin, der Manipulator, der gar nicht so viel manipulieren kann – wäre das nicht eine sehr interessante Figur für einen Film von Werner Herzog?
Er ist eine sehr interessante Figur für einen Film von Oliver Stone. Seine «Putin Interviews» sind sehr eindrucksvoll, weil Putin da als jemand rüberkommt, der ausserordentlich weitsichtig agiert und keinerlei Absichten hat, das sowjetische Imperium zurückzugewinnen. Wie er in der Fernsehfragestunde auftritt und mit den rabiaten Fragen umgeht, die da gestellt werden, das ist ausserordentlich. Ich könnte niemanden nennen auf der Welt, der das politische Kaliber von Putin hat. Aber klar: Russland ist nicht die liberale Demokratie, wie wir sie uns wünschen.

Ich wollte Ihnen keine rabiate, aber eine vielleicht etwas ketzerische Frage stellen.
Raus damit!

Sie haben mit Blick auf Ihr dokumentarisches Kino den Begriff der «ekstatischen Wahrheit» geprägt. Heute scheint jeder Verschwörungstheoretiker seine eigene ekstatische Wahrheit gefunden zu haben. Sehen Sie da Parallelen?
Das hat ja nichts mit Wahrheiten zu tun, sondern mit Verzerrung von Realitäten. Verzerrungen im Dienst von politischen Positionen. Angenommen, in einem «Dokumentarfilm» – und setzen Sie das Wort bitte in Anführungszeichen, ich gehe ja immer darüber hinaus – erfinde ich etwas, dann will ich ja nicht betrügen, so wie das in der politischen Realität der Fall ist. Sondern ich möchte in die Tiefe leuchten.

Hier Kunst, da Politik. Es gibt also gar keine Analogien?
Das ist generell eine legitime und interessante Frage, weil wir ja von manipulierten Selbstdarstellungen umgeben sind. Aber Verzerrungen von Fakten hat es in der Politik gegeben, seitdem wir Aufzeichnungen haben. Der ägyptische Pharao Ramses II. stellte sich in Fresken als Sieger in der Schlacht gegen die Hethiter dar. Dabei gibt es einen Vertrag zwischen den Parteien, in dem steht, dass Ramses II. die Schlacht gar nicht gewonnen hat. Vielmehr ging sie irgendwie unentschieden aus!

Sie werden während Ihrer Zeit in der Schweiz auch das Cern besuchen. Was wollen Sie dort?
Das Merkwürdige ist, dass ich unter jüngeren Wissenschaftlern eine riesige Anhängerschaft habe. Die laden mich seit Jahren ein. Ich sehe mir das gern an, auch wenn ich nicht alles verstehen muss. Aber was dort gemacht wird, ist von aussergewöhnlicher Bedeutsamkeit.

Sie haben überhaupt eine junge Fangemeinde.
Seit meine Filme gut im Netz zu finden sind, fällt mir auf, dass es jetzt die 15-Jährigen sind, die mich anschreiben. Ich war in der Royal Albert Hall in London und dachte, ich sehe nicht richtig: Die Hälfte der Leute war unter 20.

Der Dokumentarfilm hat also eine grosse Zukunft?
Ich glaube, die Jungen haben erkannt, dass Youtube und Twitter ihnen nicht wirklich die Einsichten vermitteln, die sie suchen. Sie wollen tiefer schauen. Und wenn sie auf Youtube Katzenvideos und Pornofilme schauen, landen sie fast zwangsläufig irgendwann bei meinen Filmen.

Erstellt: 07.04.2019, 19:32 Uhr

Werner Herzog

Der 1942 geborene Regisseur und Autor wuchs im bayrischen Dorf Sachrang auf, nachdem seine Eltern vor den Bombenangriffen in München geflohen waren. Heute lebt er in Los Angeles. Herzog drehte über 60 Filme, darunter «Fitzcarraldo», «Grizzly Man» oder «Cave of Forgotten Dreams». Am 50. Visions du Réel in Nyon, das 14 seiner Werke zeigt, wird Herzog heute Abend mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. (blu)

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